Deutscher Arbeitsmarkt

14 Jahre Aufschwung nehmen ein jähes Ende

Von Britta Beeger
04.01.2021
, 18:51
Corona schafft, was nicht einmal die Finanzkrise 2008 fertigbrachte: Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland sinkt zum ersten Mal seit langer Zeit. Wie schnell kann sich der Arbeitsmarkt von diesem Schock erholen?

Das neue Jahr beginnt für den deutschen Arbeitsmarkt mit einer Nachricht, die vor Ausbruch der Corona-Pandemie wohl niemand für möglich gehalten hätte: Nach 14 Jahren Aufschwung, der selbst die große Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 überdauerte, ist die Erwerbstätigkeit im abgelaufenen Jahr erstmals wieder gesunken – und das sogar kräftig.

Wie das Statistische Bundesamt am Montag anhand einer ersten Hochrechnung mitteilte, hatten im Krisenjahr 2020 durchschnittlich 44,8 Millionen Menschen eine bezahlte Arbeit. Das waren 477.000 oder 1,1 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Besonders große Beschäftigungsverluste verzeichneten der Handel, der Verkehr und das Gastgewerbe, aber auch die Industrie. Forschungsinstitute waren ursprünglich von einem Anstieg ausgegangen, wenn auch wegen des demographischen Wandels nicht mehr von einem so starken wie in früheren Jahren.

Allerdings: Angesichts des enormen Einbruchs der Wirtschaftsleistung von um die 5 Prozent hätte es Fachleuten zufolge noch viel schlimmer kommen können. „Eigentlich hat der Arbeitsmarkt auf die Krise relativ robust reagiert“, sagt Ulrich Walwei, Vizedirektor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB). Und auch Christoph Schmidt, Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, meint: „Gemessen an der Herausforderung, die wir zu meistern hatten, ist der Arbeitsmarkt viel glimpflicher davongekommen, als zu befürchten war.“

Deutlich weniger Minijobber

Zurückzuführen ist die niedrigere Erwerbstätigkeit insbesondere auf einen kräftigen Rückgang der marginal Beschäftigten von um die 7 Prozent. Sie sind oft als Minijobber in der Gastronomie und im Tourismus tätig – Branchen, die von den Corona-Einschränkungen hart getroffen wurden. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hingegen blieb, insbesondere durch den umfangreichen Einsatz der Kurzarbeit, stabil. „Die Unternehmen wollen ihre Stammbelegschaften offensichtlich halten, weil sie Sorge haben, nach der Krise keine neuen Mitarbeiter zu finden“, sagt Walwei. Dazu haben sie auch auf den Abbau von Überstunden und Arbeitszeitkonten gesetzt.

Für die Erholung am Arbeitsmarkt, die sich durch eine Verlängerung des Lockdowns nun ohnehin verzögern dürfte, könne das jedoch zu einer Belastung werden, so Walwei: Denn bevor die Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen und die Erwerbstätigkeit wieder substantiell wächst, dürften sie zunächst die Kurzarbeit zurückfahren. Das war schon in der Wirtschafts- und Finanzkrise zu beobachten: Im Krisenjahr 2009 war die Erwerbstätigkeit sogar noch leicht im Plus geblieben, im Jahr 2010 hat sie trotz eines kräftigen Wirtschaftswachstums aber kaum zugelegt.

Hinzu kommt, dass sich die Wirtschaft in einem Strukturwandel hin zu mehr Klimaschutz und Digitalisierung befindet, der sich durch die Corona-Krise beschleunigt hat. Nicht nur die Industrie stehe vor großen Umbrüchen, sagt Wirtschaftsforscher Schmidt, auch die Reisebranche habe es zum Beispiel schwer. „Die Gewichte zwischen Sektoren, Branchen und Unternehmen verschieben sich. In so einer Welt eine neue Beschäftigung zu finden ist nicht leicht.“

Erholung dürfte sich hinziehen

Schneller Einbruch, langsame Erholung – diese Erwartung teilen viele Fachleute. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute etwa gehen in ihrer aktuellen Gemeinschaftsprognose davon aus, dass die Erwerbstätigkeit im Zuge des gesamtwirtschaftlichen Aufschwungs langsam weiter steigen wird, und rechnen mit einem Plus von 150.000 Erwerbstätigen in diesem Jahr. Die „Wirtschaftsweisen“ erwarten hingegen nur einen kleinen Zuwachs.

Ein Anstieg der Erwerbstätigkeit ist schon seit dem Herbst zu beobachten, wenngleich die Zahlen weiter deutlich unter dem Vorjahresniveau liegen. Parallel dazu sind sowohl die Kurzarbeit – zuletzt noch rund 2,2 Millionen – als auch die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten wieder spürbar zurückgegangen. Letztere liegt mit aktuell rund 2,7 Millionen jedoch ebenfalls immer noch deutlich höher als vor einem Jahr. Arbeitsmarktforschern zufolge dürfte sie 2021 weiter abnehmen, ihr Vorkrisenniveau aber auch Ende 2022 noch nicht erreicht haben.

Sämtliche Prognosen zur Entwicklung des Arbeitsmarktes sind jedoch mit großer Unsicherheit behaftet. Denn wie schnell sich dieser von der Corona-Krise erholt, hängt von vielen Faktoren ab – allen voran davon, wann weite Teile der Bevölkerung geimpft sind und wie schnell Lockerungen der Corona-Einschränkungen möglich sind. Der Einzelhandelsverband HDE etwa hat angesichts der coronabedingten Ladenschließungen gerade gewarnt, es drohe das Aus für bis zu 50.000 Geschäfte mit mehr als 250.000 Mitarbeitern. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. hält eine Verlängerung des Lockdowns zwar für richtig, rechnet jedoch mit einer Insolvenzwelle.

Wo sollen die Fachkräfte herkommen?

Eine entscheidende Aufgabe sei aber auch, „die Qualität staatlichen Handels zu verbessern“, sagt Wirtschaftsforscher Schmidt. So habe die Corona-Krise gezeigt, wie sehr Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinke, insbesondere im Gesundheitswesen. „Warum ist die Leistungsgrenze der Gesundheitsämter immer noch wie im Frühjahr bei einer Inzidenz von 50 erreicht?“, fragt er. „Hier hätten wir längst besser werden müssen.“

Darüber hinaus spielt für die Exportnation Deutschland und damit auch für den Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt und ob die Exporte wieder anziehen. „Die Erholung kann nicht allein aus Binnenkräften kommen. Wenn wir im Winterhalbjahr einen erneuten kräftigen Einbruch der Wirtschaftsaktivität in Deutschland vermeiden können, dann liegt das vor allem am starken Welthandel.“

Ist die Corona-Krise erst einmal überwunden, dürfte schnell ein Thema wieder auf der Agenda stehen, das vor Ausbruch der Krise dominierend war: der enorme Fachkräftebedarf der Unternehmen. „Das ist ein Stück weit aus dem Bewusstsein gerückt. Aber wenn die Pandemie eingedämmt ist, wird das mit Macht zurückkommen“, sagt IAB-Vizedirektor Walwei. Denn in diesem Jahrzehnt werde sich die Alterung der Gesellschaft durch den beginnenden Renteneintritt der Babyboomer drastisch beschleunigen. Ohne wieder mehr Zuwanderung, die den Aufschwung am Arbeitsmarkt neben einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Beschäftigten in den vergangenen Jahren entscheidend getragen hat, werde es nicht gehen, sagt er. „Das ist die Hauptherausforderung für die Zukunft: Mit welchen Arbeitskräften wollen wir die Wirtschaft am Laufen halten?“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Beeger, Britta
Britta Beeger
Redakteurin in der Wirtschaft.
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