Deutsche Industrie

Auf dem Weg in den Post-Corona-Boom

Von Niklas Záboji
07.05.2021
, 12:17
Deutsche Autos und Maschinen sind wieder gefragt. Die Produktionserwartungen sind so gut wie seit 30 Jahren nicht. Doch Lieferengpässe bleiben ein Problem – vielleicht sogar länger als gedacht.

Die Auftragsbücher der deutschen Industrie füllen sich weiter. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts betrug das Orderplus zuletzt 3 Prozent binnen Monatsfrist. Nachdem im vergangenen Jahr vor allem das Auslandsgeschäft boomte, zieht nun auch die Inlandsnachfrage kräftig an. Branchen wie der Maschinenbau und die Elektroindustrie stehen besonders gut da. Mittlerweile liegt das Auftragsniveau der deutschen Industrie 9 Prozent über dem Wert von Februar 2020, dem letzten Monat vor Beginn der Corona-Krise.

Doch die Orderflut bringt ungeahnte Probleme mit sich: Die Unternehmen kommen mit der Produktion nicht hinterher. Weil die Industriekonjunktur auch in Asien und Amerika längst wieder angezogen hat, sind Vorprodukte wie Chips, Holz und Plastik knapp und teuer geworden. Fast die Hälfte aller deutschen Industrieunternehmen beklagen mittlerweile Lieferengpässe, ergab eine jüngste Umfrage des Münchner Ifo-Instituts – so viele wie zuletzt vor 30 Jahren.

Das hat ganz praktische Folgen. Ob bei Audi in Neckarsulm oder den Ford-Werken in Köln-Niehl – immer häufiger stehen in den Fabrikhallen die Bänder still. Die Corona-geplagte deutsche Wirtschaft trifft das zur Unzeit, war die Industrie doch zuletzt der Stabilitätsanker; um 1,7 Prozent schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal im Vergleich zum Schlussquartal 2020, ohne robuste Industrie wäre das Minus deutlich größer ausgefallen.

Längst zeigt sich die Lücke zwischen Auftragsboom und Produktionsstagnation auch in den amtlichen Zahlen. Wie am Freitag bekannt wurde, drosselte die Industrie ihre Produktion im Februar um 1,9 Prozent im Vergleich zu Januar und somit noch stärker als bislang bekannt. Im März gab es zumindest einen leichten Zuwachs von 0,7 Prozent. An der Gesamtbilanz für das erste Quartal konnte das aber nicht mehr viel ändern: Während der Auftragseingang deutlich zulegte, sank die Produktion der deutschen Industrie. Vom Vorkrisenniveau ist sie noch weit entfernt.

Industrie habe „unzureichend vorgesorgt“

„Die Produktion liegt mittlerweile 9 Prozent unter dem, was die Auftragseingänge nahelegen“, rechnet Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, vor. „Eine solche Diskrepanz zwischen Produktion auf Auftragseingängen ist selten.“

Zwar ist immer wieder zu hören, dass die Nachschubprobleme kurzfristiger Natur seien. Krämer glaubt das aber nicht. „Unsere Kunden berichten, dass es dabei in den kommenden Monaten bleiben dürfte – vielleicht sogar bis in den Herbst. Erst dann sollten sich die stark gestiegenen Auftragseingänge wieder in einem starken Anstieg der Produktion niederschlagen.“

Die Industrie habe offenbar selbst unterschätzt, wie rasch sich ihre Absatzmöglichkeiten nach dem Corona-Einbruch erholen – „und daher nur unzureichend vorgesorgt“, meint Stefan Kooths, Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Hinzu kämen unfallbedingte Lieferengpässe wie Brände in Chip-Fabriken oder die Havarie im Suez-Kanal sowie die Unwucht im globalen Containerverkehr. „Im Ergebnis ist die industrielle Kapazität produktionsseitig gehemmt und kann derzeit mit den Aufträgen nicht Schritt halten“, so Kooths.

Stützt man sich auf die Selbstauskunft der Unternehmen, dominiert dennoch die Zuversicht. Nach am Freitag veröffentlichten Umfragewerten des Ifo-Instituts ist die Produktionserwartung der Industrie nach wie vor aufwärts gerichtet: Der Indikator stieg von 30,2 Punkten im März auf 33,1 Punkte im April – das ist der höchste Stand seit dem Jahr 1991. „Die Auftragsbücher füllen sich, und es gibt immer noch Nachholbedarf nach dem Krisenjahr“, sagt Ifo-Ökonom Klaus Wohlrabe. Nahezu alle Branchen kündigten Produktionssteigerungen an, besonders stark die Elektroindustrie und die Automobilbranche.

„Die Störfaktoren sind vorübergehender Natur“

Auch im deutschen Außenhandel reißen die guten Nachrichten nicht ab. Weil teilweise aus dem Lager heraus verkauft wird, zeigte sich der Export bis zuletzt unbeeindruckt von den Produktionsproblemen. Im März legte er abermals zu und lag mit 126,5 Milliarden Euro um 1,2 Prozent über dem Vormonatswert. Um 9,2 Prozent dürfte die deutsche Ausfuhr in diesem Jahr im Vergleich zu 2020 zulegen, schätzt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Der Verlust aus dem vergangenen Krisenjahr wäre damit zu einem Gutteil wettgemacht. Die „Wirtschaftsweisen“ sind mit einem prognostizierten Zuwachs von 10,7 Prozent noch zuversichtlicher, die fünf großen Forschungsinstitute stellen sogar 11,7 Prozent in Aussicht. Der Export wäre damit wie schon nach der Finanzkrise das Zugpferd der Erholung.

„Jenseits des Nachholeffekts wird die Weltwirtschaft weiter recht stark wachsen“, zeigt sich Commerzbank-Ökonom Krämer überzeugt. Er verweist auf die sehr expansive Geldpolitik in den meisten Ländern. Hinzu komme eine expansive Fiskalpolitik, die vor allem in den USA das Wachstum weiter anfachen werde, wo die Wirtschaftsleistung nach neuester Prognose der Commerzbank in diesem Jahr um 6,8 Prozent zulegen wird. „Es entwickelt sich jenseits des unmittelbaren Nachholeffekts ein länger andauernder Post-Corona-Boom“, sagt Krämer. „Das erklärt die weiterhin starken Auftragseingänge der deutschen Industrie.“

Der Kieler Ökonom Kooths will noch nicht von einem Industrieboom sprechen. Dazu seien die Produktionszahlen einfach noch zu weit entfernt vom Vorkrisenniveau, zumal sich die deutsche Industrie vor Corona erst allmählich aus dem Rezessionstal herauszuarbeiten begann, das Vorkrisenniveau also auch gar nicht die Messlatte sein sollte. Doch auch Kooths ist mit Blick auf die Lieferengpässe überzeugt: „Die Störfaktoren sind vorübergehender Natur, sie verzögern den Aufschwung, werden ihn aber nicht abwürgen“.

Die kräftig anziehenden Industrieaufträge gingen einher mit einer fortschreitenden, recht kräftigen Erholung der Weltwirtschaft, die nicht nur flüchtigen Nachholeffekten geschuldet sei. Dazu trage auch bei, dass während der Corona-Pandemie viel Kaufkraft aufgestaut wurde, die sich nun entladen dürfte. Klar sei aber auch, so Kooths: „In der EU wurde auch schon für das Jahr 2022 die Fiskalregel außer Kraft gesetzt, obwohl sich die Produktionslücke vielerorts bereits schließen dürfte.“ Dabei sollte stabilisierende Politik Normalauslastung zum Ziel haben, keine Maximalauslastung.

Auch die deutschen Exporteure behalten sich eine Prise Skepsis. „Trotz der enormen Aufholjagd des deutschen Außenhandels sehen wir (...) ernst zu nehmende Risiken, die diese Entwicklung beeinträchtigen können“, sagte der Präsident des Außenhandelsverband BGA, Anton Börner. So habe die Pandemie zu großen Verwerfungen in der globalen Seefracht geführt, die sich in einer Container-Knappheit und hohen Frachtpreisen niederschlagen. Dies bedeutet für die Unternehmen nicht nur eine immense Kostensteigerung, sondern auch eine große Unsicherheit für ihre Logistikabläufe. Börner mahnte, dass die Wirtschaft in diesen Zeiten „dringend“ Stabilität und Verlässlichkeit benötige.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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