Konjunktur

Deutsche Produktion zieht an

07.09.2021
, 11:59
Sachsen, Dresden: Mitarbeiter montieren in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen die Karosserie und den Antriebsstrang eines VW ID.3.
Die deutschen Unternehmen konnten die Produktion im Juli steigern. Eine Trendwende gibt es jedoch noch nicht. Denn die deutsche Industrie kämpft weiter mit Lieferengpässen.
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Die deutsche Wirtschaft hat ihre Produktion im Juli trotz anhaltender Engpässe bei wichtigen Vorprodukten wie Halbleiter oder Baumaterialien hochgefahren. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 1,0 Prozent mehr her als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Dienstag mitteilte. Das war die erste Steigerung nach zuvor drei Rückgängen in Folge und überhaupt erst das zweite Monatsplus in diesem Jahr. Trotzdem liegt die Produktion noch 5,5 Prozent niedriger als im Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland.

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Am Bau gab es diesmal ein Wachstum von 1,1 Prozent, während die Energieerzeugung um 3,2 Prozent zum Vormonat sank. Die Industrieproduktion allein legte um 1,3 Prozent zu. „Auch wenn die Lieferengpässe bei Halbleitern, die zuletzt die Produktion bremsten, noch eine Zeit lang fortbestehen dürften, deuten die Zahlen darauf hin, dass der Tiefpunkt nun überwunden sein könnte“, schrieb das Ministerium. Ökonomen zufolge dürfte es aber weiterhin ruckeln. „Es wäre sicherlich verfrüht, dies als Zeichen für einen Trendwechsel zu werten“, sagte Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen zum guten Start in die zweite Jahreshälfte. Bereits vorliegenden Zahlen des Automobilverbandes zeigten, dass die Produktion in diesem wichtigen Sektor im August wohl wieder deutlich gefallen sei. „Der Mangel an Vorprodukten macht sich also weiter negativ bemerkbar“, sagte Solveen.

Die anhaltende Chip-Knappheit ist auch ein großes Thema auf der Automesse IAA, die zurzeit in München läuft: Die Autobauer und Zulieferer erwarten noch länger Beeinträchtigungen ihrer Produktion durch fehlende Komponenten. Daimler-Chef Ola Källenius sieht gar erst 2023 eine Entspannung bei Chips, weil die Nachfrage gleich in mehreren Branchen stark steige und die Produktion nicht nachkomme.

Produktionserwartungen legen zu

Die Industrie hat derzeit prall gefüllte Auftragsbücher. Im Juli gab es sogar einen Rekordauftragseingang. Vielfach können die Bestellungen jedoch nicht rasch abgearbeitet werden wegen akuter Engpässe bei Vorprodukten. Knapp sind unter anderem auch Stahl oder Bauholz, die Preise steigen entsprechend. 70 Prozent der Industrieunternehmen geben derzeit an, dass ihnen Engpässe zu schaffen machen, wie das Ifo-Institut in seiner Firmenumfrage herausfand.

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Die Industrie geht aber davon aus, künftig wieder mehr herzustellen. Das Barometer für die Produktionserwartungen kletterte im August um vier auf 27 Punkte, wie das Ifo-Institut ermittelte. Das ist ein sehr hoher Wert im langjährigen Vergleich. „Offenbar hoffen die Firmen, dass sich die Lieferengpässe bei Vorprodukten in den kommenden Monaten langsam auflösen“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Merklich gestiegen sind die Erwartungen in der Autobranche, in der Chemieindustrie und im Maschinenbau.

Einige Institute und Banken wollen dennoch ihre Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr senken. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) etwa kündigte an, seine Vorhersage von derzeit 4,5 Prozent „spürbar“ nach unten zu korrigieren. „Auf der anderen Seite verbessern sich damit die Wachstumsaussichten für 2022, weil die Industrie mit sich lösenden Lieferproblemen dann die Aufträge abarbeiten dürfte“, sagte der wissenschaftliche Direktor des IMK, Sebastian Dullien.

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Deutlicher Rückgang der Ertragserwartungen

Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich derweil im September abermals eingetrübt. Das Stimmungsbarometer des Mannheimer Forschungsinstituts ZEW fiel gegenüber dem Vormonat um 13,9 Punkte auf 26,5 Zähler, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte. Experten hatten einen Rückgang auf 30,3 Punkte erwartet. Noch im Mai hatte der Indikator den höchsten Stand seit gut zwei Jahrzehnten erreicht. Seitdem ist der Indikator viermal in Folge gefallen. Auch hier spielt der Lieferengpass eine Rolle: „Der Chipmangel im Fahrzeugbau und die Ressourcenverknapppung in der Bauwirtschaft haben zu einem deutlichen Rückgang der Ertragserwartungen dieser Branchen geführt“ erklärte ZEW-Präsident Achim Wambach. „Dies dürfte sich auch negativ auf die Konjunkturerwartungen ausgewirkt haben.“

Die Bewertung der aktuellen Lage hat sich im September dagegen leicht verbessert. Der Indikator stieg um 2,6 Punkte auf 31,9 Zähler. Die befragten Experten gingen zwar von einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage aus. Das erwartete Ausmaß und die Dynamik hätten sich inzwischen jedoch erheblich reduziert, erläuterte Wambach.

Quelle: Reuters/dpa/sdie.
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