Euro-Krise

Furcht vor spanischen Bilanzlöchern

25.05.2010
, 18:46
Spanien rechnet anders: Die Banken müssen für Eigenheimkredite wenig Risikovorsorge betreiben
Neue Sorgen um Spanien haben wichtige Aktienindizes in die Tiefe gezogen. Das Misstrauen der Investoren bezieht sich auch auf die Bilanzierung in Spanien. Dort gelten andere Regeln als in Deutschland. Der Internationale Währungsfonds hat in einer außergewöhnlich deutlichen Erklärung Reformen gefordert.
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An den Kapitalmärkten spitzt sich die europäische Schuldenkrise weiter zu. Am Dienstag setzten sich an den Aktienmärkten die Verluste fort. Die wichtigen internationalen Börsen gaben ebenfalls deutlich nach, wie auch der Euro (Kurssturz an Europas Börsen ). Der Aktienindex Euro-Stoxx-50 verlor rund 3,5 Prozent. Besonders schwach tendierten spanische Aktien; Titel der spanischen Banken verloren bis zu 6 Prozent. In den vergangenen Tagen hat sich die Sorge der Investoren verdichtet, dass die Schuldenkrise auf Spanien übergreifen könnte. Die spanische Sparkasse Caja Sur steht bereits unter staatlicher Zwangsverwaltung; vier weitere Institute schließen sich zusammen. Damit plant nun rund die Hälfte der 45 spanischen Sparkassen Fusionen, um die Folgen der Immobilienkrise zu bewältigen.

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Ein Teil des Misstrauens der Investoren bezieht sich auf die Bilanzierung in Spanien. Es besteht die Befürchtung, dass die von der spanischen Notenbank 2000 eingeführte und 2004 modifizierte Regelung zur dynamischen Risikovorsorge die Banken zwar zu Beginn der Finanzkrise ausreichend gegen erste Verluste gewappnet hatte, den Instituten jetzt aber ausreichende Risikovorsorge erspart. Auch in Spanien müssen börsennotierte Banken die Regeln der Internationalen Rechnungslegung (IFRS) einhalten. In der Risikovorsorge für Immobilienkredite wendet Spanien allerdings eigene Regeln an. Es hat deshalb bereits mehrere Gespräche zwischen dem Londoner International Accounting Standards Board (IASB) und der spanischen Notenbank über die Vergleichbarkeit und Konsequenz der Umsetzung der spanischen Vorschriften mit Blick auf die internationale Rechnungslegung gegeben.

Der spanischen Notenbank wurde die Verantwortung für die spanische Rechnungslegung im Jahr 2000 übertragen, nachdem die Risikovorsorge in den neunziger Jahren die schlechteste aller OECD-Staaten war. Die Notenbank Banco de Espana hat daraufhin ein Konzept entwickelt, nachdem Banken über den Konjunkturzyklus hinweg in guten Zeiten einen Vorsorgepuffer aufbauen müssen, der sie in schlechten Zeiten für Verluste wappnet. Derzeit hat dieser Puffer einen Wert von rund 20 Milliarden Euro.

Die katholische Kirche musste die Schlüssel für ihre Caja Sur abgeben
Die katholische Kirche musste die Schlüssel für ihre Caja Sur abgeben Bild: Archiv

Spanische Banken können bei dieser Methode zwischen einem internen, mit der Notenbank abgesprochenen eigenen Bewertungsmodell, und dem offiziellen Modell der Notenbank wählen. Beide Modelle stützen sich aber auf historische Marktbewertungen. Es ist jedoch fraglich, ob historische Daten die derzeit schwerste Finanz- und Immobilienkrise seit dem zweiten Weltkrieg richtig erfassen.

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Spanien erlaubt geringe Rückstellungen

Zweitens erlaubt das spanische Modell, dass Banken zum Beispiel bei notleidenden Immobilienkrediten für Privathäuser in den ersten drei Jahren lediglich 2 Prozent der Kreditsumme in Form von Rückstellungen als Risikovorsorge bilden müssen. Erst im vierten Jahr steigt der Mindestbetrag auf 25 Prozent und erst nach sechs Jahren muss der Totalverlust des Kredites angesetzt werden. Bei Krediten an professionelle Immobilieneigentümer wie Bauträger sind die Kriterien etwas strenger: Hier müssen im ersten halben Jahr 5,3 Prozent und im zweiten Halbjahr 27,8 Prozent der Kreditsumme an Risikovorsorge aufgebaut werden. Vollständige Wertberichtigungen werden hier erst nach zwei Jahren erforderlich.

In Deutschland muss nach 90 Tagen, in denen ein Kredit nicht bedient wurde und der dann als notleidend gilt, umgehend Vorsorge gebildet werden, die mit den Wirtschaftsprüfern abzusprechen ist. Die Besonderheiten des spanischen Aufsichts- und Bilanzrechts hat nach Angaben der Bank Unicredit dazu geführt, dass spanische Banken zwar zu Beginn der Krise im Jahr 2006 ein besonders hohes Sicherheitspolster für ihre notleidenden Kredit aufgebaut hatten. Es entsprach mehr als dem Doppelten der damals bilanzierten Summen an notleidenden Krediten. Diese Risikodeckung schmolz aber im Laufe der Krise so zusammen, dass bei den Sparkassen nur noch eine Risikovorsorge vorhanden war, die 52 Prozent der notleidenden Kredite entsprach. Der europäische Durchschnitt lag im vergangenen Jahr bei rund 70 Prozent.

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Der spanischen Wirtschaft und speziell den Banken dürften diese Regelungen zunächst helfen, die Folgen der rund zwei Jahren eingesetzten Immobilienkrise abzufedern. Bis dahin hatte Spanien durch einen aufgeblähten Bausektor, der mehr als rund 10 Prozent und damit doppelt so viel wie im Durchschnitt der Industrieländer zum Bruttoinlandsprodukt beitrug, mehr als zehn Jahre mit einem überdurchschnittlichen Wachstum verzeichnet. Diese Phase ist vorüber, ohne dass sich eine grundlegende Erholung mit wieder stärkerem Wachstum abzeichnet.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in einer außergewöhnlich deutlichen Erklärung Reformen in drei Kernbereichen Spaniens gefordert: Der Arbeitsmarkt müsse überholt werden, um die strukturell hohe Arbeitslosigkeit zu verringern. Unter anderem müssten die Lohnfindung dezentralisiert und die Abfindungsregeln mindestens auf das europäische Durchschnittsniveau gesenkt werden. In der Fiskalpolitik hält der IWF den von der Regierung angekündigten Defizitabbau im Kern für angemessen. Er fordert, die beschlossenen Kürzungen entschieden durchzusetzen und schnell eine Anhebung des Pensionsalters auf 67 Jahre zu beschließen. Dies werde auch die erwartet schwache und anfällige wirtschaftliche Erholung stärken. Im Bankensektor konzentrierten die Risiken sich weitgehend auf die Sparkassen. Der IWF fordert schnelle Zusammenschlüsse.

Quelle: bes./pso./pwe., F.A.Z.
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