Zweite Corona-Welle

EZB: Erholung verliert schneller an Dynamik als erwartet

12.11.2020
, 15:04
Der Konjunkturausblick hat sich aus Sicht der EZB-Ökonomen deutlich eingetrübt. Wirtschaftsforscher warnen derweil vor langfristigen Schäden für Wachstum und Beschäftigung.

Die Europäischen Zentralbank (EZB) teilte mit, dass sich der Konjunkturausblick für die Euro-Zone aufgrund der steigenden Infektionszahlen und der verschärften Eindämmungsmaßnahmen deutlich eingetrübt habe.

„Die aktuellen Daten deuten darauf hin, dass die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum schneller an Dynamik verliert als erwartet“, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Wirtschaftsbericht der EZB. Das Produktionswachstum werde sich im vierten Quartal aller Voraussicht nach erheblich abschwächen. Zuvor sei die Konjunktur über die Sommermonate hinweg noch kräftig aber uneinheitlich gestiegen.

Die Erholung verlaufe in den einzelnen Sektoren weiterhin uneinheitlich, heißt es im EZB-Bericht. Am stärksten von der Pandemie betroffen sei der Dienstleistungssektor. Vor allem die Abstandsregeln setzten dem Sektor zu. „Auf längere Sicht hängt eine nachhaltige Erholung nach wie vor in hohem Maße vom weiteren Verlauf der Pandemie und vom Erfolg der zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen ab“, schreiben die EZB-Fachleute. Im abgelaufenen dritten Quartal habe sich die Wirtschaft im Euro-Raum voraussichtlich deutlich erholt. Im zweiten Jahresviertel war sie im Zuge der ersten Pandemiewelle noch um 11,8 Prozent eingebrochen.

Dieser Wandel werde nun zusätzlich erschwert

Die Währungshüter rechnen mit keinem schnellen Anstieg der Inflation. Der Preisdruck bleibe kurzfristig verhalten, heißt es im Bericht. Die Inflation werde wohl bis Anfang 2021 weiterhin negativ ausfallen. Im Oktober lag sie bei minus 0,3 Prozent und blieb damit den dritten Monat in Folge negativ. Das ist weit entfernt von einer Rate von knapp 2 Prozent, die die EZB als ideal für die Wirtschaft anstrebt.

Die Wirtschaftsforscher vom Münchner Ifo-Institut befürchten derweil langfristige Schäden für die deutsche Volkswirtschaft durch die Corona-Krise. Das Problem sei die Zurückhaltung von Investitionen, warnt Ökonom Joachim Ragnitz von der Ifo-Niederlassung Dresden in einem Fachartikel, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Diese Zurückhaltung könne dazu führen, dass nicht genügend neue Arbeitsplätze entstünden. Während sich aktuell arg gebeutelte Branchen wie etwa Tourismus oder Gastronomie relativ rasch wieder berappeln dürften, könnten in der Industrie Produktionskapazitäten auch dauerhaft wegfallen.

Verstärkt werde diese Gefahr, da die Industrie einen tiefgreifenden Strukturwandel durchmache, vor allem wegen der politisch gewollten Abkehr von kohlenstoffhaltigen Energieträgern in der Produktion. Dieser Wandel werde durch die Corona-Krise nun zusätzlich erschwert. „Die Politik muss dafür Sorge tragen, dass diese Belastungen nicht zu Lasten des Wohlstandsniveaus in Deutschland gehen“, so das Plädoyer des Dresdner Wissenschaftlers.

Bei weitem nicht ausgelastet

Die pandemiebedingten Umsatz- und Gewinnausfälle nähmen Unternehmen den Spielraum, notwendige Investitionen in das Sachkapital zu finanzieren. Von den Banken gebe es in dieser Situation ebenfalls wenig Unterstützung. Überdies sinke der Investitionsbedarf, da viele Anlagen und Maschinen bei weitem nicht ausgelastet seien.

Schließlich dämpfe die Unsicherheit über die Erholung die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Wenn aber weniger investiert werde, bremse dies nicht nur die Modernisierung des Produktionsapparats, sondern auch die Produktivitätsentwicklung und die Zahl neuer Arbeitsplätze.

Industrieunternehmen, die im Zuge der Krise aus dem Markt ausscheiden müssten, würden unter Umständen nicht oder zumindest nicht schnell wieder ersetzt. „Wenn Unternehmen in Deutschland schließen müssen, kann ihr Marktanteil unter Umständen auch durch ausländische Konkurrenten übernommen werden“, so Ragnitz. Die Coronakrise berge somit die Gefahr, dass es zu einer dauerhaften Schwächung der hiesigen Industrie komme. Um dies zu vermeiden, seien Liquiditäts- und Anpassungshilfen deutlich eher gerechtfertigt als in vielen anderen Sektoren.

Quelle: dpa/Reuters
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