EZB-Forum

Die Geldpolitik stößt an Grenzen

Von Gerald Braunberger
Aktualisiert am 12.11.2020
 - 19:33
EZB-Präsidentin Christine Lagarde
Auf dem EZB-Forum spielt die Hoffnung auf einen Corona-Impfstoff noch keine große Rolle. Zur Zeit sei die Aussicht noch mit großen Unsicherheiten über den Zeitpunkt der Verbreitung verbunden, sagt EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

Die Aussicht auf einen Impfstoff gegen das Corona-Virus ändert den wirtschaftlichen Ausblick in den großen Zentralbanken derzeit nicht. Auf mittlere Sicht sei der Impfstoff eine gute Nachricht, sagte der Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve, Jerome Powell, auf dem EZB-Forum zur Geldpolitik. Derzeit befinde sich die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten zwar in einem soliden Aufschwung, aber dieser Aufschwung habe nicht alle Wirtschaftszweige erfasst und er bevorzuge die Reichen eher als die Armen. Die gegenwärtig größte Gefahr für den Aufschwung sei die Ausbreitung des Virus.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte, die Aussicht auf einen Impfstoff, die natürlich Anlass zur Hoffnung biete, sei zur Zeit aber noch mit großen Unsicherheiten über den Zeitpunkt der Verbreitung verbunden. Aber auch wenn der Impfstoff da sei und die gegenwärtige Pandemie überwunden, könne man nicht ausschließen, dass Unternehmen und private Haushalte mit Blick auf künftige Risiken von Pandemien oder anderen Großrisiken ein sehr vorsichtiges Verhalten an den Tag legten.

Das EZB-Forum, das dieses Jahr nicht im portugiesischen Sintra, sondern digital stattfand, hatte sich zuvor mit den Möglichkeiten der Geldpolitik in der aktuellen Lage befasst. Der Mannheimer Ökonom Klaus Adam sieht die Geldpolitik in einem Dilemma. Denn einerseits hat der seit vielen Jahren in zahlreichen Ländern beobachtbare Rückgang der Zinsen für sichere Kapitalanlagen wohl überwiegend strukturelle Ursachen: Die üblichen Verdächtigen in den Arbeiten von Ökonomen sind der Rückgang des Wirtschaftswachstums, die Alterung von Gesellschaften, die Verwandlung kapitalintensiver Industriegesellschaften in wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaften sowie eine nachhaltige Nachfrage vieler Anleger nach sicheren Kapitalanlagen.

In Adams Analyse verbindet sich der Zinsrückgang mit einem beunruhigenden Zuwachs der Preisausschläge an Vermögensmärkten und hier vor allem an Immobilien- und Aktienmärkten. Nach einer weitverbreiteten, nicht unumstrittenen Interpretation drückt sich in den starken Kursveränderungen zum Teil auch irrationales Verhalten von Anlegern aus – zum Beispiel in Form eines übertriebenen Optimismus. Adam vertritt die These, dass diese hohen Schwankungen an Vermögensmärkten über eine ineffiziente Allokation von Kapital negativ auf die Wirtschaft und damit auf den ohnehin schon sehr niedrigen Zins wirken. Für die Geldpolitik ist dies eine sehr ungemütliche Situation, weil sie kaum noch Handlungsspielraum für eventuell weiter notwendige Zinssenkungen besitzt.

Viele Ökonomen und Zentralbanken denken in dieser Situation über höhere Inflationsziele nach. Die Idee besteht darin, Unternehmen und private Haushalte angesichts der Aussicht auf höhere Inflationsraten zu mehr Investitionen und Konsumausgaben zu veranlassen, die zu höherem Wirtschaftswachstum und zur höheren Inflationsrate führen. Adam erwähnte allerdings ein Problem: Wenn die Zentralbanken mit dem Versuch scheitern, auf diese Weise ihre Inflationsziele zu erreichen, wird ihre Glaubwürdigkeit noch weiter leiden. Eine Alternative böte das amerikanische Verfahren: Dort hat die Notenbank Federal Reserve angekündigt, am Inflationsziel von 2 Prozent festzuhalten, aber eine etwas höhere Inflationsrate zu akzeptieren, wenn die Steigerung des Preisniveaus zuvor einige Zeit unter der Marke von 2 Prozent geblieben war.

Die Erkenntnis einer begrenzten Rolle der Geldpolitik weckt das Interesse an einer expansiven Finanzpolitik. Auch Zentralbanken sprechen sich hierfür aus. Auf dem EZB-Forum plädierte die in Madrid lehrende Ökonomin Evi Pappa für eine „großherzige Finanzpolitik im Interesse der jungen Menschen“. Pappa hofft, dass sich durch eine Steigerung öffentlicher Investitionen nennenswerte Impulse für das Wirtschaftswachstum generieren lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
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