F.A.Z.-Konjunkturbericht

Privater Konsum und Investitionen zeigen Lebenszeichen

02.03.2005
, 19:00
Der private Konsum wächst, die Investitionen erweisen sich als sehr robust. Der Blick in die Details der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für den Euro-Raum offenbart die Hoffnungsschimmer für die Konjunktur.
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Vor einem Jahr erlebte die Konjunktur im Euro-Raum den vorläufig letzten Höhepunkt. Im Raketenmodell der Konjunkturentwicklung schien die Exportstufe gezündet zu haben. Volkswirte erwarteten eine Erholung der Investitionen, der folgend auch die dritte Stufe des privaten Konsums zünden sollte. Doch es kam ganz anders.

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Mit dem Wachstum ging es im Jahresverlauf stetig bergab. Im ersten Quartal 2004 betrug die reale und saisonbereinigte Wachstumsrate gegenüber dem Vorquartal noch 0,7 Prozent. Für das vierte Quartal bestätigte das statistische Amt der Europäischen Union am Mittwoch seine Schätzung von 0,2 Prozent. Der Ölpreisanstieg, die Aufwertung des Euro und die Abschwächung der Weltkonjunktur forderten im zweiten Halbjahr ihren Tribut. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist nach dem unerwartet schwachen Wachstum gedämpfter Zuversicht, daß nun der Tiefpunkt erreicht ist. Diese Hoffnung hatte sich auch schon nach dem dritten Quartal ausgebreitet. Sicher ist es nicht, daß das Wachstum im Euro-Raum sich wieder fängt und sich beschleunigen wird.

Der private Konsum wächst ...

Positiv vermerkten Volkswirte am Mittwoch, daß trotz der verhaltenen Wachstumsdaten wichtige Komponenten der Binnennachfrage zum Jahresschluß 2004 gut abschnitten. Der private Konsum, der rund 56 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euro-Raum beisteuert, wuchs um 0,5 Prozent - nach zwei Quartalen der Stagnation. Ein großer Teil des Zuwachses geht auf die Verbrauchsstimuli zurück, welche die französische Regierung ihren Bürgern gewährte. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, kommentierte die Bank of America und warnte, nun eine deutliche Konsumerholung im Euro-Raum zu erwarten. Immerhin stimmen erste Angaben zum privaten Verbrauch in Deutschland und Frankreich im Januar zuversichtlich. Der Verkauf von Pkw, der im vierten Quartal 2004 in die Höhe schoß, dürfte im ersten Quartal 2005 nach bisher vorliegenden Daten freilich nachgeben.

Bild: F.A.Z.

... und die Investitionen erweisen sich als robust

Ebenso erfreulich wie die Entwicklung des privaten Konsums ist, daß die Investitionen der Unternehmen sich zum Jahresschluß 2004 als sehr robust erwiesen und abermals um 0,6 Prozent zulegten. Eurostat revidierte zudem die Daten für die vorherigen Quartale leicht nach oben. Nur einmal in den vergangenen sechs Quartalen sind die Investitionen leicht geschrumpft. Eine solch gute Entwicklung gab es seit 2000 nicht mehr. Eine durchschlagende Beschleunigung - wie vor einem Jahr erwartet - blieb aber aus.

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Zuversichtlich stimmt, daß die Kreditvergabe an Unternehmen im Januar sich abermals beschleunigte. Mit 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat legten die Kredite so kräftig zu wie zuletzt im Frühjahr 2002 und bestätigten den fast ein Jahr andauernden Aufwärtstrend.

Andauernd großer Lageraufbau

In den allgemeinen Wachstumszahlen spiegeln sich die guten Detailentwicklungen nicht wider - vielleicht noch nicht. Die inländische Nachfrage insgesamt verlor zuletzt an Kraft. Ein geringerer Zuwachs des Staatskonsums gab keine Impulse mehr. Der nur leicht verringerte Lageraufbau drückte dennoch die Wachstumsrate. Die Angaben zum Lageraufbau sind mit hoher Unsicherheit belastet. Stimmt das Bild eine über zwei Quartale hinweg großen Produktion auf Halde, könnte dies in den kommenden Monaten die Erzeugung dämpfen, falls Nachfrage verstärkt aus den Beständen bedient würde. Schon im vierten Quartal fiel die Industrieproduktion um 0,7 Prozent; die Bruttowertschöpfung im Bereich Warenherstellung, Rohstoffe und Energie schrumpfte um 0,6 Prozent. Der Außenbeitrag, die Differenz von Export und Import, trug zuletzt 1,9 Prozent zum BIP bei, etwas weniger als zuvor.

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Erste Konjunkturdaten für Januar und Februar erlauben keinen klaren Schluß, ob die robuste Investitionserholung andauern wird. Umfragen unter den Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes weisen in unterschiedliche Richtungen. Der für die Europäische Kommission erhobene Index des Industrievertrauens ging im Februar abermals zurück; der für die Nachrichtenagentur Reuters erhobene Einkaufsmanagerindex hat sich von seinem Tief im Dezember erholt und deutet auf eine moderate Aufwärtsbewegung der Industrieproduktion hin. Der markante Zuwachs des Auftragseingangs im Dezember um 8,8 Prozent zum Vormonat gründete in außergewöhnlichen Großaufträgen, wird die Produktion vorerst aber dennoch stützen.

Das Konsumklima im Euro-Raum stagnierte in den vergangenen Monaten. Gerade die Kauflust der deutschen Verbraucher dürfte durch die psychologisch wichtigen Rekordziffern zur Arbeitslosigkeit gehemmt werden.

Schlechter Start ins Jahr 2005

Als Folge des unerwartet schlechten Schlußquartals ist die Euro-Konjunktur in dieses Jahr mit sehr wenig Schwung gestartet. Das führt aus technischer Sicht dazu, daß die Prognosen für 2005 nach unten revidiert werden müssen. Nach einer Meldung der Agentur Market News werden die EZB-Ökonomen an diesem Donnerstag ihre Wachstumsprojektion von rund 1,9 auf rund 1,6 Prozent herabsetzen. Im Oktober 2004 hatten sie noch ein Plus von rund 2,3 Prozent erwartet. Der Internationale Währungsfonds will nach Presseberichten seine Wachstumserwartung im April von 2,2 auf 1,6 Prozent senken.

Für die mittelfristig orientierte Geldpolitik des EZB-Rates, der an diesem Donnerstag zusammenkommt und von dem keine Zinserhöhung erwartet wird, sind die Preis- und Konjunkturaussichten für die kommenden Jahre wichtiger. Nach den Meldungen soll die neue Wachstumsprojektion für 2006 und 2007 bei 2,1 und 2,3 Prozent liegen. Die Inflationserwartung wird bis 2007 mit 1,9, 1,6 und 1,8 Prozent benannt.

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Monetäre Expansion legt Zinserhöhung nahe

Dies würde in die bisherige Linie des EZB-Rats passen, daß kein binnenwirtschaftlicher Preisdruck zu erwarten sei - während die starke monetäre Expansion und die Gefahr von Preisblasen an den Immobilienmärkten in einigen Euro-Staaten eigentlich eine Zinserhöhung nahelegen. Der Leitzins im Euro-Raum, mit dem die EZB die Kreditkosten steuert, liegt seit Jahresmitte 2003 mit 2 Prozent so niedrig wie in keinem Euro-Staat in den vergangenen Jahrzehnten. Volkswirte erwarten, daß die EZB den Zins erst dann anheben wird, wenn sie wirklich von einer konjunkturellen Erholung überzeugt ist.

Die herabgesetzten Wachstumsprognosen für 2005 sind bislang eine rein technische Korrektur. Für den Jahresverlauf liegt ihnen noch die Erwartung einer sich beschleunigenden Aufwärtsbewegung zugrunde - und aus heutiger Sicht sehr zuversichtliche Annahmen über einen Fall des Ölpreises und keine weitere Euro-Aufwertung. Zusammen mit der unsicheren Erholung der Binnenkonjunktur sind dies die drei großen Risiken, die der Euro-Wirtschaft derzeit drohen.

Quelle: pwe. / F.A.Z., 03.03.2005, Nr. 52 / Seite 14
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