Schuldenstreit mit Athen

Was passiert, wenn der Grexit kommt?

Von Philip Plickert
19.06.2015
, 12:42
Die griechischen Titelseiten sind voll vom Schuldenstreit. Ausweislich unzähliger Umfragen will die große Mehrheit der Griechen den Euro behalten. Aber will das auch die Linksregierung?
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Griechenland steht am Abgrund: Tag für Tag wird eine Staatspleite wahrscheinlicher. Kommt es dazu, folgt wahrscheinlich auch das Euro-Aus. Doch wie könnte so ein „Grexit“ ganz konkret ablaufen? Und welche Folgen hätte er?
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Wieder ist ein Euro-Finanzministertreffen ohne Ergebnis zu Ende gegangen, am Montagabend unternehmen nun die Staatschefs den vielleicht letzten Versuch, doch noch eine Einigung herbeizuführen. Gelingt ihnen das nicht, droht Griechenland wohl in wenigen Tagen die Staatspleite - dann folgt wahrscheinlich der Austritt aus der Währungsunion. „Mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Deal und dann Kapitalverkehrskontrollen“, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, gegenüber FAZ.NET. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen und ihre Gläubiger in der nächsten Woche eine Einigung erzielen können, schätzt er nun nur noch auf 40 Prozent.

Aber wie könnte Griechenland konkret in den „Grexit“ schlittern? Derzeit läuft ein stiller „Bank run“ ab in Griechenland. In den ersten drei Tagen der Woche haben verunsicherte Kunden und Unternehmen von den ohnehin schon geschwächten Banken rund 2 Milliarden Euro abgehoben. Am Donnerstag hätten Bankkunden nochmal 1,2 Milliarden Euro von ihren Konten geräumt. In den Monaten zuvor haben sie mehr als 30 Milliarden Euro von den Konten geräumt. Es droht den Hellas-Banken nun ein akuter Finanzengpass.

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Zieht die EZB den Stecker?

Über das Wochenende könnte es zu einer dramatischen Wendung kommen: EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré wurde in der Sitzung der Euro-Finanzminister am Donnerstag gefragt, ob die griechischen Banken wohl noch am Freitag öffnen könnten. „Morgen ja, Montag – ich weiß es nicht“, soll er nach Teilnehmerangaben geantwortet haben. Die Nachricht machte schnell die Runde, auch in Griechenland, wo der Regierungssprecher zu beruhigen versuchte.

Derzeit werden die griechischen Banken ohnehin nur noch durch sogenannte Ela-Notfallhilfen der griechischen Zentralbank über Wasser gehalten. Die Europäische Zentralbank in Frankfurt, die diese Mittel genehmigen muss, bewilligte mittlerweile schon gut 84 Milliarden Euro über diesen Kanal. An diesem Freitagmittag wird der EZB-Rat über einen Hilferuf der griechischen Notenbank beraten: Sie hat nochmal 3,5 Milliarden Euro beantragt.

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Wenn die EZB zu dem Schluss kommt, dass die griechischen Banken nicht nur illiquide sind, also vorübergehende Engpässe haben, sondern dass ihre Kapitaldecke nicht mehr ausreicht, dann muss sie eigentlich die Ela-Hilfen stoppen. Das würde sofort zu einer Bankenschließung führen und im zweiten Schritt wohl auch die Staatspleite beschleunigen und den Grexit sehr wahrscheinlich machen. Aber vor dieser Verantwortung scheut der EZB-Rat zurück. „Niemand will den Stecker ziehen“, schrieb der frühere EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark vor einigen Tagen in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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Schuldenkrise in Griechenland
Was würde nach dem Grexit passieren?

Ohne Ela müssten die Banken sofort schließen

Aber selbst wenn die Banken weiterhin von der EZB liquide gehalten würden, droht in elf Tagen dem Staat die Zahlungsunfähigkeit. Am 30. Juni muss Athen an den Internationalen Währungsfonds rund 1,6 Milliarden Euro zurückzahlen. Athener Regierungspolitiker wie der Chefunterhändler Euklid Tsakalotos haben gesagt, dass dieses Geld nicht da ist. Und die IWF-Chefin Christine Lagarde hat klar gesagt, dass der Währungsfonds keinen Aufschub gewähren wird.

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„Spätestens wenn Athen gegenüber dem IWF ausfällt, wird es für den EZB-Rat sehr schwierig, noch weiterhin Ela zu gewähren“, sagt dazu ein Notenbanker. Dann könnte es unumgänglich sein, den Geldhahn zuzudrehen.

Ohne Ela müssten die Banken sofort schließen. Athen wäre zudem gezwungen, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, wie dies Zypern vor zwei Jahren auf dem Höhepunkt seiner Finanzkrise ebenfalls tat. Die Regierung müsste wohl eine Parallelwährung einführen, um ihre Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst und die Pensionen und Renten auszuzahlen, denn die Steuereinnahmen brechen schon jetzt ein und reichen dann dafür wohl nicht mehr.

Neue Währung - teurere Importe

Für die Parallelwährung (letztlich Schuldscheine auf die Regierung) hat der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer vor Jahren den Namen „Geuro“ erfunden. Aus der EZB hieß es bislang, die Parallelwährungsidee sei eine „relativ akademische Debatte“. Gegenüber FAZ.NET wurde aber bestätigt, dass auch Fachleute der Euro-Notenbank schon darüber nachgedacht hätten. Es ist aber unklar, ob der „Geuro“ als Zweitwährung wirklich akzeptiert würde im Land. Zu befürchten sei eine Spaltung der Wirtschaft in unterschiedliche Sektoren.

Also bliebe der Regierung in Athen wohl nichts anders übrig, als komplett eine neue Währung einzuführen, eine neue Drachme zum Beispiel. Diese würde gegenüber dem Euro stark abwerten. Einige Volkswirte rechnen mit einer Abwertung um 50 Prozent. Dies bedeutete, dass Importe sehr viel teurer würden. Da Griechenland nur noch wenig Devisenreserven hat, könnte es Engpässe beim Import wichtiger Güter geben, etwa von Benzin oder bestimmten Medikamenten. Für die Bevölkerung würde das Leiden nochmal zunehmen.

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Chance Grexit?

Außerdem wäre die griechische Wirtschaft wohl einige Zeit lang wie gelähmt, Investitionen würden gestoppt, die Kapitalverkehrskontrollen würden die Unternehmen im Außenhandel schwer beeinträchtigen. Die Athener Notenbank hat für den Fall eines „Grexit“ ein Schreckensszenario entworfen. Es drohe eine tiefe Rezession, ein dramatischer Niedergang der Einkommensniveaus und ein „exponentieller Anstieg der Arbeitslosigkeit“, die schon jetzt laut offiziellen Zahlen bei gut 25 Prozent liegt, prophezeite die Notenbank.

Mit dieser Warnung wollte die Bank of Greece auch ihre eigene Regierung unter Druck setzen, endlich neue Vorschläge für eine Einigung zu machen. Prompt haben Abgeordnete der regierenden Syriza-Partei gegen Notenbankchef Giannis Stournaras eine Klage eingereicht und ihn als „Kollaborateur“ mit den Gläubigern beschimpft.

Alle Ökonomen erwarten, dass der „Grexit“ zunächst einmal einen weiteren Einbruch der Wirtschaft auslösen würde. Aber wie lange und wie tief diese Krise sein würde, ist umstritten. Während einige Ökonomen vor einer langen Verarmung und dem Abgleiten in den Status eines Schwellenlandes warnen, sehen andere sogar Chancen durch einen „Grexit“. Durch die starke Abwertung der neuen Währung würden griechische Produkte auf dem Weltmarkt sehr viel billiger, der Export würde deutlich profitieren. Zudem würden Urlaube in Griechenland für Ausländer sehr günstig. Das könnte den Tourismus mächtig ankurbeln, wenn sich die Turbulenzen nach einem „Grexit“ erst mal gelegt haben.

Einige Ökonomen erwarten deshalb, dass Griechenland nach einem „Grexit“ ein Turnaround gelingen könnte. Der Einbruch könnte relativ schnell gestoppt werden, wenn die Abwertung der neuen Währung einen Schub für den Export gebe. „Etwa ein Jahr nach dem Exit oder vielleicht sogar früher schon würde die griechische Wirtschaft robust wachsen", schätzen Forscher des Instituts Oxford Economics. Sie haben in einer Studie die Erfahrung von 70 Ländern oder Landesteilen auf der ganzen Welt seit dem Jahr 1945 ausgewertet, die sich aus Währungsverbünden oder Währungsunionen verabschiedet haben, darunter Staaten in Afrika und Asien, aber auch die postsowjetischen Republiken oder die Trennung der Slowakei von der Tschechischen Republik in den frühen neunziger Jahren.

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Nach diesen Erfahrungswerten sei davon auszugehen, dass Griechenlands Bruttoinlandsprodukt nach einem „Grexit“ noch einmal um 10 Prozent einbrechen werde. Dann aber könnte es wegen der Abwertung schneller wachsen als im Euro, erwartet Oxford Economics. „Griechenland könnte sich langfristig in einer stärkeren Position wiederfinden, als wenn es in der Eurozone verbliebe“, lautet ihr Fazit.

Andere Ökonomen bezweifeln das jedoch. Auch Syriza will offiziell das Land im Euro halten. Wobei aber die größte Oppositionspartei, die konservative Nea Dimokratia, der Regierung vorwirft, heimlich schon mit einem „Grexit“ zu kalkulieren und so einen Schuldenschnitt anzupeilen. Es gehe jetzt nur noch im Verhandlungspoker darum, den Gläubigern die Schuld für den Bruch zuzuschieben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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