Herbstgutachten zur Konjunktur

Corona legt die Wirtschaft lahm

Von Julia Löhr und Niklas Záboji
14.10.2020
, 10:51
Schneller Absturz, schnelle Erholung: Das hofften Ökonomen im Frühjahr. Jetzt wird klar: Die Durststrecke wird länger als erwartet. Der Wirtschaftsminister plant deshalb neue Hilfen.

Die Erholung vom abrupten Wirtschaftseinbruch verliert an Schwung, denn noch immer leidet die deutsche Wirtschaft unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Zu dieser Einschätzung kommen die fünf größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten für die Bundesregierung. Das am Mittwoch vorgelegte Gutachten dient dieser als Grundlage für ihre eigene Prognose, Autoren sind das Berliner DIW, das Münchner Ifo-Institut, das IWH in Halle, das RWI in Essen und das IfW in Kiel.

Für das laufende Jahr rechnen die Ökonomen nunmehr mit einem Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung von 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das wäre zwar etwas besser als im Jahr 2009, kurz nach der Finanzkrise, als ein Minus von 5,7 Prozent zu Buche schlug. Auch wären minus 5,4 Prozent ein deutlich besserer Wert als viele Prognosen noch im Frühsommer in Aussicht gestellt hatten. Doch verglichen mit der Frühjahrsprognose der fünf Institute bedeutet auch das eine Verschlechterung. Darin waren sie von 4,2 Prozent ausgegangen.

Auch sonst überwiegt in der Gemeinschaftsdiagnose der Pessimismus. „Ein Gutteil des Einbruchs aus dem Frühjahr ist zwar schon aufgeholt, aber der verbleibende Aufholprozess stellt die mühsamere Wegstrecke zurück zur Normalität dar“, betont der Kieler Ökonom Stefan Kooths. Gebremst werde die Erholung zum einen durch jene Branchen, die in besonderem Maße auf soziale Kontakte angewiesen sind, etwa Gaststätten und Tourismus. „Dieser Teil der deutschen Wirtschaft wird noch längere Zeit unter der Corona-Pandemie leiden und erst dann am Erholungsprozess teilhaben, wenn Maßnahmen zum Infektionsschutz weitgehend entfallen“, so Kooths. Mit Letzterem sei erst im Sommerhalbjahr 2021 zu rechnen.

Darüber wird heute Nachmittag diskutiert

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat angesichts der Konjunkturprognose der fünf Institute vor Leichtsinn gewarnt. „Sonst ist der rasche Aufschwung ganz schnell futsch“, sagte der Vizekanzler am Mittwoch in Berlin. Wenn dagegen alle ihren Beitrag leisteten, um das Infektionsgeschehen im Griff zu behalten, könne Deutschland „weiter vergleichsweise gut durch die Krise kommen“.

Zugleich wurde am Mittwoch bekannt, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die besonders betroffenen Branchen wie Hotels, Gaststätten und Unternehmen aus dem Veranstaltungsbereich mit einer Verlängerung der Überbrückungshilfen unterstützen will. Erst im vergangenen Monat hatte die Bundesregierung beschlossen, diese bis Ende des Jahres zu verlängern, nun soll das Programm wohl bis Ende Juni 2021 laufen, wie in Berlin zu hören ist.

Zudem will Altmaier ein entscheidendes Detail ändern: Bislang können Selbständige die Überbrückungshilfen nur für betriebliche Fixkosten wie die Miete für Geschäftsräume oder Leasingraten für Lieferwagen nutzen. Dies wird seit Monaten von Solo-Selbständigen kritisiert, die ohne solche Fixkosten von zuhause aus arbeiten, etwa als Coach. Nun ist offenbar geplant, dass sie einen Unternehmerlohn ansetzen können, also einen bestimmten Betrag der Überbrückungshilfen für den eigenen Lebensunterhalt nutzen dürfen. Zudem soll es Zuschüsse für Renovierungen und Modernisierungen während der umsatzschwachen Zeit geben.

Dass Altmaiers Vorschläge ausgerechnet jetzt kommen, ist kein Zufall. Die Heftigkeit, mit der in den vergangenen Tagen Hoteliers und Gastronomen, aber auch die Herbsturlauber die Beherbergungsverbote für Reisende aus Risikogebieten kritisiert haben, hat in Berlin viele überrascht. Die Sorge ist groß, dass der bisher auch in der Wirtschaft große Rückhalt für die Corona-Vorsichtsmaßnahmen bröckeln könnte. Noch sind Altmaiers Vorschläge nicht innerhalb der Bundesregierung abgestimmt. Sie sollen auch am heutigen Donnerstagnachmittag beim Corona-Gipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder diskutiert werden.

125.000 Anträge für Hilfen

Nach einer internen Aufstellung des Wirtschaftsministeriums wurden von den 25 Milliarden Euro, die im Konjunkturpaket für die Überbrückungshilfen bereitstehen, bis Anfang Oktober erst 1,5 Milliarden Euro beantragt. Schon bewilligt ist davon knapp eine Milliarde. Die Zahl der Anträge liegt bei rund 125.000. Viele Selbständige kritisieren die Beantragung als zu bürokratisch und die Kriterien als zu streng. Die Anträge können nicht die Unternehmen selbst stellen, sondern nur ihre Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwälte.

Mit diesem Vorgehen will die Bundesregierung Betrugsfälle wie bei den Soforthilfen im März minimieren. Für die Monate September bis Dezember können Unternehmen Zuschüsse von insgesamt bis zu 200.000 Euro erhalten. Der konkrete Betrag richtet sich nach der Höhe des Umsatzrückgangs und der betrieblichen Fixkosten. Bei besonders stark betroffenen Unternehmen übernimmt der Bund bis zu 90 Prozent der Fixkosten.

Allerdings sind die Folgen der Corona-Pandemie auf die Unternehmen vielfach noch ungewiss. Das betonen auch die Ökonomen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute. Unsicher sei etwa, in welchem Umfang es noch zu Unternehmensinsolvenzen im In- und Ausland kommt. In jedem Fall ein Bremsklotz für den Aufschwung sei die Investitionszurückhaltung der Unternehmen, deren Eigenkapitalpositionen sich durch die Krise vielfach verschlechtert haben.

Ende 2022 Rückkehr zur Vollauslastung möglich

Doch vor allem bleibe der Pandemieverlauf unwägbar. Die fünf Institute nehmen an, „dass die Infektionsschutzmaßnahmen im Verlauf des kommenden Sommerhalbjahrs soweit gedrosselt werden können, dass sie die ökonomische Aktivität nicht mehr nennenswert beeinträchtigen“. Aber selbst dann werde das Vorkrisenniveau der deutschen Wirtschaftsleistung voraussichtlich erst Ende 2021 erreicht werden – und erst Ende 2022 die Rückkehr zur Vollauslastung.

Eine noch spätere Rückkehr zum Vorkrisenniveau prognostizieren die Ökonomen für den deutschen Arbeitsmarkt. Dort habe die Corona-Krise „deutliche Spuren gezeigt“: Trotz massiver Kurzarbeit seien bis zur Jahresmitte schätzungsweise 820.000 Stellen verloren gegangen. Seitdem steige die Zahl der Erwerbstätigen wieder leicht, das Vorkrisenniveau werde aber erst Mitte 2022 erreicht. Die Arbeitslosenquote dürfte dieses und kommendes Jahr auf 5,9 Prozent steigen und 2022 leicht auf 5,5 Prozent zurückgehen.

Stützende Faktoren für Konjunktur

Doch es gibt laut dem Gutachten auch stützende Faktoren für die deutsche Konjunktur. So sei die bisherige Erholung „maßgeblich“ getragen von den Exporten, die im Zuge der Krise besonders drastisch eingebrochen waren – obwohl verschiedene Handelskonflikte weiter schwelten. Und würde sich die zwischenzeitlich stark angeschwollene private Ersparnis vermehrt in zusätzliche Käufe übersetzen, könnten die konsumnahen Wirtschaftsbereiche sogar noch stärker angeregt werden als in der Prognose unterstellt.

Den Konjunktur- und Stützungsprogrammen der Bundesregierung stellen die Ökonomen ein gutes Zeugnis aus – zumindest insofern, als diese mit dazu beigetragen hätten, dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte selbst in der akuten Krisenphase insgesamt relativ stabil geblieben seien. Ratsam wäre aber eine bessere Zielgerichtetheit gewesen. Die temporäre Mehrwertsteuersenkung sei zwar sehr schnell und einfach umzusetzen, so Volkswirt Kooths. Sie komme aber eben auch denjenigen zugute, die von der Pandemie gar nicht betroffen sind.

„Unspezifische Maßnahmen tendieren dazu, diejenigen weiter zu unterstützen, die keine Probleme haben“, ergänzte IWH-Konjunkturchef Oliver Holtemöller. „Andere Maßnahmen, die zielgerichteter wären, unterbleiben dadurch.“ Es sei also beispielsweise besser, Geld in die Hand zu nehmen, um Infektionswege nachzuverfolgen oder die Durchführung des Schulunterrichts sicherzustellen. Einzig das Berliner DIW stellte sich mit einer Minderheitenmeinung hinter die Maßnahmen der Bundesregierung. „Die breiten Impulse helfen“, sagte DIW-Volkswirt Claus Michelsen. Politik handele immer unter Unsicherheit, und auch die Absenkung der Mehrwertsteuer sei „zumindest aus unserer Sicht nicht ganz verkehrt“, so Michelsen.

Die Corona-Hilfsprogramme führen nach den Zahlen der fünf Institute dazu, dass der öffentliche Gesamthaushalt das laufende Jahr mit einem Rekorddefizit von 183 Milliarden Euro abschließen werde. Auch in den kommenden beiden Jahren blieben die Fehlbeträge mit 118 Milliarden Euro beziehungsweise 92 Milliarden Euro beträchtlich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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