Weniger Entlassungen

Hoffnungszeichen am Arbeitsmarkt

Von Dietrich Creutzburg
Aktualisiert am 27.08.2020
 - 15:43
Vor allem am Bau läuft es unverändert sehr gut.
Nach Auffassung des Münchner Ifo-Instituts steht „eine Trendwende am deutschen Arbeitsmarkt bevor“, auch ein anderes wichtiges Arbeitsmarktbarometer steht auf Erholungskurs. Ein Lagebericht.

Kurz nach den jüngsten Koalitionsbeschlüssen zur Verlängerung der staatlich geförderten Kurzarbeit gibt es positive Trendmeldungen vom Arbeitsmarkt: Gleich zwei der sogenannten Arbeitsmarktbarometer, mit denen Forscher anhand von Befragungen die kommende Entwicklung einschätzen, befinden sich Ende August auf Erholungskurs. Nach Auffassung des Münchner Ifo-Instituts steht sogar „eine Trendwende am deutschen Arbeitsmarkt bevor“, wie es am Donnerstag mitteilte. „Nachdem in den vergangenen Monaten Entlassungen liefen, sind nun erste Signale für Neueinstellungen aufgetreten.“

Etwas zurückhaltender, allerdings auch mit positiver Grundtendenz, äußerte sich das zur Bundesagentur für Arbeit gehörende Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). „Die Arbeitslosigkeit hat sich gefangen, die Entlassungszahlen haben sich vorerst wieder normalisiert“, erklärte Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen. Allerdings sieht Weber noch keine verlässlichen Anzeichen für eine wieder steigende Arbeitskräftenachfrage der Unternehmen.

Der Wert des IAB-Arbeitsmarktbarometers, das sich auf eine monatliche Befragung der örtlichen Arbeitsagenturen stützt, hat sich gegenüber Juli um 0,6 Punkte auf 98,3 Punkte erhöht. Damit hat es zwar einerseits etwa zwei Drittel seines Rückgangs seit Beginn der Corona-Krise wieder wettgemacht. Andererseits ist es aber so definiert, dass Aussichten auf sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Beschäftigung erst durch Werte oberhalb von 100 Punkten angezeigt werden. Der Teilindex „Arbeitslosigkeit“ verbesserte sich nun sogar um 1,4 Punkte auf 98,9 Punkte. Der Teilindex „Beschäftigung“ ging jedoch gegenüber Juli um 0,3 Punkte auf 97,6 zurück.

Schwierigkeiten vor allem in der Industrie

Das vom Ifo-Institut berechnete Beschäftigungsbarometer stützt sich auf Befragungen von Unternehmen, mit denen erhoben wird, ob diese für die kommenden drei Monate mit steigenden, gleichbleibenden oder sinkenden Beschäftigtenzahlen rechnen. Der damit errechnete Gesamtindex stieg im August um 2,2 Punkte auf 95,2. Er ist anders definiert als der IAB-Index, ein Wert von 100 entspricht dabei schlicht dem Stand des Jahrs 2015. Im Aufschwungjahr 2018 war er bis auf 105,2 Punkte gestiegen und hatte in diesem Frühjahr im April einen Tiefstand von 86,4 erreicht.

Ein sehr gemischtes Bild liefert dabei ein genauerer Blick auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche. Im Verarbeitenden Gewerbe, also den Kernbereichen der Industrie, sind demnach weiterhin deutlich mehr Unternehmen auf Personalabbau als auf Personalaufbau eingestellt. Zuletzt überwog der Anteil der in diesem Sinne pessimistischen Unternehmen den der optimistischen Unternehmen um 19 Prozentpunkte. Allerdings war dieser Saldo im Mai bis auf minus 29 gefallen, hat sich also seither deutlich verbessern. Im Handel lag er im August noch bei minus 8 Prozentpunkten nach minus 26 im Mai. Und im übrigen Dienstleistungssektor planen der Ifo-Erhebung zufolge sogar schon wieder etwas mehr Unternehmen mit Personalauf-, als mit -abbau (plus fünf).

Das spiegelt sich so allerdings noch nicht in den Erfahrungen der vom IAB befragten Arbeitsagenturen, die sowohl einen Überblick über Arbeitslosmeldungen als auch über Stellenangebote und Arbeitsvermittlungen haben. „Es zeichnet sich ab, dass die Erholung der Beschäftigung kein Selbstläufer ist“, kommentierte Weber den im August wieder leicht gesunkenen IAB-Beschäftigungsindex. Seine Erklärung dafür, dass sich die Arbeitslosigkeit in Vergleich etwas günstiger zu entwickeln scheint: Viele Arbeitskräfte hätten sich in der Krise vorerst vom Arbeitsmarkt zurückgezogen, die Suche nach einer eigentlich angestrebten Arbeitsstelle also vorläufig aufgegeben. Zugleich stehe die Wirtschaft – vor allem der bisherige Beschäftigungsmotor Industrie – vor einem schwierigen Transformationsprozess.

Typischerweise wenig Neueinstellungen in den Ferienmonaten

Die Regierungskoalition aus Union und SPD hatte am Dienstagabend, offenbar im Lichte einer insgesamt skeptischen Einschätzung der Arbeitsmarktlage, eine Verlängerung der staatlich geförderten Krisen-Kurzarbeit beschlossen. Die Laufzeit der Kurzarbeit im einzelnen Betrieb soll damit von zwölf auf bis zu 24 Monate verlängert werden. Zudem sollen die Betriebe bis Mitte 2021 die aufs Kurzarbeitergeld ihrer Arbeitnehmer erhobenen Sozialbeiträge unverändert in voller Höhe erstattet bekommen. Die im Frühjahr beschlossene Erhöhung des Kurzarbeitergeld auf bis zu 87 Prozent des Nettolohns soll bis Ende 2021 verlängert werden. Die Mehrausgaben dafür werden auf zehn Milliarden Euro geschätzt.

Belastbare neue Zahlen zur jüngsten Arbeitsmarktentwicklung liefert die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag mit ihrem Monatsbericht August. Dazu gehört dann auch eine Hochrechnung der Kurzarbeiterzahlen für den Monat Juni; diese Zahlen liegen stets erst mit Zeitverzug vor. Im Mai hatte die Zahl der Kurzarbeiter demnach einen historischen Höchststand von 6,7 Millionen erreicht. Fachleute rechnen damit, dass die Zahl seither gesunken ist – aber immer noch ein Mehrfaches der alten Höchststände von bis zu 1,5 Millionen nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 beträgt.

Die Zahl der Arbeitslosen lag im Juli bei 2,9 Millionen, das waren 634.000 mehr als im Juli vergangenen Jahres. Anders als im April, Mai und Juni hatte die Bundesagentur im Juli allerdings keinen weiteren „Corona-Effekt“ mehr festgestellt: Zwar hatte sich die Arbeitslosenzahl gegenüber Juni noch einmal leicht erhöht – allerdings bewege sich dieser Abstieg um 56.700 im saisonüblichen Rahmen: Da es in den Ferienmonaten typischerweise wenige Neueinstellungen gibt, steigt die Arbeitslosenzahl im Juli auch in normalen Zeiten vorübergehend leicht an. Gleiches gilt für den August. Im September sorgt dann im Regelfall eine lebhaftere Nachfrage nach Arbeitskräften wieder für sinkende Arbeitslosigkeit.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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