Konjunkturprognosen

Die Erholung verschiebt sich weiter nach hinten

Von Svea Junge
14.12.2021
, 13:23
In der Industrie fehlt es weiter an wichtigen Vorprodukten aus Fernost: Containerschiffe im chinesischen Hafen Lianyungang.
Das Münchner Ifo-Institut und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) senken ihre Wachstumsprognosen für das nächste Jahr deutlich. Die hohen Inflationsraten begleiten die Wirtschaft hingegen wohl weiterhin.
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Die Lieferengpässe in der Industrie und die vierte Corona-Welle bremsen die Erholung der deutschen Wirtschaft aus. Das Münchner Ifo-Institut senkte seine Wachstumsprognose für das Jahr 2022 um 1,4 Prozentpunkte auf nunmehr noch 3,7 Prozent. Die Ökonomen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gehen sogar nur noch von einem Anstieg des BIP um 3,5 Prozent aus.

Geht es nach den Ifo-Forschern soll das Wachstum aber im Jahr 2023 nachgeholt werden. Dann prognostizieren sie einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um 2,9 Prozent. Im September hatten sie noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozent gerechnet. „Die zunächst erwartete kräftige Erholung für 2022 verschiebt sich weiter nach hinten“, sagte Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturprognosen am Ifo-Institut. Das IWH rechnet hingegen nur mit einem Wachstum um 1,8 Prozent im Jahr 2023.

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Corona-Einschränkungen beeinträchtigen die Kauflaune

Ungemütlich dürfte es für die deutsche Wirtschaft im laufenden Schlussquartal werden. Steigende Infektionszahlen sowie die neue Omikron-Variante trüben den Konsum. Nicht nur die schärferen Einschränkungen für Ungeimpfte drücken die Kauflaune, auch Geimpfte meiden aus Angst vor einer Ansteckung zunehmend Einkaufsstraßen und Restaurants.

Gleichwohl werde der Konsumrückgang bei weitem nicht so stark ausfallen wie im letzten Jahr, als die Politik einen Lockdown verhängte, erwarten die Ökonomen. Hinzu kommen die anhaltenden Lieferengpässe in der Industrie. Die Auftragsbücher sind zwar prall gefüllt, doch es fehlt an Material, um sie abzuarbeiten. Das Ifo-Institut rechnet daher mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.

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Trotz des Dämpfers wird die deutsche Wirtschaft aufgrund der Erholung im zweiten und dritten Quartal im Gesamtjahr 2021 um 2,5 Prozent laut Ifo und nach Einschätzung des IWH um 2,7 Prozent wachsen.

Kräftige Erholung im Sommerhalbjahr

„Ab dem Frühjahr dürften die Infek­tionszahlen jahreszeitlich be­dingt weiter zurückgehen, und der private Konsum wird wieder deutlich expandieren“, sagte Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroöko­nomik und Vizepräsident des IWH. Auch Ifo-Konjunkturchef Wollmershäuser rechnet im Sommerhalbjahr mit dem Einsetzen einer „kräftigen Erholung“, wenn die Coronawelle abebbe und Lieferengpässe allmählich nachließen. Das BIP dürfte dann mit 2,3 sowie 1,8 Prozent im zweiten und dritten Quartal 2022 deutlich zulegen, sagte er.

Beide Ökonomen betonten jedoch auch die Gefahren für die Konjunktur. Holtemöller sieht den ungewissen Fortgang des Pandemiegeschehens als das Hauptrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Sollte es doch noch zu einem strengen Winter-Lockdown wie vor einem Jahr kommen, wäre auch mit einem entsprechend deutlichen Rückgang der Produktion zu rechnen, warnte er. „Für den wei­teren Jahresverlauf wird entscheidend sein, wie beherrschbar die Omikron-Variante ist“, sagte Holtemöller. Aber auch die Lieferengpässe bleiben ein Risikofaktor.

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Die Inflationsrate wird nach Einschätzung der Ökonomen auch im nächsten Jahr hoch bleiben – sie könnte sogar noch einmal leicht zulegen. Während das IWH für dieses wie für das nächste Jahr einen Anstieg der Verbraucherpreise um 3,1 Prozent prognostiziert, rechnet das Ifo-Institut sogar mit einem Anstieg der Inflationsrate auf 3,3 Prozent im Jahr 2022. Die anhaltenden Lieferengpässen und die damit einhergehenden Kostensteigerungen sowie verzögerte Anpassungen an die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise spielten eine treibende Rolle, erklärte Wollsmershäuser.

Fuest: Die EZB muss reagieren

Darauf müsse auch die EZB reagieren, forderte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Sie müsse eine Wende ihrer Geldpolitik einleiten und die Anleihekaufprogramme abschmelzen. Eine Fortsetzung der Anleihekäufe sei über das Frühjahr hinaus mit der aktuellen Inflations- und Konjunkturentwicklung „nicht vereinbar“. Erst im Jahr 2023 werde sich der Anstieg der Verbraucherpreise voraussichtlich wieder normalisieren und auf 1,8 Prozent zurückgehen. Die Hallenser Ökonomen des IWH rechnen auch dann noch mit einer hohen Rate von 2,5 Prozent.

Die Krise drückt auch weiterhin auf die Staatskasse. Das IWH rechnet in diesem Jahr mit einem Defizit im Staatshaushalt von rund 147 Milliarden Euro, die Münchner Ökonomen des Ifo erwarten ein Defizit von 162 Milliarden. In den nächsten Jahren wird das Defizit deutlich abnehmen, darin sind sich die Ökonomen einig. Wie stark der Rückgang letztlich ausfalle, hänge aber auch davon ab, wann und in welchem Umfang die Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag der Ampel umgesetzt würden, sagte Wollmershäuser.

Den geplanten Nachtragshaushalt des neuen Finanzministers Christian Lindner (FDP) in Höhe von 60 Milliarden Euro bewertete Ifo-Präsident Fuest positiv. „Es ist richtig in der aktuellen Situation für Investitionen auch Schulden aufzunehmen“, sagte Fuest. Es müsse aber sichergestellt werden, dass das Geld auch wirklich in Investitionen fließe und nicht über Nebenhaushalte in den Konsum verschoben werde. Gleichwohl sei es wichtig, nicht alle Investitionen durch Schulden zu finanzieren. Ausgaben müssten priorisiert und Ausgabenanstiege gebremst werden. Die von der Ampel-Koalition geplante Wiedereinführung des Nachholfaktors in der Rentenpolitik sei daher zu begrüßen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Junge, Svea
Svea Junge
Redakteurin in der Wirtschaft.
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