Faule Kredite

Die gewaltigen Probleme der italienischen Banken

Von Tobias Piller
01.12.2016
, 11:55
Italien fiebert der Volksabstimmung am kommenden Sonntag entgegen. Aber selbst bei einer Zustimmung zu Renzis Reformprojekt ist die Krise nicht vorbei. Dafür sind die Probleme der italienischen Kreditinstitute schlicht zu groß. Ein Überblick.

Manche angelsächsischen Analysten sagen eine italienische Bankenkrise voraus, sollte die Volksabstimmung am kommenden Sonntag für den italienischen Ministerpräsidenten schlecht ausgehen. Dagegen meinen einige liberale Fachleute und Kommentatoren, dass den italienischen Banken auf jeden Fall schwierige Zeiten bevorstehen, ganz gleich, wie das Referendum ausgeht. Diese Meinung verbreiten etwa der Kommentator Oscar Giannino und der auf Banken spezialisierte Professor der Mailänder Eliteuniversität Bocconi, Carlo Alberto Carnevale Maffè.

Grund für diese Annahme ist der Umstand, dass Krisenbanken wie Monte dei Paschi aus Siena die Lösung ihrer Probleme hinausgezögert haben, damit nicht etwa ein Scheitern und zornige Stimmung bei Kleinanlegern die Abstimmung beeinflusst. Nun hat die neue Bankenspitze von Monte dei Paschi im Börsenprospekt für die freiwillige Umwandlung von Obligationen angedeutet, dass im Falle eines „Neins“ in der Volksabstimmung die Rettung der Bank schwierig werde.

Kommentator Giannino sieht in diesem Schritt eine unverantwortliche Erpressung der Wähler. Die Lage von Monte dei Paschi werde sich auch nach einem „Ja“ nicht entscheidend verbessern.

Monte dei Paschi braucht 5 Milliarden

Die toskanische Krisenbank, derzeit das drittgrößte Institut Italiens mit einer Bilanzsumme von 160 Milliarden Euro, kann zwar im gewöhnlichen Geschäft Erträge ausweisen, wird aber erdrückt vom Umstand, dass rund ein Drittel aller Ausleihungen als faule Kredite anzusehen sind. Dafür gibt es nicht genügend Rückstellungen, während die europäischen Bankenaufseher einen beschleunigten Abbau des Berges an faulen Krediten fordern. Dazu braucht Monte dei Paschi eine Kapitalerhöhung von rund 5 Milliarden Euro – falls nicht europäische Sonderprüfer noch mehr faule Kredite finden sollten.

Weil das Institut gerade 8 Milliarden Euro aus zwei Kapitalerhöhungen der vergangenen beiden Jahre verbrannt hat und an der Börse rund 600 Millionen Euro wert ist, wird es nun besonders schwer, 5 Milliarden Euro aufzutreiben.

Italien
Krisen-Bank warnt vor Milliardenrisiken
© reuters, reuters

Die gerade eingesetzte Bankenspitze um den ehemaligen Investmentbanker Marco Morelli bietet in dieser Woche den Inhabern von Obligationen einen freiwilligen Umtausch in Aktien an. Dafür hat sie bereits die Einwilligung der Versicherung Generali für ein Volumen von 400 Millionen Euro. Insgesamt hofft man auf einen Umtausch von 1 bis 1,5 Milliarden Euro. Der Restbetrag für die Kapitalerhöhung von insgesamt 5 Milliarden Euro soll in der kommenden Woche auf dem freien Markt erzielt werden. Dazu wird in dieser Woche versucht, ein paar Großinvestoren zu gewinnen.

Scheitert der Plan für die Kapitalerhöhung genau in den Tagen nach der Volksabstimmung, müsste ein Teil der insgesamt 13 Milliarden Euro an Obligationen in Aktien umgewandelt werden, mit womöglich kräftigen Verlusten für die Anleger. Weil in Italien entgegen den Vorschriften die durchaus riskanten Obligationen auch an Kleinsparer verkauft wurden, könnte damit großer Zorn unter Anlegern entstehen, ausgerechnet im traditionellen Stammland von Matteo Renzis Demokratischer Partei. Daher fordern verschiedene Politiker der Demokraten, dass die Regierung im Notfall unter Umgehung der europäischen Regeln Monte dei Paschi mit staatlichen Geldern retten müsste.

Unicredit will Kapital erwirtschaften

Offenbar auch mit Blick auf etwaige Turbulenzen nach der Volksabstimmung hat Unicredit für Freitag eine Sitzung des Verwaltungsrates einberufen. Unicredit will 20 Milliarden an zusätzlichem Kapital erwirtschaften, unter anderem mit dem Verkauf von Anteilen an der polnischen Tochterbank Pekao und dem Fondsverwalter Pioneer, zudem mit einer Kapitalerhöhung von 10 bis 13 Milliarden Euro.

Spekuliert wurde darüber, dass der von Société Générale gekommene neue Geschäftsführer Jean Pierre Mustier seine frühere Bank bewegen könnte, eine Rolle als Großinvestor zu übernehmen. Die früher bestimmenden, kleinkarierten Sparkassenstiftungen aus der italienischen Provinz haben inzwischen die Macht verloren und alle zusammen weniger als zwei Prozent der Anteile.

Weitere Banken in der Krise

Zu den weiteren italienischen Krisenbanken sagte Italiens Schatzminister Pier Carlo Padoan, die Rettungspläne seien schon angelaufen. Damit hat er aber nur teilweise Recht. Denn bisher wurde noch nicht für alle Banken eine Lösung gefunden.

Im Nordosten musste der neue Bankenrettungsfonds Atlante einspringen, um die Kapitalerhöhungen von insgesamt 2,5 Milliarden Euro für die Kriseninstitute Veneto Banca und Banca Popolare di Vicenza zu garantieren. Beide können nun weitervegetieren, brauchten jedoch einen neuen Großaktionär und noch eine Kapitalerhöhung. Über eine Fusion wurde spekuliert, doch dagegen wehren sich die Gewerkschaften. Die Genueser Sparkasse Carige hat schon einen Großinvestor mit dem Krankenhausunternehmer Malacalza, muss aber dennoch einen Berg fauler Kredite abbauen.

Bankenrettungsfonds soll faule Kredite abnehmen

Viel Verdruss haben der Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi vier kleine Banken im ehemaligen kommunistischen Kernland Italiens bereitet, die vor einem Jahr unter Umwandlung von Obligationen gerettet wurden und seither in „Good Bank“ und „Bad Bank“ aufgespalten wurden. Auch die „Good Banks“ fanden lange keine Käufer, doch nun soll der Bankenrettungsfonds Atlante weitere faule Kredite abnehmen. Drei der vier Banken würde dann die wirtschaftlich gesunde Ubi Bank eingliedern, eine soll zusammen mit anderen Regionalbanken an Cassa di Risparmio di Parma gehen, eine Tochtergesellschaft von Crédit Agricole.

Weitere negative Überraschungen sind aber nicht ausgeschlossen, etwa bei der Volksbank von Bari, die nicht börsennotiert ist und ihre Geschäftsanteile mit 120 Prozent des bilanzierten Buchwertes bewertet.

Das größte Problem der italienischen Bankenbranche sei nicht etwa akute Konkursgefahr, urteilt Kommentator Giannino. „Man hat nur versucht, die unvermeidlichen Lösungen für die Probleme hinauszuschieben und damit die Kosten vergrößert.“ Der Bankenprofessor Carnevale Maffè sagt, für die Rettung der Banken könnten immer Obligationen umgetauscht werden. Das langfristige Problem sei aber die mangelnde Rentabilität der italienischen Bankenbranche.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Piller, Tobias
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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