Wirtschaftsweiser Lars Feld

„Wir müssen mit noch geringerem Wachstum rechnen“

Von Niklas Záboji
Aktualisiert am 15.05.2020
 - 10:26
Lars Feld ist der Vorsitzende der „Wirtschaftsweisen“.
Der Chef des Sachverständigenrats erklärt, warum er zu Beginn der Corona-Krise zu zuversichtlich war – und was die Regierung tun sollte, um der Wirtschaft zu helfen.

Herr Feld, die deutsche Wirtschaftsleistung ist schon im ersten Quartal deutlich gesunken, die nächsten Zahlen werden jedoch noch weit schlimmer. Hand aufs Herz: Sind die minus 2,8 Prozent, die der Sachverständigenrat in seinem Sondergutachten Ende März prognostiziert hatte, noch ansatzweise realistisch?

Der Sachverständigenrat hat keine Prognose erstellt, sondern Szenarien-Rechnungen vorgelegt, die von bestimmten Annahmen ausgingen. Eine Wachstumsrate von minus 2,8 Prozent wäre möglich gewesen bei fünf Wochen Lockdown und drei Wochen allmählicher Lockerung. Die Lockerung hätte Ostern beginnen müssen. Die anschließende Verlängerung des Lockdown beförderte uns in das zweite vom Rat vorgelegte Szenario mit minus 5,5 Prozent dieses Jahr. Und selbst das ist angesichts der ersten harten Zahlen zu optimistisch.

Wie schnell sich die Wirtschaft erholen wird, hängt für eine Exportnation wie Deutschland maßgeblich vom Handelsumfeld ab. Nun sieht es danach aus, als dürfte die Erholung in den meisten anderen Ländern noch länger auf sich warten lassen – die Vereinigten Staaten etwa sind von der Corona-Krise besonders schwer getroffen, Verbände wie der BGA rechnen mit „zweistelligen Rückgängen“ in den kommenden Monaten. Haben Sie den Einbruch des Außenhandels in Ihren Berechnungen im März unterschätzt?

Ja, wir haben vor allem die Entwicklung in den Vereinigten Staaten zu optimistisch eingeschätzt und zwar selbst im Szenario von minus 5,5 Prozent. Das ist einer der Gründe, warum man mit noch geringerem Wachstum dieses Jahr rechnen muss.

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Auch für den Inlandskonsum erwarten einige Ökonomen auf das Gesamtjahr gesehen einen Rückgang von bis zu 10 Prozent. In Dienstleistungsbranchen wie der Gastronomie ist auch nur bedingt mit Nachholeffekten zu rechnen. Vorausgesetzt, die Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen hält an: Woher sollen im zweiten Halbjahr Wachstumsimpulse kommen?

Geld- und Fiskalpolitik sorgen für kräftige Impulse. Wenn sich die Unsicherheit der Konsumenten und Investoren legt, werden sie wieder konsumieren und investieren. Die Konsumwünsche sind nicht geringer als vor der Krise, es ist nur fraglich, ob sie finanzierbar sind. Die Notwendigkeit für Investitionen sehen die Unternehmen aufgrund des Strukturwandels durchaus. Nachhol-Effekte sind bei einigen Dienstleistungen nicht, aber bei langlebigen Konsumgütern durchaus zu erwarten.

Die Einschätzungen dazu, ob es Konjunkturprogramme braucht und wenn ja, welche, gehen weit auseinander. Was erwarten Sie, worauf sich die Politik verständigen wird?

Ich fürchte, dass wir ein Sammelsurium branchenspezifischer Maßnahmen bekommen. Ich hoffe auf allgemeine Maßnahmen, wie eine deutliche Erleichterung des Verlustrücktrags für Unternehmen oder staatliche Investitionen in Infrastruktur, insbesondere für die Digitalisierung und den Klimaschutz.

Die Stimmen mehren sich, dass Lieferketten überdacht und mehr Produktion nach Deutschland zurückgeholt werden muss, vor allem im Medizinbereich. Kann das gelingen und wenn ja, ist das ratsam?

Ich halte von dieser Vorstellung einer Deglobalisierung nichts. Weder Deutschland noch die EU sollten auf Autarkie abzielen. Die internationale Diversifikation von Wertschöpfungsketten sichert eher gegen Schocks ab, wenn einzelne Länder stärker betroffen sind als andere, oder wenn die Asynchronität von Wachstumsprozessen unterschiedlich schnelle Erholungen zulässt. Richtig ist, dass die internationale Diversifikation eher zunehmen muss, um nicht nur von einzelnen Lieferanten in der Wertschöpfungskette abhängig zu sein. Und überhaupt: Wer weiß, welche Eigenschaften der nächste Schock hat? Man kann sich nicht gegen alle Möglichkeiten absichern und schon gar nicht durch Autarkie.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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