Deutsche Wirtschaft

„Situation in der Industrie erinnert an Aufschwung nach Finanzkrise“

Von Niklas Záboji
16.12.2020
, 11:23
Aus der deutschen Wirtschaft kommen unerwartet optimistische Signale. Die Industrie galoppiert regelrecht davon. Doch Ökonomen mahnen zur Zurückhaltung.

Die deutsche Wirtschaft scheint bislang überraschend gut durch den Winter zu kommen. Ein Konjunktureinbruch wie im Frühjahr zeichnet sich infolge der Corona-Beschränkungen nicht ab. Indiz dafür ist die monatliche Befragung von rund 1000 Einkaufsmanagern aller Branchen durch das Londoner Markit-Institut.

Wie dessen Ökonomen am Mittwoch in ihrer ersten Dezember-Schätzung mitteilten, stehen die Zeichen sogar auf Wachstum. So legte das Barometer im Vergleich zu November um 0,8 Zähler zu auf 52,5 Punkte. Es liegt damit klar über der sogenannten Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Die Befragung erfolgte allerdings zwischen dem 4. und 15. Dezember und somit teils vor der Verhängung der neusten Beschränkungen. Zudem ist die Stimmung von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. Keineswegs lässt der Lockdown Dienstleister kalt, für die das Barometer mit 47,7 Zählern nach wie vor deutlich unter 50 Punkten notiert, trotz einer Zunahme binnen Monatsfrist. Weiter im Aufwind befindet sich hingegen die deutsche Industrie. Mit 58,6 Punkten hat ihre Stimmung ein 34-Monatshoch erreicht.

Besonders rasant nach oben ging es in Frankreich

„Die Situation in der Industrie, wo das rasante Wachstum Lieferengpässe und einen starken Inflationsdruck zur Folge hat, erinnert an den Aufschwung nach der globalen Finanzkrise vor zehn Jahren“, meint Markit-Ökonom Phil Smith. Die globale Belebung der Industrieproduktion habe zu einer Verknappung bei Rohstoffen geführt und den Druck auf die Lieferketten enorm steigen lassen. Tatsächlich hatte auch die amtliche Statistik zuletzt einen weiter kräftig anziehenden Auftragseingang in der deutschen Industrie vermeldet, allen voran wegen der Nachfrage aus China.

Auch in der übrigen Eurozone ist ein Ende der Talfahrt in Sicht, schenkt man den Londoner Ökonomen Glauben: War der Markit-Index für den 19 Länder zählenden Währungsraum im November noch erkennbar eingebrochen, stieg er nun innerhalb eines Monats um 4,5 Zähler – wenngleich er mit 49,8 Punkten noch knapp unter der Wachstumsschwelle bleibt. Besonders rasant nach oben ging es in Frankreich, von 40,6 Punkte im November auf 49,6 Punkte im Dezember.

Nicht nur in der Industrie mache sich Optimismus breit, dass die Auslieferung der Impfstoffe im Jahresverlauf 2021 die Rückkehr zur Normalität ermöglichen wird, meint Ökonom Smith – so schwierig der kurzfristige Ausblick für die meisten Unternehmen in Bereichen mit intensivem Kundenkontakt auch aussehe.

Doch gute Stimmung hin oder her – folgenlos werden die grassierende Pandemie und die Corona-Beschränkungen für das Wachstum nicht sein, sind Volkswirte überzeugt. „Der Lockdown in vielen Ländern wird dazu führen, dass die wirtschaftliche Aktivität im November/Dezember deutlich sinkt“, sagt Christoph Weil von der Commerzbank.

Die guten Ergebnisse der Einkaufsmanagerbefragung erklärt sich Weil wie folgt: Die geschlossenen Geschäfte hätten bei der Frage nach der Entwicklung der Aktivität ihr Kreuz – anders als im Vormonat – bei unverändert gemacht haben. Damit sei der Anteil der Unternehmen mit rückläufiger Aktivität gesunken.

Selbst diese Prognose könnte sich als überholt erweisen

Auch das Münchner Ifo-Institut dämpfte in seiner neuen Prognose Hoffnungen auf einen allzu ungetrübten Konjunkturverlauf. „Wegen des neuerlichen (Lockdowns) bei uns und in anderen Ländern verschiebt sich die Erholung nach hinten“, sagte Ifo-Ökonom Timo Wollmershäuser am Mittwoch. Erst Ende 2021 werde die Produktion von Waren und Dienstleitungen ihr Vorkrisenniveau erreichen. Und das laufende Jahr dürfte nach Einschätzung von Wollmershäuser als Folge der Corona-Beschränkungen mit einem abermaligen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts enden.

Unterstellt hat das Ifo-Institut in seinen Berechnungen, dass die seit November geltenden Infektionsschutzmaßnahmen unverändert bis März 2021 in Kraft bleiben. Von April an würden dann die bestehenden Infektionsschutzmaßnahmen allmählich gelockert und bis zum Sommer vollständig aufgehoben – so dass 2021 als Ganzes eine reale Wachstumsrate von 4,2 Prozent verglichen zum Vorjahr zu erwarten ist. Das ist merklich weniger als die von den Münchner Ökonomen bislang in Aussicht gestellten 5,1 Prozent.

Doch selbst diese Prognose könnte sich schon wieder als überholt erweisen, denn die am vergangenen Sonntag beschlossene Schließung von Teilen des Einzelhandels wurde darin nicht berücksichtigt. Schließt man dies in Betracht und kalkuliert mit einem Lockdown bis Ende Januar, dürften selbst 4,2 Prozent Wachstum im kommenden Jahr unwahrscheinlich sein.

Zu diesem Ergebnis kommen die Ökonomen am Berliner DIW in ihrer ebenfalls diese Woche vorgestellten neuen Prognose. Sie rechnen zwar analog zum Ifo-Institut mit einer „spürbareren Frühlingsbelebung, die in der Summe die vorangegangenen Einbußen teils kompensiert“. Unter dem Strich seien für 2021 nunmehr aber lediglich 3,5 Prozent Wachstum zu erwarten.

Wie groß die Prognoseunsicherheit ist, zeigt allerdings der Blick auf die Aussagen anderer Institute. So teilte das IWH in Halle mit, ein Plus von 4,4 Prozent im kommenden Jahr zu erwarten. Und vom gewerkschaftsnahen IMK hieß es am Mittwoch, dass man, wenn die Corona-Impfstoffe tatsächlich wirksam und schnell verfügbar sind, nach wie vor mit einem Wachstum von 4,9 Prozent kalkulieren könne.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot