Schuldenkrise

Spanien – das immobile Land

Von Winand von Petersdorff
30.05.2010
, 08:37
Der Wohlstand in Spanien bröckelt: Denn das Land verdankt ihn vor allem der Baubranche
Die ganze spanische Volkswirtschaft war fixiert auf Immobilien. Jetzt stellt sich heraus: Der Wohlstand ist auf Sand gebaut. Die Herabstufung des Ratings durch die Agentur Fitch hat schon für Kursverluste in Amerika gesorgt. Am Montag könnte es in Europa weitergehen. Die Lage ist gefährlich.
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Eliza, die Putzfrau, hat es in Spanien zu zwei Wohnungen gebracht. Eine bewohnt sie mit Mann und Tochter. Sie liegt in einer Urbanisacin vor Madrid, die nie ein Tourist besuchen würde. Eliza aber redet in den höchsten Tönen von ihrem Quartier und ihrer Wohnanlage, sauber ist sie, und einen Swimming Pool hat sie auch.

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Die zweite Wohnung liegt ebenfalls irgendwo im Großraum Madrid. Diese Immobilie verdüstert ihre Laune. Darin wohnt eine Familie aus Ecuador, die ihre Miete nur noch unregelmäßig zahlt. Eliza, die kleine Immobilieninvestorin, muss jetzt neu rechnen.

Weiter oben auf der sozialen Skala haben Familien den Immobilienerwerb fast wie ein Gesellschaftsspiel betrieben, berichtet der Ökonom David Bach vom Instituto de Empresa Business School in Madrid. Wer schafft es, ohne Geld eine Wohnung zu kaufen, hieß eine beliebte Variante des Spiels. Wer Chuzpe hatte, erwarb drei neue Wohnungen auf Kredit, nutzte die dramatische Preissteigerung, verkaufte zwei Wohnungen wieder und beglich mit dem Erlös alle Schulden. Die Preise stiegen schneller und auf höhere Niveaus als in amerikanischen Boomregionen. Die Wohnungen, zumindest jene, die zur Spekulation vorgesehen waren, wurden zum Teil bewusst leer gelassen, damit man sie später besser verkaufen konnte. Spaniens Gesetze schützen die Mieter so gut, dass Vermieter sie nur schwer loswerden. Wie groß das Phänomen der bewusst leerstehenden Spekulationsobjekte war, ist schwer zu ermitteln.

Im schlimmsten Fall allerdings fanden Leute, die mieten wollten, deshalb keine Wohnungen und sendeten das Signal an die längst verrückt gewordenen Immobilienentwickler, dass noch Wohnraum gebraucht wird. Und das ist die Quittung: Mindestens 1,5 Millionen Wohnungen stehen leer, ganze Geisterstädte verdorren. Immobilen-Entwickler schulden Banken geschätzte 325 Milliarden Euro, die mit Immobilien gesichert sind die täglich ihren Wert verlieren.

Auf Sand gebaut

Spaniens Aufschwung der letzten Jahre war vor allem dem Bau zu verdanken. Jetzt lernt das Land gerade, dass man auf Sand gebaut hat. Die Suche nach Ursachen und Schuldigen hat längst begonnen. Auf der Verdächtigenliste stehen die Finanzkrise als solche, Spekulanten ohnehin und Rating-Agenturen wie zuletzt Fitch, die die Kreditwürdigkeit der spanischen Regierung herabstuften von „supergut“ auf immer noch „gut“ (Ratingagentur Fitch stuft Spanien herab ).

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Nur das Häuschen steht nicht zur Debatte. Das Land hat zweifelsohne eine besondere Beziehung zu den eigenen vier Wänden. Irgendwo tief in der spanischen Seele scheint die Sehnsucht nach dem Eigenheim verwurzelt zu sein. Die Tatsache, dass mehr als 80 Prozent der Spanier in eigenen Wohnungen und Häusern leben und nur 50 Prozent der bausparenden Baden-Württemberger, kündet davon.

Doch Immobilien haben den Nachteil, dass sie eben Immobilien sind und damit das Gegenteil von Dynamik. Sie fördern eine Unbeweglichkeit, die das spanische Leben durchzieht und die von der spanischen Politik begünstigt wird: Wer einen festen Job hat, kann auf Grund strenger ArbeitnehmerSchutzrechte nur gegen hohe Abfindungen gefeuert werden. Wer mietet, dem kann kaum gekündigt werden. Und Arbeitslosigkeit ist kein Grund, Heimat und Eltern zurückzulassen, um sein Heil anderswo zu suchen. Die Familie füttert schon durch und dämpft in einem Land mit niedrigem Sozialstaatsniveau die kleinen und großen Lebenskatastrophen.

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Das größte Hindernis gegen Mobilität aber war der Erfolg Spaniens selbst. Das Land wuchs in den ersten Jahren des Jahrzehnts schneller als die meisten anderen Länder des Euro-Raums. Es wurde sogar so etwas wie ein Musterknabe, was die Haushaltsdisziplin angeht. Die Staatsschulden im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt sind immer noch niedriger als die deutschen. Jahrelang meldete der Finanzminister sogar Haushaltsüberschüsse.

Die deutsche Bonität importiert

Der Boom des Landes folgte auf Spaniens Eintritt ins Euroland. Damit bekam das Land nicht nur viel Geld aus Brüssel und eine stabile Währung, sondern es verließ auch die zweistelligen Zinsen, unter denen die iberische Volkswirtschaft lange geächzt hatte. In gewisser Weise importierte Spanien die deutsche Bonität. Das einstige Hochzinsland kam damals dank des vom Euro-Verbund erwarteten Anlageschutzes in den Genuss niedriger Zinsen, schreibt der Ökonom Hans-Werner Sinn.

Das erst löste in Spanien einen Investitionsboom im Immobiliensektor aus. „Neubautätigkeit und Preise legten zu. Die Bauindustrie boomte, die Bauarbeiter kamen zu Geld, die Immobilienbesitzer wurden reicher, was sie zu zusätzlichen Konsumgüterkäufen veranlasste. Die Wirtschaft wurde in den Rausch einer Hochkonjunktur versetzt.“ So beschreibt Sinn die Kettenreaktion, die sich als unselig herausstellen sollte.

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Eine Folge war, dass die Löhne und die Inflation deutlich kräftiger stiegen als in Ländern wie Deutschland oder Frankreich. Die Europäische Zentralbank aber, deren Kerngeschäft Inflationsbekämpfung ist, richtete ihr Augenmerk nahezu zwangsläufig auf die Inflationsraten in den wichtigsten Volkswirtschaften statt auf Spanien und ließ die Leitzinsen niedrig.

Damit war das Wirtschaftswunder Spaniens zu einem beträchtlichen Teil eine Folge der dort expansiv wirkenden Geldpolitik, schreibt das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW schon 2004. Das steigende Lohnniveau in Kombination mit der niedrigen Produktivität der Arbeitnehmer hatte aber noch eine weitere Konsequenz: Spanische Produkte wurden im Ausland weniger konkurrenzfähig.

Die iberische Volkswirtschaft erhöhte ihre Abhängigkeit vom Bau und von der Konsumlaune ihrer Bürger. Leute wie Eliza kauften munter ein, weil sie sich dank der Wertsteigerungen ihrer Immobilien reicher als zuvor fühlten und weil sich die Arbeitslosigkeit bis Mitte dieses Jahrzehnts halbiert hatte auf rund zehn Prozent. Dazu kamen vier Millionen konsumierende Einwanderer, die Spanien in den letzten zehn Jahren aufgenommen hat und vor allem auf dem Bau und im Service beschäftigte.

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Die Folge eines Strukturfehlers

Die wichtigste Ursache für die Blase lag nicht in der Hand der spanischen Regierung, sondern ist Folge eines Strukturfehlers im europäischen Währungssystem, der Inflation in kleinen Ländern verstärken kann. Die Regierung allerdings hat Immobilien steuerlich privilegiert und damit dem Boom noch verstärkt. Eine liederliche Haushaltsführung kann niemand dem Land vorwerfen, der Stabilitätspakt wurde hier bis zum Beginn der globalen Finanzkrise ernster genommen als in Deutschland, dem Land seiner Erfinder.

Die Versäumnisse der spanischen Politik der letzten zehn Jahre sind trotzdem gravierend. Die Leute sind deutlich schlechter ausgebildet als im europäischen Durchschnitt. Fast 60 Prozent haben eine niedrige Qualifikation im Vergleich zum EU-Durchschnitt von 35 Prozent. Einer von drei Schülern beendet die Schule nicht, im restlichen Europa sind es halb so viele. Das schlägt sich nieder in einer Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen, die inzwischen auf 41 Prozent geklettert ist. Die Jobs für die Ungebildeten verschwinden, seit der Bausektor am Boden liegt.

Auch die Innovationskraft des Landes liegt im Argen. Das erzählt die globale Patentstatistik, die in Korea rund 2500 Patente je eine Million Einwohner und Jahr, in Deutschland wenigstens noch 580 und in Spanien ganze 60 zählt. Als Stützen bleiben der Tourismus, die Landwirtschaft und eine Handvoll internationaler Unternehmen.

Eliza sucht eine neue Putzstelle. Das ganze Land sucht ein neues Geschäftsmodell.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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