Frisches Geld steht bereit

Staatseinstieg bei TUI wahrscheinlich

Von Christian Müßgens, Julia Löhr und Sven Astheimer
Aktualisiert am 13.11.2020
 - 18:28
Hier lang, lieber Staat: TUI-Maschine auf dem Flughafen von Kos.
Nach Informationen der F.A.Z. ist der Bund im Prinzip bereit, TUI weiteres Geld zu geben – und zwar wahrscheinlich nicht nur geliehen. Bei Thyssen-Krupp bahnt sich Ähnliches an. Was werden die Konditionen sein?

Die Kanaren sind dem Reisekonzern TUI geblieben. Dort können Urlauber noch hin, von diesem Sonntag an allerdings auch nur mit einem negativen Corona-Test. Andernorts sieht es noch schlechter aus für Europas größten Touristikanbieter. Reisewarnungen, Auflagen und die Angst der Kunden vor dem Virus sorgen dafür, dass bei TUI schon wieder das Geld knapp wird. Rund 3 Milliarden Euro an Krediten hat das Unternehmen schon vom Staat bekommen, jetzt wird über weitere Finanzhilfen verhandelt. Die Rede ist von bis zu 1,8 Milliarden Euro. Auch der Industriekonzern Thyssen-Krupp hofft auf einen Kapitalspritze vom Staat.

Nach Informationen der F.A.Z. ist der Bund im Fall von TUI im Prinzip bereit, dem Konzern mit den rund 70.000 Mitarbeitern frisches Geld zur Verfügung zu stellen. Dem Vernehmen nach gibt es aber zwischen dem SPD-geführten Finanzministerium und dem CDU-geführten Wirtschaftsressort noch Diskussionen, ob der Bund sich direkt an TUI beteiligen soll oder ob neue Kredite ausreichen. Wegen der jetzt schon hohen Verschuldung des Unternehmens gilt ein Staatseinstieg als wahrscheinlich.

Die Opposition verfolgt das mit Argusaugen – und fordert ein grundsätzliches Umdenken in der Rettungspolitik. „Die Bundesregierung braucht endlich eine echte Beteiligungsstrategie, die beschreibt, wann und wie große Kredite und Rekapitalisierungsmaßnahmen vergeben werden“, sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter der F.A.Z. Aktuell fließe ein erheblicher Teil der Corona-Hilfen in Unternehmen, die mit fossilen Energieträgern arbeiteten. So werde der Strukturwandel verschleppt. „Staatliche Hilfen für TUI sind nur sinnvoll, wenn sie an klare Vorgaben zum Klima- und Beschäftigtenschutz geknüpft werden. Der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen muss zumindest für einen Übergangszeitraum vereinbart werden.“ Hofreiter fordert zudem einen Austausch der Flugzeugflotten und Vorgaben für CO2-arme Reisen.

Der Reisekonzern hat indes schon ein Programm aufgelegt, das den Abbau von 8000 Arbeitsplätzen vorsieht. Schon als der Bund Ende Mai bei der Lufthansa einstieg, entbrannte eine Diskussion über mögliche Auflagen für die staatliche Hilfe. Die SPD lehnte den geplanten Stellenabbau ab, die Grünen wollten, dass der vom Bund gestützte Konzern weniger Inlandsflüge anbieten dürfe. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wies diese Forderungen zurück. Der Bund mische sich nicht in die Geschäftspolitik ein. Ziel müsse es sein, dass die Unternehmen schnell wieder profitabel würden, sagte er.

Nach einer internen Aufstellung des Bundeswirtschafts- und des Bundesfinanzministeriums haben die Unternehmen in Deutschland bislang gut 95.000 Anträge für Kredite der staatlichen KfW-Bank gestellt, das Volumen beläuft sich auf knapp 58 Milliarden Euro. Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) stützt bislang fünf Unternehmen mit 6,5 Milliarden Euro, der Großteil davon entfällt auf die stille Einlage und das zwanzigprozentige Aktienpaket an der Lufthansa.

„Schon für die Hilfen jetzt hätte der Bund die gesamte TUI kaufen können“

TUI hatte im April einen ersten Hilfskredit der KfW von 1,8 Milliarden Euro bekommen. Später wurde die Kreditlinie um 1,05 Milliarden Euro erhöht. Zudem zeichnete der Bund eine Wandelanleihe über 150 Millionen Euro, die er, vereinfacht gesagt, in bis zu 9 Prozent der Aktien tauschen kann. Über das dritte Paket wird seit Oktober verhandelt. Grund ist, dass nach der kurzen Erholung des Geschäfts im Frühsommer die Krise mit voller Wucht zurückgekehrt ist. Für das derzeit laufende erste Quartal des Geschäftsjahres 2020/21 (Oktober bis September) rechnet TUI jeden Monat mit einem Mittelabfluss „im niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbereich“.

Geht das Tempo so weiter, worauf trotz der Fortschritte in der Impfstoffentwicklung vieles hindeutet, dürfte dem Unternehmen spätestens an Ostern das Geld ausgehen. Das will der Bund verhindern, auch weil ein Zusammenbruch andere Marktteilnehmer wie Hotels, Fluglinien und Reisebüros in Mitleidenschaft zöge. Zudem steht 2021 der Bundestagswahlkampf an, da will die Politik nicht den Zorn der reisefreudigen Deutschen auf sich ziehen.

Noch mehr teure Kredite – die Rede ist von fast 10 Prozent Zinsen für die bisher gewährten Staatsdarlehen – könnten den Konzern finanziell erdrücken, heißt es in Branchenkreisen. Daher gebe es möglicherweise keinen anderen Weg, als das nächste Hilfspaket in Form von Eigenkapital zu gewähren, eventuell ohne Stimmrechte. Auch eine Mischung aus Krediten und Eigenkapital wird diskutiert. Über allem steht eine politische Dimension, die mit dem gefallenen Aktienkurs und dem Börsenwert von nur noch knapp 2,6 Milliarden Euro zu tun hat: „Schon für die jetzt gewährten Hilfen hätte der Bund die gesamte TUI AG kaufen können“, sagt einer aus dem Umfeld der Verhandlungen. „Wenn die Regierung jetzt noch mal Milliardensummen gibt, ohne zumindest einen Teil der Kontrolle zu übernehmen, sieht das komisch aus.“

Die Gespräche über neue Staatshilfen beschäftigen auch den Aufsichtsrat, der sich nach F.A.Z.-Informationen in der kommenden Woche zu einer außerordentlichen Sitzung treffen will. TUI will sich zu den Details nicht äußern. Der Konzern hatte schon vor Wochen eine Kapitalerhöhung über den Aktienmarkt erwogen, die auch der Großaktionär Alexei Mordaschow hätte mittragen sollen. Da der Aktienkurs mit derzeit 4,30 Euro unverändert niedrig liegt, ist das aber kurzfristig offenbar keine Option.

Thyssen-Krupp verhandelt ebenso

Unterdessen verhandelt auch der notleidende Industriekonzern Thyssen-Krupp über staatliche Finanzhilfen einschließlich einer Eigenkapitalbeteiligung zur Rettung seines Stahlgeschäfts. „Wir sind aktuell in Gesprächen mit der Bundesregierung unter Beteiligung der Landesregierung“, sagte die Vorstandsvorsitzende Martina Merz der F.A.Z. Eine Entscheidung über Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds sei aber noch nicht gefallen.

Eigentlich habe man die nötigen Investitionen in die Stahlsparte mit den mehr als 17 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Aufzugssparte stemmen wollen. „Aber unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich durch Corona dramatisch verschlechtert, auch wegen der großen Abhängigkeit von der Autoindustrie“, begründet Merz die Verhandlungen. Thyssen-Krupp kämpfe noch immer mit hohen Finanzschulden und Pensionsverpflichtungen. Die Option Staatshilfe „prüfen wir nur, weil uns durch Corona die Mittel für die Investitionen wieder verlorengegangen sind“, sagte die Managerin. Neben einer eigenständigen Weiterführung der Stahlsparte innerhalb des Essener Konzerns sei jedoch auch ein Komplettverkauf denkbar. Ein entsprechendes Angebot des britischen Wettbewerbers Liberty Steel sei „eine ernsthafte Option“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müßgens, Christian
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
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