Zukunftschancen

Italien, das Land der Illusionen

EIN KOMMENTAR Von Tobias Piller
24.10.2021
, 14:45
Italien nutzt sein Potential auch im Tourismus nicht aus. Das Foto zeigt das traditionelle Touristenziel Taormina auf Sizilien.
Die letzte Blütezeit der italienischen Wirtschaft liegt lange zurück. Eine neue ist nicht in Sicht.
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Der bevorstehende Abschied von Angela Merkel aus dem Kanzleramt führt in Italien zu vielversprechenden Perspektiven: Gleich nach der Bundestagswahl hat der ehemalige Ministerpräsident Matteo Renzi „wegen dieses Klimas der deutschen Unsicherheit und Instabilität“ Mario Draghi zur Führungsperson Europas erklärt. Vorerst noch zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Sollte dieser aber im kommenden Jahr nicht wiedergewählt werden, müsste in der EU endlich alles so laufen, wie es sich viele Italiener vorstellen: keine Rückkehr zum Stabilitätspakt der Währungsunion, stattdessen weiterhin Haushaltsdefizit und Staatsschulden, sogar aber mit Garantien von Zentralbank und Partnerländern. Gewünscht werden auch weitere europäische Ausgabenprogramme, finanziert von allen Mitgliedern. Der erste Aufbaufonds „Next Generation EU“ weckt Begehrlichkeiten, schließlich entfällt auf Italien der Löwenanteil.

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Die Wertschätzung, die der seit Februar amtierende Ministerpräsident erfährt, ist gerechtfertigt. Draghi war Doktorand bei Nobelpreisträgern, Wirtschaftsprofessor, IWF-Aufsichtsrat, Privatisierer mit Rekorderlösen, nationaler Notenbankgouverneur und Präsident der Europäischen Zentralbank. Mit seinen Erfahrungen genießt er viel Ansehen in der EU. Dass deswegen künftig die Entscheidungen in Europa so laufen, wie es sich eine Mehrheit der Italiener wünscht, könnte sich als Illusion erweisen. Schließlich bleibt Draghi nur wenig Zeit, um in die Führungsrolle hineinzuwachsen, wie es Angela Merkel im Lauf vieler Jahre gelang.

Spätestens 2023, also 25 Monate nach Amtsantritt, wird die Zeit der 69. Regierung der Nachkriegszeit abgelaufen sein. Bisher spricht nichts dagegen, dass die Vertreter der Parteien dann weitermachen mit ihrer Taktik, die Staatskasse zur Finanzierung kurzfristiger Wahlgeschenke für ihre Klientel zu benutzen. Den Italienern wurde dazu bisher die Illusion vermittelt, dass mit mehr Haushaltsdefizit mehr Wirtschaftswachstum zu erzielen sei.

Draghi bleibt höchstens 25 Monate an der Spitze

Ein Trugschluss könnte unterdessen die Vorstellung sein, dass Mario Draghi innerhalb weniger Monate alle Schieflagen und Probleme des Landes beseitigen werde, ohne dass in Italien und unter seinen Politikern wirklich Reformbereitschaft vorhanden wäre. Draghi hat die wichtigen Probleme angepackt, allen voran die langsame Justiz, das byzantinische Steuersystem mit vielerlei Begünstigungen für einzelne Gruppen und die überkomplizierte Verwaltung mit vielen verschlungenen Prozeduren. Selbst ein Draghi aber kann nur erste Schritte in Richtung einer Wende unternehmen, weil insgesamt keine Bereitschaft zu Veränderung vorhanden ist.

Im Moment benehmen sich aber viele Vertreter von Draghis Koalitionsparteien, als ginge sie das Reformprogramm des Ministerpräsidenten eigentlich nichts an. Sie ziehen es vor, sich abseits der von Draghi propagierten Reformen mit tagespolitischem Geplänkel und persönlicher Profilierung in Stellung zu bringen.

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Italien hat riesige Potentiale für wirtschaftliche Entwicklung: zuallererst ein Luxus- und Premiumimage, um das es von vielen anderen Ländern der Welt beneidet wird. Mode, Design, Nahrungsmittel und Urlaub lassen sich damit seit Jahrzehnten vermarkten. Allerdings ist es müßig zu glauben, dass man allein mit der Vergangenheit und dem Namen Italien auf dem Markt bestehen könne. Das erklärt vielleicht, warum die Insel Sizilien mit ihren fünf Millionen Einwohnern und sieben Einträgen im UNESCO-Weltkulturerbe bei den Übernachtungszahlen auf dem Niveau des kleinen Inselstaats Malta verharrt.

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Eine dynamische Unternehmerkultur

Verglichen mit Deutschland, hat Italien in den vergangenen Jahrzehnten eine weit dynamischere Unternehmerkultur hervorgebracht. Ohne Persönlichkeiten, die sich immer noch auf dem Weltmarkt behaupten, ginge es dem Land weitaus schlechter. Doch im eigenen Land hört man nicht auf diejenigen, die verlangen, die Wettbewerbsfähigkeit Italiens auf dem globalen Markt zum wichtigsten Orientierungsmaßstab zu machen.

Die letzte Blütezeit der italienischen Wirtschaft war aber die vor dem globalen Wettbewerb, die Ära des europäischen Binnenmarkts der Neunzigerjahre. Seither stagnieren Produktivität und Löhne. Die Gewerkschaften, die sich noch immer nicht ganz von ihrer klassenkämpferischen Vergangenheit verabschiedet haben, streiten lieber für den Erhalt obsoleter Fabriken aus den Siebziger- und Achtzigerjahren anstatt für mehr Attraktivität für neue Investoren.

Italien hätte nicht nur die Chance auf mehr Wachstum. Das Land könnte auch ganz Europa mehr Dynamik bringen. Ohne Willen und Bereitschaft zu Veränderungen und mit weiterhin starken Beharrungskräften gegen den Wandel bleibt das treffendste Bild für die Beschreibung des Landes aber das Leopardenfell mit hellen und dunklen Punkten.

Denn leider hängen auch heute noch viele dem Irrglauben an, dass Deutschland schuld sei an der Wachstumsschwäche Italiens und dass sich Europa ändern müsse, damit in Italien möglichst wenig Wandel nötig sei.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Piller, Tobias (tp.)
Tobias Piller
Redakteur in der Wirtschaft.
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