Weltwirtschaft

Drohende Stagflation

EIN KOMMENTAR Von Gerald Braunberger
08.10.2021
, 07:28
Springt die Wirtschaft im kommenden Jahr wieder an?
Treffen wirtschaftliche Stagnation und Inflation aufeinander, wird es unbequem. In einer solchen Situation ist es leicht, wirtschaftspolitisch zu irren. Die nächste Bundesregierung könnte rasch vor unerwarteten Herausforderungen stehen.
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Wer früher die wirtschaftlichen Vorteile einer durch effiziente Lieferketten gekennzeichneten Globalisierung gering schätzte, hat in diesen Wochen Gelegenheit, sein Fehlurteil zu korrigieren. Gerade die eng mit der Welt verflochtene deutsche Wirtschaft bekommt die Folgen eines Mangels an Material zu spüren. Und selbst die sicherlich beeindruckende, im Westen aber auch immer wieder überschätzte chinesische Wirtschaft sendet mit vorübergehenden Stromabschaltungen verstörende Signale.

Bisher lag den Wirtschaftsprognosen die Annahme einer raschen Überwindung dieser Schwierigkeiten zugrunde, aber allmählich beginnen sich Unternehmen und manche Ökonomen die Frage zu stellen, ob die Weltwirtschaft nicht doch längere Zeit unrund laufen wird. Immer häufiger kursiert ein Ausdruck, der vor einem halben Jahrhundert bekannt wurde und der gar keine erfreulichen Erinnerungen weckt: Stagflation.

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Deutlich steigende Arbeitskosten definitiv das falsche Signal

Stagflation kennzeichnet das Zusammentreffen wirtschaftlicher Stagnation mit Inflation. In den vergangenen Jahrzehnten war Stagflation in Schwellen- und Entwicklungsländern keine Seltenheit, aber die Industrienationen gerieten nur selten in den Griff dieser Plage. Denn gewöhnlich zeigt sich hohe Inflation dort als vorübergehende Begleiterscheinung einer Hochkonjunktur. Auch jetzt sind Gesundbeter unterwegs, die versichern, im kommenden Jahr werde die Wirtschaft wieder anspringen, die derzeit recht hohe Inflationsrate aber wieder fallen.

Diese Annahme setzt voraus, dass die Menschen den derzeitigen In­flationsschub als vorübergehend ansehen und nicht auf deutliche Lohnerhöhungen dringen. So sicher ist das nicht. Gerade wenn der Staat mit einer spürbaren Erhöhung des Mindestlohns ein Zeichen setzen will, dürften die Gewerkschaften nicht lange mit stolzen Forderungen für die Tariflöhne zögern. Deutlich steigende Arbeitskosten sind jedoch in einer wirtschaftlichen Stagnation definitiv das falsche Signal. Eine Stagflation ist eine unbequeme Situation, in der es leicht ist, wirtschaftspolitisch zu irren. Die nächste Bundesregierung könnte sich rasch vor unerwarteten Herausforderungen sehen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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