Lars Feld im Gespräch

„Die akute Phase der Corona-Krise ist vorbei“

Von Niklas Záboji
18.12.2020
, 10:39
Für den Chef der Wirtschaftsweisen muss es jetzt darum gehen, mit Zuversicht durch den Winter zu kommen. Die Pandemie dauere nicht ewig – und der Staat sei nicht dazu da, die Verluste der Unternehmen zu übernehmen.

Herr Feld, die Pandemie wütet, die Politik hat einen zweiten Lockdown verhängt. Welche Reserven hat die deutsche Wirtschaft noch?

Die deutsche Wirtschaft ist in ihrer Substanz intakt. Sie hat in den guten Jahren zuvor nennenswerte Reserven aufgebaut. Das gilt für die Mehrzahl der Unternehmen und nicht zuletzt für das Bankensystem. Zudem ist der zweite Lockdown in seiner Eingriffsintensität immer noch weit von den Einschränkungen im Frühjahr 2020 entfernt. Der Aufschwung im verarbeitenden Gewerbe hält noch immer an. Die Wirtschaft wird das also verkraften, wenngleich dies nicht für alle Unternehmen gilt, insbesondere im Dienstleistungsbereich.

Ist die Rezession unvermeidbar, wenn der Lockdown im Januar nicht endet?

Mit den neuerlichen Verschärfungen der Einschränkungen ist davon auszugehen, dass das vierte Quartal 2020 und das erste Quartal 2021 negatives Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufweisen. Aus Sicht des Sachverständigenrates gehören zu einer Rezession aber mehr als zwei Quartale mit Negativwachstum. Weitere Indikatoren müssten nach unten gerichtet sein. Daher muss man abwarten, ob es nur eine Wachstumsdelle oder eine ausgewachsene Rezession sein wird.

Der Sachverständigenrat prognostizierte Anfang November 3,7 Prozent Wachstum für 2021. Ist das noch realistisch, Impfstoffhoffnung hin oder her?

Derzeit überwiegen die Risiken, sodass ein geringeres Wachstum über das gesamte Jahr 2021 resultieren kann. Die Bundesbank ist nicht von ungefähr bei nur noch 3,0 Prozent Wachstum gelandet. Für die weitere Entwicklung wird es essentiell darauf ankommen, wie weitere Verschärfungen aussehen, wenn sie denn nötig werden. Gibt es Schul- und Kitaschließungen? Werden Wertschöpfungsketten merklich unterbrochen? Was passiert im verarbeitenden Gewerbe und in der Bauwirtschaft? Die Impfstoffe ermöglichen hingegen einen stärkeren Rückpralleffekt, sodass im Verlauf des Jahres eine größere Dynamik zustande kommen kann.

Weiter hieß es in Ihrem Jahresgutachten, eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau dürfte „nicht vor Anfang des Jahres 2022 erreicht werden“. Wann ist der Wohlstand wieder eingespielt, den Corona vernichtet hat?

Die Rückkehr auf das BIP-Niveau des Jahres 2019 ist ja nur ein Teil des Erholungsprozesses. Das könnten die deutsche Wirtschaft schon Anfang 2022 erreichen. Dann hat sie aber den vorherigen Wachstumspfad noch nicht wieder erreicht. Dafür braucht sie etwas mehr Zeit; es bleibt zunächst eine Produktionslücke. Wie stark diese ausfällt, hängt davon ab, ob die Corona-Krise das Produktionspotential reduziert...

... also wie viel Deutschland bei voller Auslastung produzieren kann. Sie hießen die Krisenpolitik der Bundesregierung bislang grundsätzlich gut. Bleibt es dabei oder bedarf es einer Langfriststrategie?

Es bedarf immer einer Langfriststrategie, wenngleich dies in einem Wahljahr nicht einfach ist. Bei allem Respekt vor dem politischen Tagesgeschäft ist die akute Phase der Corona-Krise aber seit dem Sommer 2020 vorbei – und es geht jetzt darum, mit Zuversicht durch den Winter zu kommen. Für diese Zuversicht ist es erforderlich, dass ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar wird. Dafür muss die Politik einerseits den derzeit von Schließungen betroffenen Unternehmen klar machen, dass die Pandemie nicht ewig dauern wird. Andererseits wird es Zeit zu signalisieren, dass der Staat nicht alle Unternehmen retten kann. Von Betroffenen hört man Stimmen der Verzweiflung, aber auch Freude über das gute Geschäft mit den Krisenhilfen. Kompensationen für vom Staat verordnete Einschränkungen der Gewerbefreiheit sind gut und schön, aber der Staat ist nicht dazu da, die Verluste der Unternehmen zu übernehmen. Ihre Gewinne geben sie auch nicht freiwillig ab.

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Der deutsche Staat verschuldet sich in nie dagewesener Höhe neu. Übernimmt er sich?

Nein. Dieses Jahr könnte die Schuldenquote auf 70 Prozent des BIP steigen, kommendes Jahr noch etwas mehr. Damit ist man weit entfernt von der Situation nach der Finanzkrise. Die Tragfähigkeit der deutschen Staatsfinanzen ist keinesfalls in Gefahr. Für Krisenzeiten wie diese hält man das Pulver trocken. Den finanzpolitischen Tauben muss man in guten Zeiten die Hartnäckigkeit der Konsolidierung entgegenhalten, den finanzpolitischen Falken in schlechten Zeiten die Notwendigkeit expansiver Finanzpolitik. Dazu ist die Schuldenbremse so konstruiert, wie sie es ist.

Welche Hilfen die Bundesregierung zahlt, wird für Außenstehende immer unübersichtlicher. Geht es dabei noch gerecht und verhältnismäßig zu?

Die Pandemie ist nicht gerecht. In der Tat ist einem Empfänger von Arbeitslosengeld II, der harten Einkommens- und Vermögensprüfungen unterliegt, kaum vermittelbar, warum Solo-Selbständige besondere Hilfen bekommen. Bei 75 Prozent des Umsatzes der Vorjahresmonate, wie bei den November- und Dezemberhilfen, müsste doch aufhorchen lassen, dass das Gastgewerbe nicht mehr laut aufschreit, sondern nur die Verzögerungen bei den Auszahlungen bemängelt. Leider setzt die Bundesregierung das Instrument des steuerlichen Verlustrücktrages zu zögerlich ein. Dies käme Unternehmen mit früheren Gewinnen, also einem tragfähigen Geschäftsmodell, und aktuellen Verlusten zugute, wäre also zielgenau und verhältnismäßig.

Die Furcht geht um, ohnehin krisengeplagte Unternehmen könnten als „Zombies“ künstlich am Leben gehalten werden. Ist diese Furcht begründet?

Eine Krise ist immer zur Bereinigung da. Kriselnde und nicht zukunftsfähige Geschäftsmodelle sollten vom Markt verschwinden. Der Staat darf diesen Prozess nicht zu lange verzögern. Nach der Beendigung der Überbrückungshilfen III sollte daher Schluss sein.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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