Zweite Corona-Welle

Die neue Angst vor dem „Double Dip“

Von Julia Löhr, Niklas Záboji
23.10.2020
, 11:25
Weniger Konsum, weniger Investitionen: Der Rekordanstieg der Corona-Infektionen verheißt für die Wirtschaft wenig Gutes. Doch es gibt auch Zeichen der Zuversicht.

Der Stillstand ist vergessen, in vielen Werkshallen herrscht wieder reger Betrieb – am Freitag veröffentlichte Konjunkturindikatoren deuten darauf hin, dass der Anstieg an Corona-Infektionen die deutsche Industrie bislang kalt lässt. Sie befindet sich sogar weiter kräftig im Aufwind, berichten die Ökonomen des Londoner Markit-Instituts auf Grundlage ihrer monatlichen Befragung von 1000 Einkaufsmanagern. Die Industrieproduktion wuchs demnach mit der höchsten Rate seit Februar 2011.

Das Markit-Barometer für die Industrie stieg nach 62,4 Punkten im September auf nunmehr 64,9 Zähler. Vergessen ist mittlerweile das Corona-Tief von April, als sich der Index mit 34,5 Punkten weit entfernte von der 50-Punkte-Marke, die Wirtschaftswachstum erwarten lässt. Immer mehr Industrieunternehmen würden sich dem Wachstumsniveau von vor der Pandemie nähern, konstatiert Markit-Ökonom Phil Smith. Trotz der zweiten Corona-Infektionswelle halte sich die deutsche Wirtschaft somit „ziemlich wacker“.

Für die andere Teile der Wirtschaft ist das Bild jedoch ein anderes, allen voran für die Dienstleister. Ihre Stimmung hat sich angesichts der verschärften Corona-Lage eingetrübt. Das Markit-Barometer für die Geschäftstätigkeit im Dienstleistungssektor fiel von September auf Oktober von 50,6 auf 48,9 Punkte – und somit erstmals seit dem Frühjahr unter die Wachstumsschwelle von 50 Zählern. Im Euroraum ist die Lage noch etwas schlechter.

Die Gespräche mit der SPD dazu laufen

Und auch andere Indikatoren deuten darauf hin, dass die immer höhere Zahl der Neuinfektionen und die damit verbundenen Warnungen aus der Politik im Wirtschaftsgeschehen deutliche Spuren hinterlassen. Verbraucher scheinen verunsichert. Mit Einkäufen jenseits des täglichen Bedarfs halten sich diese offenbar vermehrt zurück.

Der Konsumklima-Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK, der auf der monatlichen Befragung von 2000 Verbrauchern beruht, verharrte im Oktober rund 2 Punkte im Minus. Das ist zwar wesentlich besser als die minus 23 Punkte aus dem Frühjahr, aber auch weit entfernt vom Vorkrisenniveau von plus 10 Punkten. Die Erholung vom Sommer sei zum Stillstand gekommen, teilten die Marktforscher am Donnerstag mit, es werde wieder mehr gespart. Die Einkommenserwartung ist deutlich zurückgegangen.

Für die Unternehmen verheißt das nichts Gutes. Schon am Donnerstag hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorsorglich weitere Hilfen angekündigt. Die Überbrückungshilfen für Selbständige und mittelständische Unternehmen sollen nach seinem Willen bis Mitte 2021 verlängert werden, sagte er nach einer Videokonferenz mit 35 Wirtschaftsverbänden. Derzeit läuft das Zuschussprogramm, das Unternehmen einen Teil ihrer Fixkosten ersetzt, bis Ende Dezember.

Dass es im Januar weitergehen soll, war schon bekannt – nur nicht, ob drei oder sechs Monate. Er wolle „Planungssicherheit“, so Altmaier. Am Freitag bekräftigte er seine Pläne am Rande eines Tourismusforums noch einmal. „Wir sind entschlossen, unsere Hilfsanstrengungen im Rahmen dessen, was die EU-Kommission uns ermöglicht, auszubauen und zu erhöhen", versprach Altmaier. Für kommenden Mittwoch haben mehrere Verbände aus besonders betroffenen Wirtschaftsbranchen eine Demonstration in Berlin angekündigt.

Neu hinzukommen soll ein fiktiver Unternehmerlohn, den Selbständige anders als die Überbrückungshilfe auch für ihre privaten Lebenshaltungskosten nutzen dürfen. Die Gespräche mit der SPD dazu laufen. Altmaier sagte, bei Bedarf werde es auch schon dieses Jahr Korrekturen geben. Der Hotel- und Gaststättenverband fordert unter anderem, dass die derzeitige Deckelung der Zuschüsse bei 50.000 Euro im Monat auf 250.000 Euro angehoben werden müsse. Die Veranstaltungsbranche möchte überhaupt keine Obergrenze. Zum Teil hätten die Unternehmen eine halbe Million Euro Fixkosten im Monat, kritisierten deren Vertreter nach dem Gespräch mit Altmaier.

Beim Export gebe es Licht und Schatten

Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Beratungshauses McKinsey unter 500 deutschen Mittelständlern hat schon jedes fünfte Unternehmen Geld aus der Staatskasse erhalten. Weitere 25 Prozent wollen erst noch einen Antrag stellen. Durchgeführt wurde die Umfrage im August, also zu einem Zeitpunkt, als die konjunkturellen Zeichen noch auf Erholung standen. Verbessert sich die Geschäftslage nicht innerhalb der nächsten sechs Monate, rechnen 10 Prozent der Befragten mit Insolvenz.

Noch fällt es Ökonomen schwer, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie klar abzuschätzen. Die Unsicherheit dürfte aber in jedem Fall Spuren hinterlassen, sagt Claus Michelsen, Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Vergleiche man die momentane Situation mit der im März, gebe es auch jetzt keine Panik – wohl aber eine „enorme Unsicherheit, die Auswirkungen auf die Anschaffung von langlebigen Investitionsgütern hat“. Auch unter Unternehmen mache sich verstärkt Investitionsunsicherheit breit.

Konsumzurückhaltung, rückläufige Investitionen trotz solider Industrieproduktion – bis vor kurzem hielten Ökonomen einen als „Double Dip“ bezeichneten Konjunkturverlauf in W-Form für unwahrscheinlich. Doch nun werden Befürchtungen laut, dass es doch schlimmer kommen könnte als erwartet. Sollten Bund und Länder sich für einen abermaligen „Lockdown“, ein bundesweites Schließen von Geschäften, Restaurants und Freizeitangeboten, entscheiden, dürfte das nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr zwei Prozentpunkte Wachstum kosten. Bislang geht das in Köln ansässige Institut von minus 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus.

Die fünf großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute sind in ihrer aktuellen Gemeinschaftsdiagnose mit minus 5,4 etwas optimistischer. Doch der daran beteiligte DIW-Ökonom Michelsen mahnt, dass man für das laufende Schlussquartal nun vorsichtiger sein sollte, was die Erholung anbelangt. „Gerade wenn man an das Herzstück der deutschen Wirtschaft denkt, etwa an den Maschinen- und Anlagenbau, sieht man, dass die Unsicherheit selbst im Sommer kaum zurückgegangen ist“, sagt er. Auch beim Export gebe es Licht und Schatten: Das China-Geschäft laufe nach wie vor gut, im Euroraum werde die Nachfrage dagegen schwächer.

Zumindest etwas zuversichtlich stimmen die Ergebnisse des neuen KfW-Mittelstandspanels. Zwar erwarten kleinere und mittlere Unternehmen mit bis zu 250 Arbeitsplätzen demnach historische Umsatzrückgänge von 12 Prozent binnen Jahresfrist. Auch droht der Abbau von 1,1 Millionen Stellen. Die „Widerstandskraft“ des deutschen Mittelstands bezeichnete KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib aber als hoch. Die Unternehmen hätten noch Reserven. Der Bundeswirtschaftsminister dürfte das gerne hören. Altmaier stellt kommenden Mittwoch die Herbstprojektion der Bundesregierung vor. Zumindest für das kommende Jahr gibt er sich vorsichtig optimistisch.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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