Umbau der Chemiebranche

Gewerkschafter beklagen steigende Arbeitslast

Von Falk Heunemann, Frankfurt
29.10.2021
, 18:16
Digitalisierung, Dekarbonisierung, demografischer Wandel: Der Industriepark Höchst steckt im Dauerwandel.
Digitalisierung, Klimawende, demografischer Wandel - in der Chemiebranche jagt ein Umbau den nächsten. Das bekommen auch Betriebsräte und die Gewerkschaft IG BCE zu spüren. Ihr Lösungsvorschlag: noch mehr Arbeit.
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Um zu zeigen, wie die Zukunft der Chemiebranche aussieht, hat Ralf Erkens einen kleinen Roboter vor die Tore des Industriepakrs Frankfurt-Höchst gestellt. Und dort mit ihm ein Gespräch geführt. Wie er denn die anstehende Transformation einschätze, oder wie viele Roboter es eigentlich weltweit gibt, hat Erkens, Leiter des Bezirks Rhein-Main bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), ihn zum Beispiel gefragt. „Seine Antworten machen einen schon nachdenklich“, seufzt er hinterher. Zum Beispiel, ob Erkens und seine Kollegen in Zukunft noch gebraucht werden, wenn es immer mehr solcher Roboter gibt.

Der Industriepark im Westen Frankfurts ist der größte Chemie-und Pharmastandort Hessen und mit 22.000 Beschäftigten einer der größten in ganz Deutschland. Sanofi stellt dort zum Beispiel Medikamente her und füllt Covid-19-Impfstoff von Biontech ab, Bayer produziert in Höchst Herbizide, Clariant betreibt dort ein großes Forschungszentrum. Und ständig, so berichten zumindest die Gewerkschafter, wird über neue Umstrukturierungen zu gesprochen. Die Gleichzeitigkeit von „Digitalisierung, Decarbonisierung und Demographischer Entwicklung“ habe dafür gesorgt, dass sich die Transformation in der Branche immer stärker beschleunigt habe, erklärt Sabine Süpke, Leiterin der IG BCE Hessen/Thüringen.

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1500 weniger Beschäftigte bei Sanofi in Höchst

Wie viel sich bewegt, lässt sich etwa bei Sanofi ablesen, dem mit Abstand größten Arbeitgeber in Frankfurt-Höchst. Mit gleichzeitig fünf unterschiedlichen Umstrukturierungen beschäftige sie sich derzeit, erzählt Sanofi-Betriebsrätin Vanessa Tsovanyan: In der Produktion, in der Verwaltung und in der Forschung würden derzeit Stellen abgebaut, der Bereich der Wirkstoffchemie werde ausgegliedert, ein anderer Bereich innerhalb des französischen Konzerns umsortiert. Innerhalb des nächsten Jahres dürften dadurch 1500 Beschäftigte weniger für Sanofi in Höchst tätig sein. „Das lässt sich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln.“

Ein anderes Beispiel für die Transformation sei die Personalabteilung, berichtet die 29 Jahre alte Betriebsrätin. Ganze Teile davon seien nach Budapest verlegt worden, wenn Beschäftigte nun ein Anliegen hätten, müssten sie dort im Callcenter anrufen oder per Chatbot ihre Anfrage stellen. „Wir reden hier aber über ältere Beschäftigte, die mitunter nicht einmal wissen, wie man ein Dokument einscannt.“ Ganz zu schweigen davon, dass Produktionsmitarbeiter mitunter weder Zeit noch Zugang zu Computern hätten. „Die wissen sicher nicht einmal, wo man den Link zum Chatbot im Intranet findet.“

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Der schnelle Wandel mache vielen derzeit Angst, berichtet IG-BCE-Vorstand Karin Erhard. Die Unternehmen müssten aber dafür sorgen, dass die Beschäftigten eine Perspektive hätten, dass sie mitgenommen würden bei der Transformation und, nicht zuletzt, dass Industriejobs in Deutschland erhalten blieben. Doch auch die Gewerkschafter belaste die Geschwindigkeit der Transformation, berichtet Clariant-Betriebsrat Kai Uwe Hemmerich. „Wir haben derzeit zu viele Themen zur selben Zeit auf dem Tisch“, seufzt er. Ständig würden von den Arbeitgebern neue Veränderungen eingefordert, und nicht selten würden die Arbeitnehmervertreter vor vollendete Tatsachen gestellt, wohl in der Hoffnung, dass sie den Prozess nicht mehr aufhalten können.

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Auffällig war dies etwa zuletzt beim Autozulieferer Continental, der mehrere Werke und Standorte in Hessen hat. Quasi über Nacht, hieß es hinterher von mehreren Gewerkschaftsvertretern, habe die Kapitalseite Werksschließungen und einen massiven Stellenabbau beschlossen.

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Mehr Mitsprache, mehr Zeit und höhere Entlohnung

„Im Lockdown haben die Beschäftigen bewiesen, dass sie zum Wandel fähig sind“, ergänzt die hessische Gewerkschaftsleiterin Sabine Süpke. Die IG BCE hofft deshalb auf Unterstützung von einer künftigen Ampel-Koalition in Berlin. Nicht zufällig hat die Chemiegewerkschaft nun zu Beginn der Koalitionsverhandlungen einen Forderungskatalog beschlossen: 450 Milliarden Euro zum Beispiel sollen im nächsten Jahrzehnt in den Strukturwandel investiert werden, steht darin zum Beispiel. Oder: Dass die Mitbestimmung ausgebaut werden soll. Schon in Unternehmen mit 1000 Beschäftigten soll künftig schon eine paritätische Besetzung des Aufsichtsrats gelten, zudem soll der Aufsichtsratsvorsitzende von der Arbeitgeberseite nicht länger doppeltes Stimmgewicht haben. Und bei mehreren Punkten soll der Betriebsrat erweiterte Mitsprache- und Inititiativrechte erhalten, etwa beim Thema Nachhaltigkeit oder bei Qualifizierungen.

Wie passt das zusammen: Auf der einen Seite über Überlastung klagen, auf der anderen Seite aber noch mehr Mitbestimmung fordern? Das gehe schon, sagt Gewerkschafterin Erhard, wenn auch die Arbeitsbedingungen für Betriebsräte verbessert würden. Gerade in kleineren Unternehmen müsse eine Freistellung leichter möglich sein, Mitarbeiter sollten zudem einfacher als Sachverständige in den Betriebsrat berufen werden können. Die Gewerkschaft plant bereits, die Schulungen für Arbeitnehmervertreter auszubauen. Und auch über eine Reform der Betriebsräte-Entlohnung müsse gesprochen werden, sagt Erhard. Die SPD, glaubt sie, werde man von all diesen Vorschlägen nicht groß überzeugen müssen, auch die Grünen seien in vielen Punkten auf ähnlicher Linie wie die Gewerkschaft. Nur bei der FDP sei sie sich derzeit nicht so sicher.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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