High-End-Chipfertigung

So will die EU ins Halbleiter-Wettrennen einsteigen

Von Hendrik Kafsack und Stephan Finsterbusch
06.02.2022
, 21:30
Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton hat eine klare Vorstellung von der Technologie-Zukunft Europas.
Brüssel will Amerika und China etwas entgegensetzen in der Mikroelektronik. Am Dienstag stellt der zuständige Kommissar Breton den „EU Chips Act“ vor.
ANZEIGE

Die USA, China, Korea und andere Asiaten investieren Milliarden in den Ausbau der Halbleiterindustrie. Nun zieht die Europäische Union nach. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton will am Dienstag den „EU Chips Act“ vorstellen, durch den bis 2030 rund 45 Milliarden Euro in die Forschung, Pilotprojekte, Start-ups, vor allem aber den Bau von Megafabriken fließen sollen, die hochmoderne Halbleiter herstellen. Dazu will die Kommission ihre strikten Regeln für Beihilfen aufweichen und die Genehmigungsverfahren beschleunigen. Zudem will sie die Chipproduktion überwachen und in Krisen im Extremfall Ausfuhrverbote für Halbleiter erlassen. Sie reagiert so auf Chips-Lieferengpässe, die unter anderem die deutsche Autobranche ausbremsen.

Die Kommission will die EU so wieder zu einem Schwergewicht in der Chipproduktion machen und die Versorgung für Zukunftsprojekte wie das vernetzte Fahren, die Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz oder Supercomputer sicherstellen. Der Anteil an der Chipproduktion auf der Welt soll von heute 10 Prozent bis 2030 auf 20 Prozent steigen. Da die Kommission davon ausgeht, dass sich der Markt bis dahin verdoppelt, läuft das auf eine Vervierfachung der Produktion hinaus. „Wenn wir in den Märkten der Zukunft zu den führenden Kräften gehören wollen und nicht nur der Subunternehmer von wem auch immer sein wollen, muss die EU jetzt handeln“, hat Breton im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vorgegeben.

ANZEIGE

Breton schwebt der Bau von zwei, drei oder vier großen Halbleiterfabriken in der EU vor. Die sollen sehr kleine – mit Strukturgrößen unter 2 Nanometern – und energieeffiziente Halbleiter bauen. Ziel sei „ein Europa der Megafabriken, das den Eigenbedarf sicherstellen und die Weltmärkte erobern kann“.

Ähnlich wie Amerika

Entwürfe für den „Chips Act“ kursieren seit Ende vergangener Woche. Auch der F.A.Z. liegt ein Entwurf vor. Zahlen sind darin noch nicht enthalten. Sie sollen erst kurz vor der Veröffentlichung eingefügt werden. Nach Informationen dieser Zeitung plant Breton mit drei Posten: erstens 30 Milliarden Euro, die die Staaten nach Analyse der Kommission für die Förderung der Chipbranche schon reserviert haben, zweitens 12 Milliarden Euro für ein Programm mit den Namen „Chips für Europa“, mit dem die EU Pilotprojekte, Quantenchips oder das Chip-Design fördert, sowie drittens ein 5-Milliarden-Programm mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) zur Förderung von Start-ups.

ANZEIGE

Damit würde die EU eine vergleichbare Summe bereitstellen, wie es die USA in ihrem „Chips Act“ tun. Der sieht bis 2026 Hilfen von 52 Milliarden Dollar vor. Verglichen mit den 450 Milliarden Dollar, die nach dem Entwurf Südkorea bis 2030 über Steuererleichterungen bereitstellt, nimmt sich das indes bescheiden aus.

F.A.Z. Digitec: jetzt testen!

Nehmen Sie die digitale Zukunft selbst in die Hand.

Mehr erfahren

Entscheidender als die reinen Zahlen sind die Änderungen, die Breton am EU-Beihilferecht plant. Bisher sind Staatshilfen weitgehend auf Forschung oder „Weltneuheiten“ beschränkt. Üblich sind Subventionen von 10 bis 15 Prozent der Baukosten. Künftig sollen im Einzelfall bis zu 100 Prozent möglich sein, „wenn es ansonsten keine solchen Anlagen in Europa gäbe“, wie es in dem Entwurf heißt. Die Schwelle wird von Welt- auf Europaneuheit gesenkt. Hilfen von 40 bis 50 Prozent wären kein Problem mehr, heißt es in Bretons Umfeld. Er rechtfertigt das damit, dass die Ansiedlung von Megafabriken eine Keimzelle für die Ansiedlung anderer Unternehmen sei und Tausende indirekte Jobs schaffe.

ANZEIGE

Innerhalb der EU-Kommission ist der Chips Act dennoch umstritten. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager warnt vor weicheren Regeln und einem globalen Subventionswettlauf, den die EU nicht gewinnen könne. Dass sie das Gesetz abschwächen kann, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Breton habe volle Rückendeckung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, heißt es aus seinem wie ihrem Umfeld.

Profitieren von den Staatshilfen könnte allen voran der amerikanische Intel-Konzern, der schon vor Monaten Investitionen in Fabriken in Europa in Aussicht gestellt hat. Auch Deutschland macht sich Hoffnung. Das Unternehmen hat das aber an großzügige Beihilfen geknüpft. Auch die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren, die der Gesetzesvorschlag vorsieht, könnte Intel die Entscheidung erleichtern. Die Staaten sollen Megafabriken, wo möglich, als „Projekt nationaler Bedeutung“ einstufen und etwa Umweltauflagen aussetzen. Breton hofft nun auf eine schnelle Entscheidung Intels – in drei bis vier Wochen.

Um Lieferengpässe zu vermeiden, sollen die Staaten eine Art Frühwarnsystem einrichten. In Krisen sollen mindestens zwei EU-Staaten die Kommission beauftragen können, den Einkauf von Chips zu bündeln. Im Extremfall soll die EU die Ausfuhr von Halbleitern untersagen können. Mitgliedstaaten und Europaparlament müssen dem Chips Act zustimmen, damit er in Kraft treten kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hendrik Kafsack
Hendrik Kafsack
Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.
Twitter
Stephan Finsterbusch  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
ANZEIGE