Intel-Chef in Davos

Der Magdeburger Acker ist Europas Chip-Hoffnung

Von Sven Astheimer, Davos
23.05.2022
, 17:10
Pat Gelsinger in Davos
Der Westen muss von Asien lernen, und zwar schnell. Auf dem Weltwirtschaftsforum erklärt der Intel-Chef Pat Gelsinger warum. Von Spekulationen über ein Ende der Globalisierung hält er indes nichts.
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Pat Gelsinger hat eine klare Botschaft zum Weltwirtschaftsforum in Davos mitgebracht: „Die Welt braucht geopolitisch ausbalancierte und widerstandsfähige Lieferketten.“ Der Vorstandschef des amerikanischen Halbleiterherstellers Intel hält es für ein Gebot der Stunde, dass die westlichen Länder in die Lage versetzt werden, ihre Versorgung mit zentralen Elementen für ihre modernen Volkswirtschaften wieder selbst zu sichern. Das gelte vor allem für seine eigene Industrie: die Chipbranche.

Die momentan enormen Probleme in den Lieferketten seien vor allem eine Folge der Corona-Krise, der damit einhergehenden Unsicherheiten in den Märkten und der massiven Verwerfungen in den Weltwirtschaften. So sei vielen Unternehmen die Abhängigkeit von Chips aus Asien schmerzhaft vor Augen geführt worden. Bis heute können aufgrund mangelnder Halbleiter alle großen Autohersteller wie Volkswagen , Ford oder auch Toyota viel weniger Fahrzeuge bauen und ausliefern, als bei ihnen bestellt seien.

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So warten Kunden monatelang auf ein neues Auto. Die damit einhergehenden entgangenen Umsätze der Autohersteller belaufen sich mittlerweile auf Hunderte Milliarden Euro. Das bringt auch die Chipbranche unter Druck. Sie versucht mit Rekordinvestitionen von 180 Milliarden Euro allein in diesem Jahr zumindest mittelfristig das Problem abzufedern.

Ende der Chip-Krise kaum in Sicht

In den vergangenen 30 Jahren ist nach den Worten Gelsingers das verarbeitende Gewerbe in aller Welt auf „just in time“ konzentriert gewesen, also auf die über den gesamten Globus verteilte kostengünstigste Herstellung und Lieferung von Vorprodukten mit möglichst geringen Lagerzeiten. Das müsse sich wieder ändern. Denn, das habe die jüngste Krise gezeigt, es mache Lieferketten in Zeiten knapper Ressourcen oder von Produktionsausfällen nicht sehr robust. Daher sei zukünftig „just in case“ angesagt. Also frei übersetzt: Es brauche ein System, das in schwierigen Zeiten stabil funktioniert – auch wenn das etwas teurer sei. Diese Umstellung aber brauche Zeit.

Ein Ende der aktuellen Chipkrise zeichnet sich aus Gelsingers Sicht daher nur langsam ab. Er rechne entgegen früherer Schätzungen erst 2024 mit einer Entspannung. Von Spekulationen über eine Ende der Globalisierung angesichts der Isolierung Russlands wegen des Ukrainekrieges oder der Abschottungspolitik Chinas hält er wenig. Das Gegenteil werde der Fall sein: Die Welt werde sich weiter vernetzen und enger zusammenrücken. „Nur: Wir sind in einigen Bereichen zu abhängig geworden von Asien“, sagt er weiter. Und seine Branche gehöre definitiv dazu. So kämen heute rund 80 Prozent der Halbleiter von einer Handvoll von Herstellern aus Asien. So hat die koreanische Samsung -Gruppe im vergangenen Jahr Intel gerade vom Branchenthron als umsatzstärkster Halbleiterhersteller der Welt gestoßen. Der taiwanische Auftragsfertiger TSMC hat die leistungsfähigeren Chips und die moderneren Produktionsprozesse. Gelsinger will das wieder ändern.

So schwebt ihm als Lösung für resilientere Lieferketten eine gleichmäßigere Verteilung der globalen Fertigungs- und Lieferkapazitäten vor: 30 Prozent aus den USA, 20 aus Europa und 50 aus Asien. Das könnte die Weltwirtschaft deutlich resilienter machen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er mit Intel für die kommenden zehn Jahre ein gigantisches Investitionsprogramm aufgelegt. Alles in allem könnte es sich auf bis zu 200 Milliarden Dollar belaufen – davon sollen bis zu 80 Milliarden Dollar auf Europa entfallen, der Löwenanteil auf Magdeburg.

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2023 sollen die ersten Bagger anrollen

So peilt Intel an, zwischen Paris und Danzig ein Netzwerk der Forschung und Entwicklung zu knüpfen, in Italien ein Pack- und Testzentrum hochzuziehen und sein Fertigungswerk in Dublin zu erweitern. Vor allem aber soll auf einem Acker vor den Toren Magdeburgs Europas modernstes Chipwerk mit alles in allem mehr als einem halben Dutzend einzelner Fabriken entstehen.

Dafür werden in einem ersten Schritt vom kommenden Jahr an vor den Toren der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts für rund 17 Milliarden Euro zwei Chipfabriken hochgezogen und mit Maschinen ausgestattet. In ihnen soll 2026 die Fertigung langsam angefahren und im Jahr darauf voll aufgedreht werden. Schon heute aber hat Intel auch die Erweiterungsbauten im Blick. Dafür hat der Konzern bereits noch einmal rund 20 Milliarden Euro veranschlagt. Die nächsten Schritte sind zwar noch nicht beschlossen, doch die Pläne liegen schon bereit. So will auch Keyvan Esfarjani keine Zweifel aufkommen lassen. „Wenn wir solche langfristigen Planungen machen, dann wollen wir sie eigentlich auch umsetzen“, sagt der Manager, der als Fabrikchef von Intel für alle Werke auf dem Globus zuständig ist. Es hänge alles davon ab, ob entsprechende Public Private Partnerships (PPP) zustande kommen, also die enge Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand.

Für Intel-Chef Gelsinger ist Asiens Durchmarsch am Weltchipmarkt während der vergangenen anderthalb Jahrzehnte genau auf dieses Zusammenspiel zurückzuführen. Gerade erst habe er einer Gruppe amerikanischer Senatoren die Bedeutung solcher PPP-Projekte beigebracht. Europa müsse ebenfalls in diese Richtung denken. So werden auch für Magdeburg Milliarden aus den Steuerkassen fließen müssen. Gelsinger spricht von einer Quote von bis zu 30 Prozent der Gesamtinvestition. In Asien sei das üblich. Behörden in Washington und Brüssel überprüfen gerade ihre einschlägigen Regeln dafür. Für Magdeburg hieße das: Intel kann mit Zuschüssen von mehr als 5 Milliarden Euro rechnen.

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Intels Fabrikchef Esfarjani lobt bereits die Zusammenarbeit mit der Landesregierung und den lokalen Behörden in Magdeburg. Es geht auch nicht nur um direkte Unterstützung für die neuen Fa­briken, sondern um Infrastrukturfragen, Stromversorgung und Fachkräfte. Während der Bauphase werden rund 7000 Personen auf Europas größter Baustelle am Werk sein. Für die spätere Produktion braucht es 3000 qualifizierte Mitarbeiter. Für deren Anwerbung setze man auf Schulen und Hochschulen der Region.

Der Zeitplan von Intel ist jedenfalls sehr ehrgeizig: Schon im ersten Halbjahr 2023 sollen die ersten Bagger auf dem Acker anrollen, 2027 dann soll die Produktion laufen. Esfarjani, der derzeit über zehn Intel-Fabriken auf der Welt wacht und den Bau von zehn weiteren steuert, ist dennoch zuversichtlich. „Wir haben ja vier Jahre Zeit“, sagt der Manager und lacht. Und man werde nur die Besten zu Intel holen: „Wir wollen Weltklasse sein.“

Quelle: F.A.Z.
Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sven Astheimer
Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
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