Folge des Halbleitermangels

Amerika holt die Mikrochips mit einem Milliardenprogramm zurück

Von Winand von Petersdorff, Washington
09.02.2022
, 10:55
Auch Amerika möchte mehr Halbleiter-Kompetenz und -Kapazität im eigenen Land haben.
Wenn es um Halbleiter geht, sind sich die beiden amerikanischen Parteien ausnahmsweise einmal ziemlich einig: Sie wollen ein riesiges Subventionspaket verabschieden – gerade auch aus Angst vor China.
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Die Vereinigten Staaten wollen 52 Milliarden Dollar Subventionen für die Stärkung der Halbleiterproduktion im Land locker machen. Das Repräsentantenhaus hat dieser Förderung schon zugestimmt, allerdings als Teil eines größeren Gesetzespakets, das ein paar schwer zu schluckende Kröten für die Republikaner enthält. Das verzögert die Zustimmung zu dem Hilfsprogramm für die amerikanische Mikrochip-Industrie im Senat. Doch die einhellige Prognose lautet, dass das Programm kommt in nicht allzu ferner Zukunft – denn es hat starken Rückhalt in beiden Parteien.

Beachtlich dabei ist: Ein größeres Subventions-Programm für einen einzelnen Industriesektor haben die Vereinigten Staaten noch nie auf den Weg gebracht. Doch die alte Vorstellung, dass die Regierung besser nicht die Gewinner einer Branche kürt, sondern die Auswahl dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb überlässt, hat kaum noch Anhänger in der Politik, zumindest nicht, wenn es um Technologie geht, die als sicherheitsrelevant gilt. Das sind Mikrochips zweifelsohne: Autos, Computer und Smartphones wären ohne Halbleiter heute nur nutzlose Hüllen.

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Die deutlich gewachsene Neigung zur Industriepolitik ist China zu verdanken, dessen Praktiken zur Aneignung sensibler Technologie dem politökonomisch gut begründbaren Wunsch der Politiker, generell aktiv zu sein, entgegenkommt. Dazu kommt die noch frische Erfahrung zerrütteter Lieferketten infolge der Corona-Pandemie. Die Autoindustrie beispielsweise musste ihre Produktion drosseln, weil sie nicht rechtzeitig genügend Mikrochips ergattern konnte.

Apple verlässt sich auf asiatische Partner

Von den Subventionen sollen knapp 40 Milliarden Dollar in die Errichtung neuer Produktionsstätten fließen, der Rest in Forschung und Entwicklung. Das sei auch bitter nötig, glaubt Stephen Ezell, Direktor der Technologie-Denkfabrik ITIF. In den Vereinigten Staaten ist es nach seinen Angaben rund 25 bis 40 Prozent teurer, Mikrochips zu produzieren, als in Ostasien. Und 40 bis 70 Prozent dieses Kostenvorsprungs verdankten asiatische Produzenten Subventions- und Steuerprogrammen ihrer Regierungen. Eine Studie der OECD untersuchte Subventionen für die 21 größten Halbleiterkonzerne der Welt und kam zum Ergebnis, dass 86 Prozent aller Zuwendungen in Form von Eigenkapital (der Staat beteiligt sich am Unternehmen) auf chinesische Firmen entfielen, ebenso 98 Prozent der vergünstigen Kredite. Es gibt keine Indizien, dass Chinas Anstrengungen seitdem nachgelassen hätten.

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Preistreibend ist dabei, dass keine Industrie ein höheres jährliches Investitionsniveau erfordert als die Chip-Industrie: Mehr als ein Fünftel der Erlöse fließt in Forschung und Entwicklung, 26 Prozent in klassische Investitionen, hat die Boston Consulting Group in einer Studie für die amerikanische Halbleiter-Lobby ermittelt. Es regiert Moores Gesetz: Alle zwei Jahre verdoppelt sich die Anzahl der Transistoren auf einem Mikrochip und damit die Leistungsfähigkeit, während sich die Kosten halbieren. Und dieses Tempo fordert seinen Tribut: Rund 20 Milliarden Dollar kostet die Errichtung einer Produktionsstätte, rund zehn Milliarden Dollar verschlingt der Betrieb für zehn Jahre, rechnet Ezell vor.

Die asiatische Industriepolitik hat dazu beigetragen, dass Amerikas Anteil an der Gesamtproduktion von Halbleitern von 37 Prozent im Jahr 1990 auf heute 12 Prozent schrumpfte. Amerikanische Konzerne gelten zwar immer noch als führend, wenn es um das Design der anspruchsvollsten Mikrochips geht. Doch Unternehmen wie Apple oder Nvidia verlassen sich inzwischen auf asiatische Partner, um die Fertigung zu übernehmen.

Laut Ezell ist das eine heikle Wette: Denn rund 92 Prozent der technologisch besonders raffinierten Halbleiter werden inzwischen in Taiwan hergestellt, der Rest in Süd-Korea. Die Beratung Boston Consulting hat ermittelt, dass eine Unterbrechung der Lieferbeziehung mit Taiwan die globale Elektroindustrie 500 Milliarden Dollar kosten würde. Das Horrorszenario fußt auf einer echten Sorge. Im Weißen Haus befassen sich die Sicherheitsberater schon länger mit der Frage, wann China den entscheidenden Schritt macht, um sich Taiwan einzuverleiben, in fünf Jahren oder in zehn Jahren? Wenig Zweifel herrscht unter den Experten, dass es dazu kommen wird. Aber Amerikas Sicherheitsberater irren auch gelegentlich. Die chinesische Regierung wertete dementsprechend den vom Repräsentantenhaus verabschiedeten Subventionsplan als eine Ausgeburt der amerikanischen Kalter-Krieg-Mentalität.

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Die amerikanischen Ansiedlungsbemühungen zeitigen gleichwohl schon Erfolge, wie Meldungen des letzten halben Jahres belegen. Der Taiwanesische Industriegigant Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC), wichtigster Auftragsfertiger der Welt für anspruchsvolle Mikrochips, errichtet eine Produktionsstätte in Arizona. Intel hat eine Fabrik in Ohio angekündigt und Samsung will in Texas produzieren. Bundesstaaten und Lokalregierungen haben die Standortwahl mit eigenen Subventionsprogrammen entschieden. Doch alle Großinvestitionen stehen unter einem großen Vorbehalt: das der Kongress die 52 Milliarden Dollar Subventionen endlich freigibt.

Quelle: FAZ.NET
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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