Lahmende Industrie

Brasilien - auf Zucker gebaut

Von Maximilian Weingartner
Aktualisiert am 22.06.2013
 - 13:03
Und so kommt der Zucker dann in den Kaffee.zur Bildergalerie
Brasiliens Boom basierte auf seinen vielen Rohstoffen. Um die Industrie ist es aber schlecht bestellt. Auch deshalb protestiert die neue Mittelschicht.

Eigentlich sollte Brasiliens Wirtschaft in diesem Jahrzehnt in der Gegenwart ankommen. Und die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sollten den Aufschwung zum Selbstläufer machen. Nach Jahren des Booms aber kämpft das „Land der Zukunft“, wie es der Schriftsteller Stefan Zweig schon 1941 genannt hatte, wieder einmal darum, dass dieselbige eine gute wird: Die Menschen auf den Straßen Rio de Janeiros und São Paulos gegen die Korruption, das schlechte Bildungs- und Gesundheitssystem, die Regierung um Präsidentin Dilma Rousseff gegen das schwache Wirtschaftswachstum und die 6,5 Prozent hohe Inflationsrate, die den gerade erst in die Mittelschicht aufgestiegenen Menschen ihren neuen Wohlstand schon wieder vermiest.

„Brasilien muss zurück ans Reißbrett und seine Wirtschaft in Teilen neu ausrichten“, sagte erst kürzlich Paulo Vieira da Cunha, der ehemalige stellvertretende Notenbankchef des Landes. Was er meint: Das Land ist zu abhängig von preisvolatilen Rohstoffen, die Industrie zu schwach. Den Aufstieg verdankt Brasilien vor allem dem Rohstoffboom auf der Welt. Auf die Produktion und Verarbeitung von Rohstoffen entfiel im Jahr 2011 insgesamt 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der Anteil der Rohstoffexporte stieg allein von 118 Milliarden Dollar im Jahr 2010 auf etwa 160 Milliarden Dollar (2011). Der Rohstoffanteil am Export wuchs von 59 Prozent auf 62 Prozent. Der Anteil der Industrie am BIP indes verringerte sich von 24 Prozent im Jahr 2007 auf etwa 13,3 Prozent 2011.

Industrieprodukte kaum wettbewerbsfähig

„Wir sind eindeutig zu abhängig von Rohstoffen“, sagt Thomaz Zanotto, verantwortlich für die Außenhandelsbeziehungen beim Industrieverband FIESP in São Paulo. Auch Wirtschaftsinstitute wie das staatliche IBRE warnten lange vor der Abhängigkeit von Rohstoffen, da deren Preise so schnell sinken könnten, wie sie gestiegen seien. Genau das ist jetzt passiert. „Ein wichtiger Grund für die enttäuschende Entwicklung Brasiliens ist der Rückgang der Rohstoffpreise, vor allem als Folge der schwächeren Nachfrage aus China“, sagt der brasilianische Ökonom Marcos Troyjo, Professor an der New Yorker Columbia University. „Und ein weiterer Rückgang der Rohstoffpreise bleibt der größte Risikofaktor.“ Das besondere Augenmerk gelte darum der Entwicklung in China. Sollte dort der Übergang zu einem stärker auf Infrastruktur-Investitionen gründenden Wachstum nicht wie erwartet gelingen, würde das die Rohstoffpreise weiter unter Druck setzen. Mit negativen Auswirkungen auf Lateinamerika und Brasilien, befürchtet Troyjo.

Eine funktionierende Industrie wäre da als zweites Standbein von großem Nutzen. Die Industrieprodukte sind aber wegen des immer noch starken Real und der hohen Produktionskosten im Land kaum noch wettbewerbsfähig im Ausland. Nachdem Brasiliens Wirtschaftsleistung 2010 noch um 7,5 Prozent zulegen konnte, sank das Plus 2011 auf 2,7 Prozent und 2012 auf magere 0,9 Prozent. Ausgerechnet die Investitionen, die Brasilien für die Erschließung seiner riesigen Potentiale dringend benötigt, sind 2012 stark gefallen (minus 4 Prozent). Die Industrieproduktion sank um 2,7 Prozent.

Der hohe Wechselkurs trägt aber nicht allein Schuld daran, dass die Bedeutung der brasilianischen Industrie geschwunden ist. „Die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der industriellen Unternehmen erklärt sich nur teilweise durch den starken Real“, sagt Marcos Troyjo. Vielmehr leide der Sektor unter strukturellen Problemen wie einer rückständigen Infrastruktur, einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und der hohen Steuerlast. Brasiliens Produktivität wächst mit Raten unter dem Weltdurchschnitt. In der Liste der wettbewerbsfähigsten Länder der Weltbank liegt Brasilien auf Platz 53 von 144.

„Wir verlieren nicht nur relativ, sondern auch absolut. Wir verlieren ständig an Konkurrenzfähigkeit“, sagt Thomaz Zanotto. Die Steuern seien wesentlich höher als in vergleichbaren Ländern. Zudem müssen die Unternehmen laut Weltbank im Jahr für die Steuererklärung 2600 Arbeitsstunden investieren - in Deutschland sind es 215. Dazu kommen die „Custo Brasil“, also Kosten, die beim Geschäftemachen in Brasilien entstehen. Korruption spielt immer noch eine Rolle, und Investitionen in die Sicherheit von Produktionsanlagen und Mitarbeitern sind teuer: „Wo in Amerika 16 private Wachmänner ausreichen, braucht man hier 140“, sagt Industrievertreter Zanotto. Außerdem bremsten strukturelle Probleme im Energiesektor sowie der Infrastruktur das Wachstum der Industrie. „Die ausländischen Unternehmen wissen nicht, wie sie ins Land kommen, die inländischen nicht, wie sie rauskommen“, sagt Zanotto.

„Bildung ist ein wichtiger Schlüssel“

Die meisten der brasilianischen Großunternehmen, die international tätig sind, verarbeiten wie Vale Rohstoffe oder wie Amaggi (Soja) oder Cosan (Zucker, Ethanol) landwirtschaftliche Produkte. Auf der ganzen Welt tätige Industrieunternehmen wie der Flugzeughersteller Embraer oder das Ölunternehmen Petrobras gibt es hingegen nur wenige.

Lange Zeit machte die brasilianische Regierung die Weltwirtschaft für die Schwächephase verantwortlich. Finanzminister Guido Mantega schimpfte über einen „globalen Währungskrieg“, der Brasilien schade. Seit Ende 2011 verabschiedete die Regierung alle paar Wochen ein neues Maßnahmenpaket, um die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen. Steuern wurden gesenkt, öffentliche Kredite ausgeweitet. Höhere Zölle sollen die heimische Industrie gegen den ausländischen Wettbewerb schützen. Nicht nur Industrievertreter wie Thomaz Zanotto bleiben skeptisch. „Wenn keine strukturellen Reformen getätigt werden, wird die Wettbewerbsfähigkeit von Brasilien weiter abnehmen und das Potential verschwendet“, sagt Ökonom Marcos Troyjo. „Bildung ist dafür ein wichtiger Schlüssel.“ Unter anderem dafür demonstrieren die Hunderttausenden auf den Straßen.

Quelle: F.A.Z.
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