Landwirtschaft

EU will Zuckermarkt grundlegend reformieren

22.06.2005
, 20:24
Die seit 40 Jahren subventionierte europäische Zuckerindustrie steht vor einem Einschnitt. Bauern reagieren sauer auf Pläne Brüssels, Preise und Produktionsmengen für Zucker deutlich zu senken.

Die EU-Kommission will die Preise und Produktionsmengen für Zucker in Europa deutlich reduzieren. Damit würde die seit knapp vier Jahrzehnten geltende Zuckermarktordnung erstmals grundlegend geändert. Die Aktie der Südzucker AG gab daraufhin nach.

Die Kommission habe den Vorschlägen von Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel am Mittwoch in Brüssel zugestimmt, sagte ein Sprecher der Behörde. „Wir sehen keine Alternative zu dieser Reform, wenn die Zuckerindustrie langfristig eine gesicherte Zukunft haben soll.“ Die Vorschläge werden demnächst von den EU-Agrarministern beraten. Ziel ist eine Einigung bis November, damit die Reform im Juli kommendes Jahres in Kraft treten kann.

Dreimal so teuer hoch wie am Weltmarkt

Derzeit liegen die EU-Preise für Zucker dreimal so hoch wie am Weltmarkt. Die EU will die Preise für Zucker und Rüben daher von 2006/07 an in zwei Schritten deutlich senken. Für Zucker ist eine Senkung um 39 Prozent auf 385,50 Euro pro Tonne vorgesehen, für den Rohstoff Rüben eine Senkung des Preises um rund 43 Prozent auf 25,05 Euro pro Tonne. Diese Preise sollen bis 2014/15 gelten.

Ziel der Reform der Zuckermarktordnung ist eine Senkung der Produktionsmengen in der EU, die durch höhere Importe ausgeglichen werden soll. Da durch die sinkenden Preise die Zuckerherstellung in einigen Ländern wie Italien, Griechenland, Irland und Portugal unwirtschaftlich wird, sollen die dort ansässigen Produzenten Entschädigungszahlungen erhalten. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 1,54 Milliarden Euro pro Jahr.

Bauernverband: Völlig überzogen

Der Deutsche Bauernverband hat die Vorschläge der EU-Kommission zur Reform des Zuckermarktes als „völlig überzogen“ zurückgewiesen. Alle politisch Verantwortlichen stünden in der Pflicht, die Arbeitsplätze von mehr als 46.000 Rübenbauern, 6500 Arbeitnehmern in der Zuckerindustrie sowie rund 20.000 weiteren Beschäftigten zu sichern, erklärte der Verband am Mittwoch beim Bauerntag in Rostock. Der Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrüben in Deutschland dürfe nicht einer überzogenen Globalisierung geopfert werden.

Darüber hinaus müssen nach Ansicht des Verbands Preissenkungen bei Zuckerrüben vollständig und dauerhaft ausgeglichen werden. Die vorgesehene Senkung der Rübenmindestpreise um mehr als 42 Prozent würden trotz eines geplanten Ausgleichs von theoretisch 60 Prozent zu Existenz gefährdenden Einkommensverlusten bei den Rübenbauern führen. Ein bedrohlicher Rückgang der Zuckerrüben- und Zuckererzeugung wäre die Folge.

Längst eingepreist

Die Kommissions-Vorschläge waren bereits vor einigen Wochen bekannt geworden und hatten daher nur begrenzte Auswirkungen auf die Aktien der börsennotierten Zuckerproduzenten. Der Aktienkurs von Europas größtem Hersteller, Südzucker, fiel um rund ein Prozent auf 16,51 Euro, während der Nebenwerteindex MDax leicht zulegte. „Ein großer Teil der Vorschläge ist erwartet worden, daher ist die Nachricht heute keine große Überraschung", sagte die Analystin der Landesbank Rheinland-Pfalz Silke Stegemann. „Südzucker steht im Vergleich zu anderen Produzenten, die in schwierigeren Anbauregionen tätig sind, ganz gut da", sagte die Analystin.

Südzucker begrüßte zuletzt die Reform des Preissystems grundsätzlich. Die angekündigten Preissenkungen seien jedoch „weit überzogen und sollten auf ein vernünftiges Maß begrenzt werden", hatte Südzucker-Chef Theo Spettmann kritisiert. Wegen der bereits seit längerem absehbaren Senkung der Garantiepreise fährt Südzucker eine Doppelstrategie. Für Biokraftstoffe und Zucker sollen beispielsweise in Brasilien durch die Nutzung von Zuckerrohr neue Rohstoffmärkte erschlossen werden. Mit den im sogenannten Spezialitätengeschäft gebündelten Produkten Tiefkühlpizza, Stärke und Fruchtstücke soll Wachstum erzeugt werden.

Quelle: Reuters, dpa
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