Anstieg der Inflation

Lebensmittel werden wohl noch teurer

Von Julia Löhr und Svea Junge
18.01.2022
, 10:12
Biologisch und regional erzeugte Produkte kosten zwar mehr, liegen aber im Trend.
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Ökonomen sehen kein schnelles Ende des jüngsten Preisanstiegs. Politische Vorgaben und auf Bio bedachte Kunden treiben die Preise. Immerhin: Die Zuwachsraten werden künftig wohl nicht mehr ganz so hoch ausfallen.
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Nicht nur Energie, sondern auch Milch, Gemüse und Fleisch sind in den letzten Monaten deutlich teurer geworden. Im Dezember stiegen die Preise für Lebensmittel im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund 6 Prozent, geht aus den Daten des Statistischen Bundesamtes hervor. Damit zogen sie sogar noch etwas stärker an als das Preisniveau insgesamt, das um 5,3 Prozent stieg.

Auch in Zukunft müssen sich die Verbraucher darauf einstellen, dass der Einkauf im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt teurer wird. Dies geht zumindest aus einer Analyse der DZ Bank hervor, die der F.A.Z. vorab vorlag. Es sei „kein schnelles Ende der Preiserhöhungen für Lebensmittel zu erwarten“, schreibt DZ-Bank-Ökonom Claus Niegsch.

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Die Zuwachsraten sollen allerdings nicht mehr ganz so hoch ausfallen. Für dieses Jahr erwartet die Bank in der Produktkategorie Lebensmittel, Alkohol und Tabak einen Preisanstieg von rund 3 Prozent. Das würde in etwa der allgemeinen Inflation entsprechen, die für dieses Jahr erwartet wird. Wichtig ist dabei, dass die Ökonomen der DZ Bank ihre Prognose nach der Berechnungsweise des harmonisierten Verbraucherpreisindex erstellen, der auf einem etwas anderen Warenkorb beruht als der nationale Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes. Der Unterschied liegt jedoch in der Regel bei wenigen Zehntelprozentpunkten. Für 2023 erwartet die DZ Bank einen Anstieg der Lebensmittelpreise um 2,5 Prozent.

Lebensmittelpreise 3,4 Prozent über EU-Durchschnitt

Das Thema ist politisch aufgeladen. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat in den vergangenen Wochen mehrfach die „Ramschpreise“ für Lebensmittel beklagt. Dass die Bauern nur einen kleinen Teil dessen erhalten, was die Verbraucher im Handel für Lebensmittel bezahlen, bezeichnete er als „Sauerei“. An diesem Dienstag werden Özdemir und Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) auf einem Agrarkongress in Berlin über einen Umbau der Branche hin zu mehr Nachhaltigkeit und Tierwohl sprechen. Doch während sich in der Vergangenheit das CDU-geführte Landwirtschafts- und das SPD-geführte Umweltministerium gerne einmal gegenseitig blockierten, sind sich nun beide Häuser über das Ziel einig.

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Noch nicht geklärt ist hingegen die Frage, wer für den Wandel zahlen soll. Als wahrscheinlich gilt, dass tierische Produkte etwa über eine Tierwohlabgabe gezielt verteuert werden. Diese hatte eine Expertenkommission schon der Vorgängerregierung vorgeschlagen. Das wiederum ruft Sozialverbände und die Linkspartei auf den Plan. Sie fordern eine finanzielle Unterstützung für einkommensschwache Menschen.

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Agrarminister Özdemir sieht das ähnlich. Mit den anderen Ministerien will er über sozialpolitische Maßnahmen sprechen. Die Ampelkoalition plant unter anderem eine Anhebung des Mindestlohns. Auch über die Regelsätze von Hartz IV – das künftig „Bürgergeld“ heißen soll – dürfte gesprochen werden.

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Wer es sich leisten kann, greift offenbar jetzt schon häufiger zu hochwertigeren Produkten. Ein Teil der aktuellen Preissteigerungen lasse sich aus dem geänderten Einkaufsverhalten der Konsumenten ableiten, sagt DZ-Bank-Ökonom Niegsch. Während der Pandemie habe sich der Trend zu regional und ökologisch erzeugten und dementsprechend teureren Produkten verstärkt. Im Vergleich zu anderen EU-Ländern lagen die Preise für Lebensmittel in Deutschland zuletzt 3,4 Prozent über dem Durchschnitt.

Die aktuelle Verteuerung bei Lebensmitteln ist laut Niegsch zudem auf einen deutlichen Anstieg der Erzeugerpreise zurückzuführen. Im November konnten Landwirte 20,8 Prozent mehr für ihre Produkte verlangen als noch vor einem Jahr. Allerdings heißt das nicht, dass ihre Einkommen gleichermaßen stiegen. Denn die Landwirte mussten gleichzeitig mehr für ihre Betriebsmittel ausgeben, zuletzt insgesamt 13 Prozent zusätzlich. Treibstoff war im Oktober fast 50 Prozent teurer als vor einem Jahr, Düngemittel kosteten 27 Prozent und Futtermittel 23 Prozent mehr.

Und das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein: „Die Kosten für die Landwirtschaft werden nicht zuletzt wegen der steigenden CO2-Preise und wegen einer Steigerung des Tierwohls weiter anziehen“, erwartet Niegsch. Die Agrarbetriebe stünden unter einem hohen Kostendruck, weshalb sie bemüht seien, die gestiegenen Kosten auch in Zukunft an ihre Abnehmer weiterzureichen.

Abgesehen vom jüngsten Anstieg legten die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise in den vergangenen Jahren wesentlich geringer zu als die Verbraucherpreise für Lebensmittel, die stets leicht über der allgemeinen Inflation lagen. Der DZ-Bank-Ökonom rechnet vor: Landwirte konnten zuletzt gut 30 Prozent mehr für ihre Produkte verlangen als vor 30 Jahren. Die Verbraucherpreise für Lebensmittel stiegen in dieser Zeitspanne aber um mehr als 65 Prozent. „Allenfalls ein Teil dieser Differenz kann mit Produktivitätsfortschritten in der Agrarwirtschaft erklärt werden“, sagt Niegsch. Er sieht daher einen „beträchtlichen Nachholbedarf“ bei den landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen.

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Die Zahl Höfe in Deutschland hat sich von rund 630.000 im Jahr 1990 auf etwa 263 500 im Jahr 2020 verringert. In einer früheren Analyse hatte die DZ Bank bis 2040 einen Rückgang auf 100. 000 Höfe prognostiziert. In der Schweinehaltung ist eine Verringerung allerdings auch politisch erwünscht. Weil wichtige Abnehmerländer wie China die Herstellung im eigenen Land forcieren, gibt es in Europa Überkapazitäten, die zu niedrigen Preisen führen. Die Niederlande hatten deshalb schon eine Stilllegungsprämie für Schweineställe ausgelobt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
Autorenporträt / Junge, Svea
Svea Junge
Redakteurin in der Wirtschaft.
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