Leitartikel Wirtschaft

Von Greenspan zu Bernanke

25.10.2005
, 17:45
Der Ökonom Benjamin Bernanke soll künftig die mächtigste Notenbank der Welt führen. Das ist der Wunsch des amerikanischen Präsidenten George Bush. Er wird wohl in Erfüllung gehen, denn an der Bestätigung Bernankes als Chairman der ...

Der Ökonom Benjamin Bernanke soll künftig die mächtigste Notenbank der Welt führen. Das ist der Wunsch des amerikanischen Präsidenten George Bush. Er wird wohl in Erfüllung gehen, denn an der Bestätigung Bernankes als Chairman der Federal Reserve durch den Senat in Washington bestehen kaum Zweifel. Die fachliche Eignung des langjährigen Professors aus Princeton ist unbestritten, seine wissenschaftlichen Arbeiten in der Geldtheorie und -politik gelten als wegweisend. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft wird Bush diesmal, im Gegensatz zur Nominierung seiner juristischen Ratgeberin Harriet Miers als Richterin am Obersten Gerichtshof, nicht gemacht werden können. Bernanke führt zwar seit Sommer dieses Jahres den Stab der Wirtschaftsberater im Weißen Haus und macht aus seiner konservativen Überzeugung keinen Hehl. Es kann aber keine Rede davon sein, Bush habe in Bernanke einen Nachfolger für den scheidenden Alan Greenspan ausgewählt, der sich bereitwillig vor den wirtschaftspolitischen Karren des Präsidenten spannen lasse. Bernankes Ruf ist untadelig, und die Unabhängigkeit der Geldpolitik von Parlament und Regierung ist ihm ein hohes Gut. Der Ökonom weiß, daß die Notenbank ihren gesetzlichen Auftrag, die Preisstabilität zu sichern, auf Dauer nur erfüllen kann, wenn sie sich nicht für politische Zwecke mißbrauchen läßt.

Für die Geldpolitik in den Vereinigten Staaten bricht mit dem Wechsel an der Spitze des Direktoriums der Federal Reserve nun bald eine neue Ära an. Greenspan ist in den mehr als 18 Jahren als Chairman in der Tat, wie Bush es formulierte, zu einer Legende geworden. Die Akteure an den Finanzmärkten legen rund um die Welt jedes Wort Greenspans auf die Goldwaage in der Hoffnung, daraus gewinnbringende Schlüsse auf Veränderungen der Leitzinsen zu ziehen. Vor allem aber nehmen sie und die breitere Öffentlichkeit das Versprechen des Währungshüters ernst, die Inflation im Zaum zu halten. Das große Vertrauen, das der Dollar im In- und Ausland genießt und ihn zur Leitwährung macht, gründet sich vor allem auf seine Stabilität als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel.

Es ist Greenspans Verdienst, die unter seinem Vorgänger Paul Volcker in den achtziger Jahren begonnene Anti-inflationspolitik erfolgreich fortgesetzt zu haben. Das war nicht immer leicht und bedeutet auch nicht, daß ihm keine Fehler unterlaufen wären. So hat Greenspan das kraftvolle Wachstum in den neunziger Jahren lange mit einer überaus lockeren Geldpolitik begleitet in der Annahme, der Produktivitätsschub der "New Economy" dämpfe die Inflationsgefahr dauerhaft. Das billige Geld der Fed trieb zwar nicht die Verbraucherpreise, dafür aber die Aktienkurse in die Höhe. An der Entstehung der Kursblase, die im Frühjahr 2002 schließlich platzte, ist Greenspans Fed nicht unbeteiligt. Und auch in diesen Tagen muß sich der Währungshüter den Vorwurf gefallen lassen, das Ende der expansiven Geldpolitik nicht früher eingeläutet und dadurch den aktuellen Inflationsschub verhindert zu haben.

Unter dem Strich aber ist Greenspans Ruf als Kämpfer gegen die Inflation ausgezeichnet. Zudem ist sein Talent als Krisenmanager unbestritten: Durch kluges und umsichtiges Handeln hat er manche Gefahr für das amerikanische Finanzsystem und die Weltwirtschaft abgewendet, sei es während des Börsenkrachs im Herbst 1987, der Finanzkrisen in Asien, Lateinamerika und Osteuropa in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre oder nach den Terroranschlägen in New York und Washington im September 2001. In Bernankes Worten klang darum auch Hochachtung vor Greenspans Leistungen, als er versprach, dessen Arbeit fortzuführen. Zugleich trägt die Aussicht auf Kontinuität zur Beruhigung der mitunter aufgeregten Akteure an den Finanzmärkten bei.

Mit einer scharfen Kursänderung in der amerikanischen Geldpolitik ist nach dem Wechsel von Greenspan zu Bernanke Anfang Februar kaum zu rechnen. Gleichwohl wird sich die Geldpolitik in Zukunft weiterentwickeln, so, wie sie sich auch in den zurückliegenden fast zwei Jahrzehnten verändert hat: Die frühere Geheimniskrämerei ist einem wachsenden Bemühen der Währungshüter um Berechenbarkeit und Transparenz ihrer Entscheidungen gewichen. Es läßt sich festmachen an der Bekanntgabe und Erläuterung der Zinsbeschlüsse des geldpolitischen Rates, der zügigen Veröffentlichung der Protokolle der Ratssitzungen und einer Vielzahl von Analysen, Reden und Aufsätzen, in denen die Notenbanker ihre Sicht der Dinge darlegen. Hinter alldem verbirgt sich die Einsicht, daß nur eine durchschaubare Geldpolitik glaubwürdig ist und die Inflationserwartungen auf niedrigem Niveau zu verankern vermag.

Auf diesem Weg ist das Ende freilich noch längst nicht erreicht. Es wird die Aufgabe Bernankes sein, weitere Schritte zu unternehmen. Zu wünschen ist, daß der Ökonom im verständlichen Bemühen um Kontinuität eine stärkere Regelbindung der Zinspolitik nicht aus den Augen verliert. In seinen theoretischen Arbeiten hat Bernanke selbst die Grundlagen für ein geldpolitisches Konzept in Gestalt eines direkten Inflationsziels geschaffen. Eine solche Strategie, im Rahmen deren die Zentralbank zunächst eine höchstens zulässige Inflationsrate vorgibt und diese dann mit den Mitteln der Zinspolitik ansteuert, verringerte die Unwägbarkeiten, die mit der flexiblen "Risikosteuerung" Greenspans bisweilen verbunden sind.

Der amerikanische Präsident hat eine der wichtigsten Personalentscheidungen seiner Amtszeit getroffen. Es ist eine gute Entscheidung. Bernanke besitzt das theoretische Rüstzeug und die praktische Erfahrung, die notwendig sind, um Möglichkeiten und Grenzen der Geldpolitik zu erkennen und die Preisstabilität dauerhaft zu sichern.

Quelle: F.A.Z., 26.10.2005, Nr. 249 / Seite 13
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