Früherer Weltbank-Chefökonom

„Georgiewa entzog mir alle Verwaltungsbefugnisse“

Von Winand von Petersdorff, Washington
18.09.2021
, 10:19
Ökonom Paul Romer ist Professor an der New York University.
Nobelpreisträger Paul Romer spricht im F.A.Z.-Interview über die Manipulationen der Weltbank, die Integrität von Kristalina Georgiewa – und seine gescheiterten Bemühungen als Chefökonom der Institution.

Professor Romer, die Enthüllung, dass die Weltbank-Führung Daten des „Doing Business“-Berichts manipuliert hat, kam für Sie nicht überraschend. Helfen Sie uns, uns zu erinnern, warum?

Als ich 2016 zur Weltbank kam, stellte ich fest, dass die im „Doing Business“-Bericht veröffentlichten Länderrankings leicht manipuliert werden konnten. Ich verbot Änderungen an den Formeln zur Berechnung der Ranglisten für den Bericht 2017, so dass zum ersten Mal seit Jahren wenigstens die Jahresvergleiche des Berichts aussagekräftig waren.

Was geschah dann?

Anschließend entzog mir Kristalina Georgiewa (damals Weltbank-CEO) alle Verwaltungsbefugnisse, die ich als Senior Vice President hatte. Das bedeutete, dass ich die Manipulationen, die im aktuellen Prüfbericht für die Rankings des Reports von 2018 dokumentiert wurden, nicht stoppen konnte. Im Januar 2018 gab ich dann dem Wall Street Journal ein Interview, in dem ich meine Bedenken bezüglich des Berichts darlegte. Nachdem ich gegangen war, leitete Simeon Djankov, der die im Prüfbericht dokumentierte Manipulation durchführte, auch eine „angebliche“ externe Prüfung meiner Vorwürfe. Sie besagte, dass die Existenz der Art von Manipulation, die Simeon selbst durchführte, bestritten wurde.

Als Sie Bedenken über die Methodik des „Doing Business“-Berichts äußerten, der die Einstufung Chiles nach unten drückte, gab es da jemanden bei der Weltbank, der Ihre Bedenken teilte?

Ich hatte den früheren Leiter der Abteilung, die den DB-Bericht erstellt hatte, abgesetzt. Ich ersetzte ihn durch eine integre Untergebene, die ebenfalls besorgt war. Leider konnte ich sie, nachdem ich aus der Führungsebene entfernt worden war, nicht mehr vor dem Druck schützen, der in diesem Bericht dokumentiert ist. Die Leute, denen ich unterstellt war, Jim Yong Kim und Kristalina Georgiewa, sagten die richtigen Dinge, wenn ich die Probleme beschrieb, aber Frau Georgiewa reagierte darauf, indem sie mir meine Autorität entzog und mich aus dem Informationsfluss und dem Entscheidungsprozess ausschloss.

Zeigte Kristalina Georgiewa mangelnde Integrität?

Alle Manipulation von Djankow, die in dieser Prüfung dokumentiert sind, wurden im Namen von Frau Georgiewa unternommen. Seine Handlungen und Äußerungen spiegeln direkt den Charakter und den Führungsstil von Frau Georgiewa wider. Seine Handlungen und Äußerungen sowie die Handlungen und Äußerungen, die direkt Frau Georgiewa zuzuschreiben sind, liefern konkrete Beweise für Unehrlichkeit und Einschüchterung von Untergebenen.

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Was tat die Führung, um den Fall mit Chile zu lösen?

Wie schon erwähnt, führte Simeon Djankow ein „Audit“ durch, das die Vorgänge beschönigte. Ohne die von mir festgestellten Tatsachen zu leugnen, wurden die damit verbundenen Bedenken einfach abgetan.

Hat dieser vermeintliche Mangel an Anstand von Georgiewa und Jim Yong Kim Sie dazu gebracht, die Weltbank nach nur 13 Monaten zu verlassen? Was waren die wahren Gründe?

Ich fühlte mich der Weltbank als Institution verpflichtet, aber ich habe den Ausstieg eingefädelt, weil ich nicht weiter für Vorgesetzte arbeiten konnte, denen es an Integrität mangelte.

Sie vermuteten in der Öffentlichkeit, dass politische Motive der Grund für die Herabstufung Chiles gewesen sein könnten? Später haben Sie diese „Aussage“ zurückgezogen. Was glauben Sie heute? Was sind die Beweggründe für die Manipulation?

Um das klarzustellen: Ich habe meine Erklärung zu den Problemen nicht zurückgezogen. Ich habe versucht, genau zu klären, was ich wusste. Es war klar, dass die Länderrankings leicht manipuliert werden können. Es war auch klar, dass die Verschlechterung der Rangliste für Chile hauptsächlich das Ergebnis von Änderungen der zur Ermittlung der Rangliste verwendeten Kriterien war und nicht etwa eine Verschlechterung der Leistung Chiles, weder im absoluten noch im relativen Sinne. In einigen Berichten wurde der Eindruck erweckt, ich hätte „direkte Beweise“ für eine absichtliche Manipulation. Ich habe versucht klarzustellen, dass ich diese Art von direktem Beweis nicht habe.

Hatten Sie mit Simeon Djankow direkt zu tun, als Sie Bedenken gegen den DB-Bericht äußerten? Was war seine Rolle?

Ich habe eng mit Herrn Djankow zusammengearbeitet und mich weniger oft mit Frau Georgiewa getroffen. Meine Behauptung, dass Herr Djankow direkt im Auftrag von Frau Georgiewa gearbeitet hat, basiert auf all diesen Interaktionen.

Sind andere Berichte der Weltbank zuverlässig?

Die offiziellen Statistiken und Veröffentlichungen der Weltbank weisen viele grundlegende Schwächen auf. Forschung und Messungen sind immer mit Mängeln behaftet, aber was die Kultur der Weltbank so beunruhigend macht, ist das Fehlen der in der Wissenschaft üblichen Mechanismen, die Schwächen beheben und Fortschritte in Richtung einer klareren und genaueren Beschreibung der Wahrheit ermöglichen. Offensichtliche Unehrlichkeit wird toleriert. Die Art der Einschüchterung, die die Prüfung dokumentiert, kann von Menschen mit Macht genutzt werden, um jede unerwünschte Klärung der Fakten zu unterdrücken.

Wäre der „Doing Business“-Report erhaltenswert gewesen?

Nein. Solange die tiefgreifenden Probleme mit der Managementstruktur der Bank nicht gelöst sind – solange Unehrlichkeit und Einschüchterung erfolgreiche Strategien sind, um in der Managementhierarchie aufzusteigen – kann man keinem solchen Bericht der Weltbank trauen.

Enthält der Bericht zu viel neoliberale Ideologie? Was würden Sie ändern?

Der Doing-Business-Bericht enthielt eine ideologische Färbung. Aber das hätte man korrigieren können. Das tiefere Problem ist ein institutioneller Kontext, der Unehrlichkeit und Einschüchterung belohnt. Die Handlungen von Herrn Djankow waren nicht die eines Außenseiters, der von der Kultur der Weltbank abwich. Er war ein Insider, der diese Kultur verkörpert hat.

Paul Romer

Der 65 Jahre alte Paul Romer zählt zu den führenden Wirtschaftswachstums-Erforschern der Welt. Er studierte zunächst Physik und Mathematik, danach Volkswirtschaftslehre, hatte Professuren inne unter anderem in Rochester, Chicago und Stanford und forscht und lehrt inzwischen an der New York University. Im Jahr 2016 wurde er Chefvolkswirt der Weltbank, legte sein Amt aber schon früh nieder nach Kritik an der Institution. Im Jahr 2018 wurde er mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet für seine Beiträge zur Wachstumstheorie. Das nach ihm benannte „Romer-Modell“ ist in allen Standard-Lehrbüchern enthalten.

Quelle: FAZ.NET
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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