<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Mayers Weltwirtschaft

Zu viel Klimaschutz schadet

 - 17:29
Thomas Mayer

Die Absage der für den 2. Dezember in Chile geplanten Klimakonferenz hat Greta Thunberg einen Strich durch die Reiseplanung gemacht. Das ist schade, denn in Santiago de Chile hätte sie erfahren können, welche ökonomischen, sozialen und politischen Verwerfungen die Durchsetzung eines rigorosen Klimaschutzes mit „Postwachstumspolitik“ heraufbeschwören kann.

Lateinamerika wird seit einiger Zeit von schweren politischen Stürmen heimgesucht. Im bankrotten Venezuela verschanzt sich Präsident Nicolás Maduro hinter dem Militär, um an der Macht zu bleiben. In Brasilien übernahm der umstrittene Jair Bolsonaro die Regierung, in dem Pleiteland Argentinien musste der gescheiterte Reformer Mauricio Macri den Stab an die Populisten Alberto Fernández und die der Korruption angeklagte Cristina Fernández de Kirchner abgeben. Und in Bolivien ist der linkspopulistische Präsident Evo Morales ins Exil nach Mexiko geflohen und betreibt von dort aus seine Rückkehr an die Macht. Auch das als relativ stabil geltende und wohlhabendere Chile ist von gewaltsamen Protesten nicht verschont geblieben, so dass die Regierung die Sicherheit der Klimakonferenz nicht mehr garantieren konnte.

Kein Aufstand gegen den Neo-Liberalismus

Der äußere Anlass der Protestwelle in beinahe ganz Lateinamerika ist die Unzufriedenheit weiter Bevölkerungskreise mit ihrer wirtschaftlichen Lage. In Chile war eine Erhöhung der U-Bahn-Preise und in Ecuador der Subventionsabbau für Benzinpreise Anlass für gewaltsame Proteste. Die Brasilianer, Argentinier und Bolivier haben ihre Unzufriedenheit mit den Leistungen ihrer Regierungen an den Wahlurnen ausgedrückt. Laut Umfragen meinen 75 Prozent aller Lateinamerikaner, dass die Regierungen nicht mehr ihre Interessen verfolgen würden.

Eine beliebte Erklärung für die Unzufriedenheit ist, dass der Versuch, das „neoliberale Wirtschaftsmodell“ in Lateinamerika einzuführen, gescheitert sei. Dafür scheinen die Abwahl von Macri in Argentinien und die Unruhen in Chile, das auf dem Kontinent lange als Speerspitze des „Neoliberalismus“ galt, zu sprechen. Doch wird diese Erklärung durch die Fakten nicht gestützt. In Chile stiegen die U-Bahn-Preise trotz niedrigerer Ölpreise wegen der Umstellung auf erneuerbare Energie. In Venezuela, Bolivien und Ecuador stehen linke oder linkspopulistische Regierungen unter Druck. Und in Brasilien wurde ein rechtspopulistischer Politiker zum Präsidenten gewählt. Ein „Aufstand gegen den Neoliberalismus“ sieht anders aus.

Der wahre Grund: Sinkende Rohstoffpreise

Der wirkliche Grund ist ein seit dem Jahr 2011 andauernder Rückgang der globalen Rohstoffpreise um im Schnitt 36 Prozent. Da in den meisten Volkswirtschaften Lateinamerikas die Rohstoffproduktion dominiert, sank dadurch das Wirtschaftswachstum, das im vergangenen Rohstoffpreisboom von 1999 bis 2008 3,6 Prozent betragen hatte, auf nur noch 1,2 Prozent. Die Abhängigkeit von der Rohstoffproduktion bringt eine hohe Ungleichheit in der Einkommensverteilung mit sich. Denn mit der Rohstoffförderung sind in der Regel nur wenige Unternehmen in einem Land befasst, so dass bei diesen hohe Monopolgewinne entstehen können, von denen die Eigner und Manager profitieren. So ist es nicht verwunderlich, dass der Gini-Koeffizient, der mit zunehmender Ungleichheit ansteigt, in Deutschland bei 32, in den Vereinigten Staaten bei 42, in Chile bei 47 und in Brasilien sogar bei 53 liegt. Darüber hinaus macht es ein starker Rohstoffsektor anderen Firmen schwer, sich zu entwickeln. Denn die Rohstoffunternehmen entziehen aufgrund ihrer höheren Zahlungsfähigkeit anderen Unternehmen für ihr Wachstum notwendige Arbeitskräfte und Kapital. Aufgrund ihrer tiefen Taschen können sie sich auch die Politik gefügig machen.

Solange der Rohstoffsektor floriert, hält sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung in Grenzen, denn das dort verdiente Geld findet seinen Weg auch zu Kreisen, die diesem Sektor ferner liegen. Gehen die Rohstoffpreise jedoch in den Sinkflug über, gibt es weniger Geld zu verteilen und die Unzufriedenheit steigt. Das macht insbesondere politisch linken Regierungen zu schaffen, die sich über eine Politik der Umverteilung legitimieren. Die Flaute auf den Rohstoffmärkten in den vergangenen Jahren spiegelte im Wesentlichen das schwächere Wirtschaftswachstum in den Industrieländern und China wider. Ein rigoroser Klimaschutz durch Postwachstumspolitik könnte die Nachfrage nach Rohstoffen in Zukunft nicht nur weiter abschwächen, sondern sogar abstürzen lassen. Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen wären nicht nur in den Rohstoffländern Lateinamerikas verheerend. Klimaschutz kann daher nur gelingen, wenn er behutsam und mit Wachstumspolitik verbunden ist.

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenArgentinienBolivienBrasilienChileCristina Fernández de KirchnerEcuadorEvo MoralesGreta Thunberg

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.