Quartett der Futuristen

Viel Lärm um die Zukunft

EIN KOMMENTAR Von Kai Spanke
13.09.2019
, 17:50
Es sollte um Perspektiven und Visionen für die Welt von morgen gehen. Ging es wahrscheinlich auch. Nur konnte keiner der zahlreichen Zuhörer ganze Sätze verstehen.

Viele der Besucher wissen auch nach der Veranstaltung nicht, was die Zukunft bringt. Dabei ging es gerade eine Stunde lang vermutlich um nichts anderes als Perspektiven und Visionen für die Welt von morgen. Vermutlich deswegen, weil sich das so genau nicht sagen lässt. Aber eins nach dem anderem: Zu Beginn ist der Raum brechend voll, alle Stühle sind bald besetzt, die nach und nach eintrudelnden Trödler müssen stehen. Vorne sitzen Scott Smith und Madeline Ashby. Beide sind, so steht es im Begleittext, Futuristen.

Ihre Session trägt den etwas kryptischen Titel „Underfutures“ und soll dem Publikum eine Vorstellung davon geben, wie die Zukunft aussehen könnte. Mit dem Historiker Reinhart Koselleck gesprochen: Aus unserem kollektiven Erfahrungsraum wollen die Moderatoren einen Erwartungshorizont erarbeiten.

An ihrer Seite begrüßen sie Bryony Cole, die sich mit neuen Technologien für optimierten Beischlaf beschäftigt, Ari Popper, der Unternehmen auf die Zukunft vorbereitet, und Carson Bruns, der irgendwas mit Wissenschaft und Kunst macht. Das ist natürlich ein Line-up, dem man nicht leichtfertig den Rücken kehrt. Süffisant werden und abwinken? Wäre viel zu billig und kommt nicht in Frage.

Lieber wollen wir noch Wissenswertes über die angekündigten „big ideas“ hören. Womit wir beim Casus knacksus wären, denn mit dem Hören ist es auf der Me Convention nicht ganz so einfach. Das hat allerdings nichts mit intellektuellen Mangelerscheinungen zu tun, sondern mit der absolut nicht zukunftsfähigen Akustik. Die sogenannten „interactive sessions“ finden hier nämlich nicht, wie es besser wäre, in geschlossenen Räumen statt, sondern in Séparées, die durch Trennwände vom Rest des Trubels abgeschirmt werden.

So sind die anderen Besucher der Messe zwar nicht zu sehen – aber zu hören. Und was da an Geräuschen rüberweht zum Zukunftstalk, klingt nach durch und durch schnöder Gegenwart: lahmer Applaus und sanftes Gequieke, klirrende Flaschen und lautes Lachen, dumpfes Gebrumme und nervige Klingeltöne. Von Smith, Ashby, Cole, Popper und Bruns sind nur noch Silbenfetzen, bestenfalls einzelne Begriffe zu vernehmen, die zusammengemixt eine interessante Stichwort-Karaoke ergeben. „Portfolio“, sagt einer von ihnen, „technology“ ein anderer. Von „narratives“ und „tattoos“ ist die Rede. Und von „sex“. Immer wieder. Der Sinn dahinter? Längst egal.

Nach 20 Minuten hat sich ein Drittel des Publikums verabschiedet, nach einer Dreiviertelstunde lungert nur noch der harte Zukunftskern vor der Bühne herum, um die großspurig annoncierte Überraschung nicht zu verpassen. Ein Mann in Polo-Shirt und Cargo-Hose starrt eine kleine Ewigkeit auf das Hintergrundbild seines Smartphones (hechelnder Dackel) und verlässt recht plötzlich den Raum. War das ein Wutschnauben, das seiner Nase entwichen ist? Jedenfalls hatte es eindeutig mehr Dezibel als alles, was das Futuristenquartett an den Mikrofonen wegdiskutiert. Klingt übertrieben, ist aber die Wahrheit.

„Make sure to register for this session to be part of it“, heißt es im Begleittext. „Part of it“ bedeutet in diesem Fall: nur dabei statt mittendrin.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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