Einfluss auf Musik-Charts

Wie viel soll ein Stream wert sein?

Von Benjamin Fischer
09.09.2019
, 10:15
 Streaming-König Capital Bra
Der Umsatz mit Streaming-Angeboten wächst stetig. Das freut die Musikindustrie, wirft aber Fragen über die Berechnung der Charts auf.

Lange Zeit haben die Deutschen der CD wacker die Treue gehalten, doch 2018 war es auch hierzulande so weit: Erstmals wurde mit Streaming mehr Umsatz erzielt als mit physischen Tonträgern – das Ende einer Ära. Schon für 2021 prognostiziert die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) dem Streaming einen Marktanteil von stolzen 77 Prozent. Den Tonträgern sollen noch 20 Prozent bleiben, kümmerliche 3 Prozent auf Downloads abfallen.

Die Wende hat sich angebahnt: In den Offiziellen Deutschen Charts, die die GfK für den Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) erhebt, werden bei Singles schon seit 1. Januar 2014 Streams miteinberechnet; 2016 folgten die Album-Charts. Die Berechnung erfolgt nach einem klaren Regelwerk, der 39 Seiten langen „Systembeschreibung der Offiziellen Deutschen Charts“.

Eine Chart-Woche geht von Freitag bis Donnerstag. Auf Platz eins steht am Ende, wer in diesem Zeitraum den meisten Umsatz generiert hat. Das ist eine deutsche Besonderheit, denn in der Regel werden Charts nach der verkauften Menge berechnet. Erfasst werden Verkäufe über die verschiedenen Absatzwege. Die Daten von mehr als 2800 Handelsgeschäften – vom Media Markt bis zum kleinen Vinyl-Laden – fließen ebenso ein wie Käufe bei Amazon, Downloads oder eben Streams.

Chartplazierung trügt schnell

Allerdings werden nur Produkte bis zu einem Preis von 40 Euro berücksichtigt. Das zielt auf die gerade sehr beliebte Methode ab, Alben mit allerlei Beigaben wie T-Shirts, Live-Aufnahmen oder Fotobänden aufzupeppen und als limitierte Version für 50 Euro oder mehr anzubieten. Eine nette Einnahmequelle für Künstler, für die Charts werden die Verkäufe aber nur mit 40 Euro berücksichtigt.

Schließlich soll ja die Musik im Vordergrund stehen, lautet die Begründung der Chartsmacher. Vorbestellungen werden derweil für den ersten Verkaufstag gewertet. So lässt sich meist schon im Voraus sagen, dass etwa ein neues Rammstein-Album auf Platz eins einsteigen wird.

Die bloße Chartplazierung kann allerdings leicht trügen, wie sich am Beispiel von manchen Castingshow-Siegern zeigt. Steht das Debütalbum in der ersten Woche noch recht gut da, rutscht es meist schnell ab, wenn die Aufmerksamkeit durch die Sendung wegbricht und die geneigten Zuschauer ihr Exemplar gekauft oder sich schlicht sattgehört haben.

Ab 30 Sekunden wird gezählt

Ein besserer Maßstab ist da die Verweildauer in den Charts. AnnenMayKantereit haben es etwa mit ihrem simplen, aber sehr erfolgreichen Deutsch-Pop auf 155 Wochen gebracht. Damit stand ihr Album „Alles Nix Konkretes“ genauso lange in der Rangliste wie „The Wall“ von Pink Floyd.

Der Siegeszug des Streamings macht vieles komplizierter. Musikstücke sind deutlich länger verfügbar als früher, und zudem zahlt ein Spotify-Nutzer nicht explizit für einzelne Werke. Um die Repräsentativität der Charts weiter zu wahren, haben sich die Regelmacher an den Methoden aus Großbritannien und Schweden orientiert, wo Streaming schon länger auf dem Vormarsch ist.

Im Absatz 3.3.6 der Systembeschreibung finden sich die Vorgaben. So werden grundsätzlich nur Abrufe von länger als 30 Sekunden für die Charts berücksichtigt. Das ist auch die Grenze, ab der Geld an die Künstler fließt. Zudem hat sich das Gremium aus Vertretern von Verbandsmitgliedern, Major und Indie-Labels sowie Vertriebsunternehmen darauf verständigt, dass nur solche Streams von all jenen Nutzern zählen, die ein kostenpflichtiges Premium-Abo beim jeweiligen Dienst besitzen.

Zwei Formeln für die Wertung

„Die Offiziellen Deutschen Charts sind wertbasiert. Derzeit wird nur das, wofür der Konsument zahlt, in die Chartwertung integriert“, sagt Georg Sobbe, Leiter Marktforschung und Entwicklung beim BVMI. Um die Streams trotzdem in die Charts einzubeziehen, gibt es jeweils eine Formel. Bei Singles wird die Anzahl der Premium-Accounts des Streaming-Dienstes mit dem durchschnittlichen Abo-Preis multipliziert und durch die Gesamtzahl der Streams des Songs geteilt.

Für die Albumcharts ist die Berechnung komplizierter, zumal hier die zwei beliebtesten Songs größtenteils ausgenommen werden, weil sie maßgeblich in die Single-Charts einfließen. Zunächst wird die Summe aller Streams der übrigen maximal zehn Songs mit dem Faktor 12 multipliziert und dann durch 10 geteilt. Was hier herauskommt, wird wiederum mit dem „Wert pro Stream“ multipliziert.

Streaming-König Capital Bra

Das Problem ist nur: Dieser Wert ist ein gutgehütetes Geheimnis, wie so viele Zahlen in der Branche. Auch zu Verkaufszahlen wird eisern geschwiegen. Lediglich Rekorde gibt man gerne raus, und mittlerweile schmücken sich Labels auch mit Streaming-Rekorden, allen voran Universal, das mit Capital Bra den deutschen Streaming-König unter Vertrag hat.

Erst Anfang Mai hat der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Vladislav Balovatsky heißt, mit 1,4 Milliarden Streams einen neuen Rekord aufgestellt. Mit 15 Songs stand er schon auf Platz eins der Single-Charts. Überraschend kommt das nicht, denn Streams sollen bei den Single-Charts mittlerweile etwa 80 Prozent der Umsätze ausmachen und bei Spotify und Co funktioniert Rap prächtig – zumal Capital Bra seine Fans in sozialen Netzwerken fleißig animiert, seine Songs zu streamen. Das sorgt für Diskussionen.

Der sehr intensive Streamingkonsum einer begrenzten Zielgruppe könne nicht als Abbild des Gesamtmarkts interpretiert werden, sagte etwa Ken Otremba, Geschäftsführer des Labels Telamo und langjähriger Sony-Manager, dem Fachmagazin „Musikwoche“. Streaming ist vor allem bei jüngeren Hörern beliebt, und wenn diese einen Song rauf und runter hören, hat dies immer wieder aufs Neue Einfluss auf die Charts.

Wer streamt, der kauft nicht

Erwirbt ein Konsument dagegen eine Single-CD, fließt der Kauf einmal ein – ganz gleich, wie oft die CD nun gehört wird. Auch das Weglassen von werbefinanzierten Streams, also ohne kostenpflichtiges Abo, oder das Ansehen von Youtube-Videos wird in der Branche teilweise kritisch gesehen. Schließlich zeige auch das die Relevanz eines Werks.

Die Veränderung des Konsumverhaltens der Nutzer stellt die Chartsmacher vor neue Herausforderungen. Denn wer streamt, der kauft eben nicht, sondern zahlt einmal im Monat, um die ganze Palette an Songs jederzeit hören zu können. Das wiederum wird über die Formeln quasi zum Kauf umgerechnet. „Wir schauen uns alle Entwicklungen im Konsumverhalten der Nutzer sehr genau an“, sagt Sobbe.

Nicht ausgeschlossen, dass sich eine Möglichkeit ergibt, auch Gratis-Streams zu integrieren. Es gebe da keine Denkverbote, so Sobbe. Man sei mit allen Anbietern im Gespräch. „Erweiterungen um Formate müssen aber mit dem wertbasierten System vereinbar sein.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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