Nachhaltigkeit

Kann Greenwashing schon ein Schritt in die richtige Richtung sein?

Von Sarah Obertreis
13.09.2019
, 07:50
Auf der Me Convention ist die Nachhaltigkeit allgegenwärtig. Doch während manche Redner schon die grüne Inszenierung wichtig finden, stellt ein anderer mit Schrecken fest, dass er aus Versehen auf der größten Automobilausstellung der Welt gelandet ist.

Auf der Me Convention, eine Art Hipster-Oase mitten auf dem Gelände der Internationalen Automobilausstellung (IAA), soll nicht nur das Programm zeigen, wie wichtig Nachhaltigkeit den Autobauern ist. Natürlich gibt es Coffee-to-go-Becher – alles andere wäre ja auch unpraktisch –, aber sie sind in einem umweltfreundlichen Braun designt. Alle Mitarbeiter tragen Latzhosen, einst Symbol der Ökofeministen, es gibt Bio-Limonade und Schaukeln.

Robert Habeck spricht über Elektromobilität, Rennfahrer Lewis Hamilton über seinen veganen Lebensstil und selbstgesteckte Nachhaltigkeitsziele. Die Plastikgabeln liegen immerhin auf kompostierbaren Bambustellern und die Redner sprechen darüber, wie man den Klimawandel bekämpfen kann.

„Ich will nicht akzeptieren, dass alle in einem großen Auto mit metallisch-glänzender Karosserie herumfahren müssen“, sagt Mitchell Joachim. Der New Yorker hat das non-profit Architekturbüro Terreform ONE mitgegründet, das mit seinen Entwürfen die Biodiversität zurück in die Städte bringen will. Ein wichtiges Anliegen, denn immer mehr Arten sterben aus. Oder wie Joachim es formuliert: „Alle sieben Minuten findet ein Holocaust statt.“

„Fragt mich nicht, wie ich hier gelandet bin“

Terreform ONE plant die Städte der Zukunft mit vertikaler Landwirtschaft, Schmetterlingsfarmen an Höchhäusern und Wiesen statt Straßen. Herkömmliche Autos haben in Terreform ONEs Städten keinen Platz. „Ich wusste gar nicht, dass das hier parallel zu einer riesigen Automobilausstellung stattfindet“, sagt Joachim und blickt ratlos ins Publikum.

Mit ihren Latzhosen und Gratis-Klebetattoos hat es die Me Convention geschafft, ein Publikum abseits der typischen IAA-Besucher anzuziehen. Da ist Thomas, der kaum Englisch spricht, und deswegen maximal die Hälfte versteht. Da ist Julian, der in einer Werbeagentur arbeitet und Julian Nummer zwei, der als Fahrradkurier durch Wiesbaden fährt, und zur Begrüßung sagt: „Fragt mich nicht, wie ich hier gelandet bin.“

„Natürlich gibt es hier sehr viel Greenwashing“, sagt Felipe Villela, der für eine nachhaltige Landwirtschaft kämpft. Aber auch das sei ja schon ein Schritt in die richtige Richtung. Villela leitet einen Workshop. Da es auf der Me Convention keine Räume gibt, nur mit Holzplatten abgetrennte Bereiche, muss Villela anschreien gegen das konstante Messebrummen. Eigentlich sollen sich die Teilnehmer ihre Projekte gegenseitig vorstellen, aber sie verstehen einander nicht. „Früher war es glamouröser, da gab es noch richtige Säle“, sagt ein Besucher genervt.

Die Köpfe von Fridays for Future können sich – anders als Villela – nicht mit dem Konzept des Greenwashings anfreunden. Am Mittwochabend, einen Tag vor ihrer geplanten Rede auf der IAA, sagen Carla Reemtsma und Kira Geadah ab. „Wir standen dem Auftritt von Anfang an kritisch gegenüber, da wir die Befürchtung hatten, dass kein tatsächliches Interesse an Austausch und Veränderung besteht, sondern unser Auftritt nur genutzt wird, um die IAA als klimafreundlich und zukunftsbereit darzustellen”, erklärt Geadah. Auf der Me Convention werden inzwischen Feierabend-Gin-Tonics ausgeschenkt – in tatsächlich klimafreundlichen Terrakotta-Bechern.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin in der Wirtschaft.
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