Überfliegerin im Interview

„Erfolg ist für mich, das zu tun, was ich möchte“

Von Ina Lockhart
17.09.2017
, 10:44
Anne-Marie Imafidon
Sie ist Großbritanniens Wunderkind: Anne-Marie Imafidon. Mit 20 hatte sie einen Master in Mathe und Informatik von Oxford, mit 24 war sie Firmengründerin, mit 27 wurde sie von der Queen geehrt. Im FAZ.NET-Gespräch erzählt sie, was sie noch so vorhat.

Frau Imafidon, wie geht es Ihnen so mit Ihrem Leben auf der Überholspur?

Sehr gut. Ich hatte bisher immer viel Spaß. Ich habe tolle Sachen gemacht, vieles ausprobiert und gelernt. Es war immer cool, wenn alles irgendwie geklappt hat. Mittlerweile mit all dem, was ich geschafft habe, bin ich an dem Punkt angekommen, dass mich die Menschen ernst nehmen.

Was bedeutet für Sie Erfolg?

Erfolg ist für mich, das zu tun, was ich möchte, wenn ich morgens aufwache. Diese Freiheit bedeutet für mich Erfolg. Ich möchte einfach das genießen, was ich mache und ich möchte in der Lage sein, meine Ideen zu verwirklichen.

Sie kommen aus Großbritanniens „brainiest family“, wie es immer wieder zu lesen ist. Ist das nicht anstrengend, wenn so viele kluge Köpfe in einer Familie geballt sind?

Wir sind insgesamt fünf Kinder – vier Mädchen, ein Junge. Ich bin die Älteste. Zwischen uns herrscht ein reger Wettbewerb. Was ich mache, wollen alle anderen genauso machen. Natürlich zur gleichen Zeit, obwohl wir unterschiedlich alt sind. Meine Geschwister haben es sogar geschafft, einige meiner Rekorde zu brechen. Meine Eltern lassen das zu, solange wir dabei Spaß haben und die Dinge richtig anpacken.

Macht dieser Wettbewerb denn noch Spaß?

Bislang ja (lacht). Vielleicht ändert sich das, wenn wir alle älter sind.

Woher kommt die geballte Intelligenz in der Familie und Ihr Talent für Mathe und Informatik? Was machen Ihre Eltern?

Mein Vater ist Augenarzt und meine Mutter ist Linguistin. Mein Vater wollte uns eher für die Medizin begeistern. Vielleicht gelingt es ihm noch, meine jüngste Schwester zu überzeugen. Meine Mutter ist eher das komplette Gegenteil von mir. Denn ich lese nicht gerne. Und Texte schreiben mag ich auch nicht.

Nach Praktika bei einigen Banken und einem Graduiertenprogramm der Deutschen Bank haben Sie 2013 Ihr Unternehmen „Stemettes“ gegründet. STEM ist das englische Äquivalent für MINT – also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie. Arbeiten Sie jetzt Vollzeit für Stemettes?

Bis 2015 war ich noch bei der Deutschen Bank. Stemettes habe ich aber schon 2013 gegründet, um mit konkreten Prorammen und Veranstaltungen Mädchen ab dem Alter von 5 Jahren in ihrer Begeisterung für die MINT-Disziplinen zu fördern. Zwei Jahre lang habe ich also beides parallel gemacht – Deutsche Bank und Stemettes. Doch dann wurde Stemettes zu groß für mich, um es nebenher laufen zu lassen. Jetzt arbeite ich Vollzeit für Stemettes und als Beraterin für unterschiedliche Projekte.

Sie haben dieses Jahr für ihre Arbeit mit Stemettes die Auszeichnung „Member of the Order of the British Empire erhalten. Was hat die Queen zu Ihnen gesagt?

Die Auszeichnung hat mir Prince Charles überreicht. Die Queen habe ich persönlich schon vorher getroffen. Doch war ich so aufgeregt, dass ich kein Wort herausgebracht habe. Sie ist die Queen!

Kaum zu glauben, nachdem man Sie hier so eloquent auf der Bühne der „me Convention“ erlebt hat. Angesichts ihrer steilen Wunderkind-Karriere muss ich Sie das fragen: Was kommt als nächstes in Ihrem Leben?

Ich weiß es selber nicht. Zunächst gibt es noch sehr viel zu tun mit Stemettes. Dieses Jahr haben wir einen Film produziert, der zeigt, was Stemettes macht und wie die Mädchen konkret gefördert werden. Es geht nicht darum, Stemettes als Unternehmen zu vermarkten, sondern darum, die jungen weiblichen MINT-Talente zu fördern und das öffentlich zu machen. Bislang sind Frauen da immer noch in der Minderheit. Es geht darum, das gesellschaftliche Verständnis zu verändern, indem wir Vorbilder schaffen. Es soll ganz normal sein, dass wir im öffentlichen Leben sehen, dass Frauen wie Männer als Ingenieure, Informatiker oder Mathematiker brillieren. So wie es ganz normal ist, dass Frauen und Männer abends im Fernsehen die großen Nachrichtensendungen moderieren. Wenn wir heute den Begriff Ingenieur hören, denken wir automatisch an einen Mann. Das muss sich ändern.

Wo sehen Sie sich beruflich, wenn Stemettes und Sie als „Tech Social Entrepreneur“ die Mission abgeschlossen haben?

Die Welt der Technologie ist mein Ding. Ich würde gerne dorthin zurückkehren. Vielleicht wieder in ein Unternehmen als Chief Information Officer oder Chief Technology Officer, der im Vorstand auch strategisch arbeiten kann.

Wann ist für Sie die Mission von Stemettes abgeschlossen?

Für mich liegt der maßgebliche Meilenstein bei zwei Millionen Mädchen, die wir mit unseren Programmen wie Outbox gefördert haben. In den vergangenen vier Jahren waren es schon 15.000 Mädchen. Das hätte ich nie gedacht, als ich Stemettes gegründet habe.

Warum gerade zwei Millionen?

Das ist die kritische Masse, die es braucht, bis wir mit unserer Arbeit bei den Institutionen etwas verändern. Dann wird es genügend lebende weibliche Beispiele geben, die das derzeit vorherrschende Geschlechterverhältnis in den MINT-Disziplinen nachhaltig verändern.

Dann wird es Stemettes also nicht mehr geben?

Mein Ziel ist, dass die Mädchen und Frauen dann genügend Selbstvertrauen haben und ein besonderes Umfeld, wie es Stemettes in den Programmen für sie schafft, nicht mehr brauchen. Sie können dann zu den Veranstaltungen gehen, an denen alle – auch ihre männlichen Kollegen – teilnehmen. Für sie ist dann selbstverständlich, dass es nicht nur Marie Curie gibt, sondern viele andere weibliche Vorbilder.

Für eines der Stemettes-Programme – Outbox – haben Sie Mädchen aus ganz Europa rekrutiert. Würden Sie sagen, dass die MINT-Förderung weiblicher Talente in einigen Ländern besser ist als in anderen?

Statistisch gesehen gibt es da keinen Unterschied. Die Zahlen sind ungefähr gleich. Doch gibt es viele Unterschiede, wenn man sich das Phänomen genauer anschaut. In Frankreich gibt es beispielsweise keine ausgewiesenen Mädchenschulen, in Großbritannien schon. In Deutschland ist das Bildungssystem stark reguliert und professionalisiert, in Großbritannien nicht. Trotz dieser Unterschiede von Land zu Land ist das Ergebnis dasselbe: Mädchen und Frauen sind in den MINT-Disziplinen klar in der Minderheit.

Soll Stemettes auch jenseits von Europa aktiv sein?

Wir sind gerade in Gesprächen, Programme in Chile und Kenia anzubieten. Allerdings müssen wir dabei im Kopf behalten, dass wir nur Mädchen fördern, die auch Zugang zum Bildungssystem haben. Und das ist nicht in allen Ländern dieser Welt der Fall. Dazu müssen wir uns noch Gedanken machen.

Gibt es für Sie ein Schlüsselerlebnis, wo sie gemerkt haben, dass Sie mit Stemettes auch Entscheidungsträger erreichen?

Einmal hatten wir eine Wochenendveranstaltung mit Stemettes-Mädchen, die von einem Unternehmen gesponsert wurde. Erst später habe ich erfahren, dass der Vorstandschef eigentlich dagegen war und das Sponsoring nur aus dem Etat der Leiterin der Personalabteilung kam. Am Ende des Coding-Hackathons nahm der CEO an der Jurysitzung teil und war absolut überrascht, ein 15-jähriges Mädchen kennenzulernen, das über das Wochenende Java Script gelernt hatte und eine eindrucksvolle Infografik damit programmiert hatte. Er konnte einfach nicht glauben, dass sie das ohne jegliche Vorkenntnisse binnen dieser kurzen Zeit geschafft hatte. Er war dann so begeistert, dass er dieses Mädchen beruflich gefördert hat – nachdem er vor dem Event noch gedacht hatte, dass alles nur Zeit- und Geldverschwendung wäre.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lockhart, Ina
Ina Lockhart
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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