Leben in Zukunft

Das merkwürdige Glück der Bewegungslosigkeit

Von Jan Grossarth
16.09.2017
, 15:49
Smart Home ist der Anfang - in Zukunft wird noch viel mehr vernetzt sein.
Das Auto fährt selbst, der Kühlschrank bestellt allein, und der Pizzadienst kennt meinen Geschmack besser als ich. Die Zukunft wird bequem. Und langweilig. Bestenfalls. Eine Utopie.

Um 6.55 Uhr sendet das Armband die Schlafstatistik an den Wecker und an die Kaffeemaschine. Die Tiefschlafphase endet in sieben Minuten, der Wecker klingelt um 7.03 Uhr. Der Kaffee ist heute eine mittelstarke Röstung aus dem Hochland Ecuadors. Der Kühlschrank schiebt die Brombeermarmelade raus, diese Kombination hatte sich in den vergangenen Jahren signifikant als leistungsförderlich und aktivitätsstimulierend erwiesen an vergleichbaren Spätsommertagen mit mittlerer Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit und einer gewissen Regenwahrscheinlichkeit.

Von den Regressionen, Progressionen und Zeitreihenanalysen bekomme ich nichts mit. Ich lese sogar noch eine Zeitung auf Papier, das bekomme den Augen besser, sagt die Brille. Meine ironische, romantische Viertelstunde. Outlook wertet derweil die Termine aus. Es erkennt anhand des Schriftverkehrs zwei Gesprächstermine von gewisser formeller Bedeutung. Der Kleiderschrank rumpelt. Eine vorgebundene Krawatte – ein Enten-Motiv, gemäß dem im Outlook festgeschriebenen Zielort „Hotel Jagdhaus Wiese“, Sauerland – und blau-beige Kleidung aus leichter Baumwolle liegen nun bereit. Die Transpirationsstatistik war nicht gut zuletzt, das System setzt bei den Stoffen an.

Weil die Wetterdaten 70 Prozent Regenwahrscheinlichkeit für den Sauerlandkreis am Nachmittag vorhersagen, und weil ein Großteil der Besucher des Jagdhauses Wiese zuletzt dort auch Spaziergänge unternommen hatten, liegt auch schon ein Schirm da. Ich lasse ihn liegen, gehe raus und höre noch, wie sich das Fenster schließt, denn der Wind nimmt jetzt zu, und das bekommt den Zitronen im Wintergarten nicht gut, die endlich reif werden sollen, und ich hatte dem Klimasystem gesagt: Es ist wichtig, dass es den Zitronen gutgeht.

„me Convention 2017“
Technik alleine unterwegs
© F.A.Z., Martin Gropp, F.A.Z. magr.

Nikotingehalt auf Basis meiner Herzwerte

Das Auto hat Bus und Bahn längst abgelöst. Die Deutsche Bahn wurde in den Maghreb verkauft, wo man an so etwas noch glaubt; nun fahren die Züge durch die Wüste. Der datenoptimierte Individualverkehr, mit einer Menge „Sharing“, war hierzulande ökologisch überlegen. Ich habe sogar noch ein eigenes Auto, wegen der Arbeit. Es fährt mit den anderen über die Straßen wie Gondeln über die Kanäle. Ferngesteuert und wegoptimiert, sie sind rund wie Autoscooter, innen Büros, Schlafzimmer oder Heimkinos, oder Sammeltaxis; die halten per Klick.

Das Auto bietet schönen Komfort, wie in der Businessclass. Mein Auto ist groß, denn ich brauche eine Liege und einen Schreibtisch. Ich bin Funktionär auf einflussreichem Posten. Das Auto fährt jetzt von allein los. Heute zwei Stunden, ich lese vorbereitende Texte, und schaue aus dem Fenster auf große Windräder und sehr große Windräder und Wald. Das Auto hält einmal zum Stromtanken an, dort, wo die Wartezeit kurz ist und der Preis günstig, es bezahlt mit meiner Kreditkarte. Ich gehe kurz an die Sonne raus und rauche meine Zigarette, die einen optimierten Nikotingehalt auf Basis meiner Herzwerte und eine Geschmacksrichtung von Apfel und Menthol auf Basis der Geschmackspräferenzen enthält, wie sie Menschen und insbesondere Männer meines Alters und meines Bildungsgrades in vergleichbaren Situationen eben haben, beruflich und montags und vormittags. Das alles ist zugegebenermaßen etwas albern, aber auch zeitgemäß und praktisch, und man gewöhnt sich schnell daran. Das Auto fährt dann weiter auf dem schnellsten Weg auf der Basis von Stau- und Wetterdaten, historischer und gegenwärtiger Datenabgleiche. Alle Sorgen von Autofreiheitsmobilisten waren unbegründet: Seitdem wir das Lenkrad nicht mehr in den Händen halten, sondern gefahren werden, fühlt es sich gar nicht an wie „fremdgesteuert“, sondern wie „noch freier“, auch wenn wir das anders befürchtet hätten.

Personalisiertes aus dem Radio

Es ist Zeit für Bildung, für die Vorbereitung. Ein Podcast zum Thema des Meetings, den das Informationsmanagementsystem auf Basis der Durchschnittsbewertung schnell herausgesucht hat, läuft zeitgerecht über die Lautsprecher. Man muss sie nicht sehr laut stellen, denn die Straßengeräusche werden vom Audiosystem herausgefiltert, und es ist sonst ganz still im Auto. Ich lese die Tageslosung und organisiere ein bisschen meinen Abend über mein Reiseprofil auf Tinder. Wisch und weg; ein schönes Ritual aus der alten Zeit. Es hat sich auf vielen Ebenen durchgesetzt. Was stört oder hässlich ist: einfach wegwischen. Als ich meiner Nichte ein altes Foto von Uropa gezeigt habe, schwarzweiß im Mahagonirahmen, hat sie den Daumen angesetzt und nach rechts gewischt.

Der Termin um 11 Uhr ist ein Gespräch über die Wasserthematik in Großstädten in Zeiten der Klimakatastrophe, eine Delegation aus Anatolien ist zu Gast. Es ist ein warmer Empfang, und anschließend gehen wir im Nieselregen spazieren; leider hatte ich keinen Schirm eingesteckt.

Im Radio auf der Rückfahrt laufen individualisierte Nachrichten; ich persönlich interessiere mich sehr für Vietnam, Mexiko, islamistische Terroranschläge, Yoga, Passionsmusik mit Oboe und die Zweite Bundesliga. Auch ist mir Schlaf wichtig. Powernapping geht hier gut. Mein Puls ist etwas überhöht in letzter Zeit, auch verglichen mit vergleichbar alten Männern mit vergleichbaren Interessen. Letztlich sind die Systeme aber noch überfordert, eine adäquate Problemlösungsstrategie zu finden. Der Arzt wusste auch nicht weiter, wie auch. Weniger Nikotin, Tannenbaumöl im Duftbaum, die milde Röstung am Morgen und stetiger Fünfminutenschlaf am frühen Nachmittag sind derweil die Empfehlungen; und sicher wird es bald auch helfen.

Schlafklima zitronenfreundlich herunterreguliert

Urlaub war auch lange nicht. Personen in vergleichbaren Lebenssituationen hätten sich für eine Flugreise nach Island entschieden, sagt mir das System auf Nachfrage: Halbpension, Leihbademantel, und jederzeitiger Zugang zum warmen Geysir. Ferner haben vergleichbare Manager dort den neuen Managementratgeber „Ich habe Hirn, ich will hier raus“ und das Standardwerk „Das erschöpfte Selbst“ (Campus-Verlag) gelesen sowie den Züricher Regionalkrimi „Das Ende vom Lied“ (Nagel & Kimche). Ich bestätige schnell mit einem Klick, dass auch ich das alles will, nächste Woche.

Die freien und hinzugewonnenen Hirnkapazitäten nutze ich überdies für stundenlangen Austausch mit meinen 649 Freunden auf Egogram, dem Social Network, das sich letztlich durchgesetzt hat. Hier darf man nur Selfies und Videobotschaften posten, die höchstens 10 Sekunden lang sind und die sich nach einer Minute automatisch löschen. Dann macht es „plop“, man kann das Geräusch aber per doppeltes Augenzwinkern ausstellen. In einer privaten, kleinen Whatsapp-Gruppe mache ich mit alten Freunden aus der Warcraft-Gruppe überdies gern Witze über die Fußballspiele vom Wochenende. Es kursieren dort Kurzvideos von den dümmsten Rückpass- und Stoppfehlern, köstlich! Ach, als wir noch spielten.

Die Systeme wissen, was mir und meinesgleichen guttut. Am frühen Abend hält der Wagen kurz bei „Da Enzo“, wo Giovanni schon ein leichtes Nudelgericht bereitgestellt hat, das sich mit dem Workout am Abend verträgt. Meine historischen Muskelzuwachsdaten haben einen Trainingsschwerpunkt auf Trizeps und Rückenlende induziert. Danach Sauna, aber nicht zu lang, sagt die Auswertung der Datenbanken von evidenzbasierten epidemiologischen Studien.

Dann gehe ich nach Hause. Das Hausklima ist schon schlafoptimiert, aber zitronenfreundlich herunterreguliert. Dann gibt es noch einen Grund zur Freude: Die drohnenbasierte Vogelnestkamera hat tagsüber die jungen Meisen „gestreamt“ – oder wie sagt man in solch einem Fall? –, für die ich mich seit Wochen sehr interessiere. Als sie einen Regenwurm geliefert bekamen von ihrer Meisenmama, darauf fokussierte die fledermausleise Kamera extrem, so dass man ihre freudigen Blicke gut sehen konnte und das Glänzen in ihren schönen Meisenaugen.

Die Individualität meiner Bedürfnisse ist atemberaubend!

Sie wird stets bestätigt und aktualisiert durch einen Abgleich mit Millionen anderen Bedürfnisindividualitäten, oder wie sagt man? Der gute sprachliche Ausdruck war übrigens nie meine Stärke, und ich fürchte, es wird nicht besser in diesen Jahren. Aber selbst Fremdsprachen sind ja heute nicht mehr so karrierewichtig, weil die Simultanübersetzungen in 164 Sprachen reibungslos funktionieren; sie gehen direkt in die Earphones des anderen, und das sogar mit meiner Stimme und Tonalität.

Und nun, im Bett, danke ich über diese technische Entwicklung nach. Und hier sind meine Überlegungen: Die technische Revolution, die wir bewundern, ist gespeist von Daten. Sie kommen zum einen aus Messungen gegenwärtiger Phänomene: Stau, Wetter, Wind, Kurse und Frequenzen. Sie kommen aus Aufzeichnungen über unser vergangenes Verhalten. Die Daten werden verbunden mit empirischem und statistischem Wissen über die Zusammenhänge der Dinge. Die Rechner vergleichen, halten Variablen konstant und regressieren, und so lässt sich wissenschaftsbasiert alles optimieren, was wir eben optimieren möchten: Gesundheit, sportlicher Erfolg, Finanzen, Schönheit und Ansehen, die Tomatenernte auf dem Balkon. Der Kern dieser Revolution ist der ständige Vergleich und Abgleich. Dafür saugen Sensoren überall Daten ab. Aus dem Blut und aus dem Gehirn, aus dem Browser und aus dem Himmel, aus unseren Wegen und Einkäufen, um morgen das zu servieren, was wir gestern interessant fanden. Das macht die Welt aber nur in dem Maß komfortabler, in dem wir morgen noch dieselben oder zumindest ähnliche Interessen haben wie gestern. Sonst wird es langweilig.

Anarchie der Algorithmen oder Tyrannei der Kontrolle?

Und es ist immer noch nicht bewiesen, dass Computer ein Talent dafür haben, aus Informationen Schlussfolgerungen über unsere wirkliche Motivation zu ziehen. Sie schlagen uns ernsthaft das vor, was wir vorgestern interessant fanden, und verstehen nicht im Geringsten, warum. Leider vertrauen wir den Computern zu sehr. Sie wissen nichts von morgen und vom Innen. Seit dem Mittelalter haben wir den Kirchen zu sehr vertraut, seit der Französischen Revolution den Menschen und nun der Künstlichen Intelligenz – seltsamer Euphemismus!

Wenn wir zu sehr auf Roboter hören, müssen wir uns letztlich auch nicht wundern, wenn wir den Robotern ähnlich und eines Tages durch sie ersetzt werden.

Wie andere zuvor, bringt auch diese industrielle Revolution eine humane und eine tyrannische Entwicklungsperspektive. Was die Arbeitswelt angeht, kann es einerseits sein, dass wir viel Zeit gewinnen und am Ende weniger Energie in Arbeiten stecken müssen, die uns nicht wichtig sind. Aber es kann auch sein, dass wir noch viel mehr Dinge tun, die uns eigentlich gar nicht wichtig sind („Entfremdung“). Vielleicht geraten wir derzeit in einen selbstverstärkenden Strudel des Konsums und des permanenten Austauschs über Konsumerlebnisse, in dem wir Gesehenwerden mit Anerkennung verwechseln. Man muss nicht lange studiert haben, um zu spüren, dass das gefährlich ist. All diese Apps und Portale und Quatsch-Events müssen dann letztlich auch noch von Menschen programmiert und mit „Content“ gefüllt werden, was manchen dieser Dienstleistungsarbeiter wiederum sinnlos erscheint. Eine Dystopie lautet: Anarchie der Algorithmen. Die andere: Tyrannei der Kontrolle – etwa mit Ess- und Genussverboten, solchen von Nikotin und langen Spaziergängen in der Sonne für helle Hauttypen. Auch dafür sind die Daten zu haben.

Der Blick ins Auge des anderen behält seinen Reiz. Und sehen Sie all diese kleinen Blumenläden, die Foodtrucks, den Zirkus? Das gibt es noch, weil wir Menschen eigensinnig sind. Es müsste doch zu sehr an die DDR erinnern, wenn wir behaupteten, wir wären glücklich bewegungslos und fremdgesteuert. Die Zitronen wachsen, weil sie es wollen.

me Convention
Zeichnen, worüber andere sprechen
© F.A.Z., F.A.Z.
Quelle: F.A.Z.
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