Widerspruch bei Me Convention

Warum die Computerwelt keine Männerdomäne ist

Von Boris Schmidt, Stockholm
06.09.2018
, 15:50
Erfand 1989 in New York die erste Online-Community für Textnachrichten: Stacy Horn.
Tim Berners-Lee, Steve Jobs, Bill Gates: Wer an technische Innovationen rund ums Digitale denkt, dem fallen Namen von Männern ein. Dabei gibt es auch viele weibliche Internet-Pioniere.

Die Computerwelt war noch nie so sehr von Männern dominiert wie andere Arbeitsbereiche, doch es herrscht sehr wohl der Eindruck, alles sei von Männern erfunden: Tim Berners-Lee, Steve Jobs, Bill Gates.

Dem widersprach auf der Me Convention in Stockholm die Autorin, Sängerin und Künstlerin Claire L. Evans. Sie hat in dem Buch „The Untold History of the Women who made the Internet“ 200 Jahre zurückgeblickt mit einem Schwerpunkt auf die jüngere Geschichte. „Immer nur geht es bei Rückschauen um Männer in Garagen in Palo Alto“, scherzte sie, doch dabei waren Frauen stets in der ersten Reihe, wenn es um neue Entwicklungen im Computerwesen ging. Das habe schon im Zweiten Weltkrieg angefangen und sich später fortgesetzt. Noch in den 1960er Jahren waren die Hälfte der in der Computer-Industrie Tätigen Frauen, und 40 Prozent der entsprechenden Hochschulabschlüsse gingen an Frauen. Da müsse man heute wieder hinkommen, und sie hoffe, dass dies noch in ihrer Generation gelingen könne. Claire Evans ist 33 Jahre alt.

Und natürlich gäbe es ohne Frauen kein Internet. Auch Tim Berners-Lee, der als Vater des Netzes galt, hatte weibliche Helfer. Und als er 1991 auf einer Hypertext-Konferenz in Kalifornien seine Ideen erstmals vorstellte, habe sich kaum jemand dafür interessiert. „Alle standen sie draußen auf der Terrasse und tranken Margaritas, es war nämlich Happy Hour.“ Diesen kleinen Seitenhieb konnte Evans sich nicht verkneifen und belegte das mit einem Foto von Berners-Lee und einigen wenigen Interessenten, die ihm gelangweilt über die Schulter schauen.

Kein Internet ohne Radia Perlman

Den Hypertext, den Vorläufer des Internets, hätte es ohne Radia Perlman nie gegeben, referierte Evans. Perlman war in den siebziger Jahren die einzige Frau am MIT, sie erarbeitete die gesamten technischen Software-Grundlagen, und sie (Perlman) sage selbst, dass es das Netz ohne sie nie gegeben hätte.

Die Computerwelt eine Männerdomäne? Das stimmt so nicht, sagt die Autorin Claire L. Evans.
Die Computerwelt eine Männerdomäne? Das stimmt so nicht, sagt die Autorin Claire L. Evans. Bild: Boris Schmidt

Auch Wendy Hall, inzwischen zur „Dame“ geadelt, arbeitete in den achtziger Jahren an der Universität in Southampton mit Hypertext. Sie digitalisierte als eine der ersten die gesamte Bibliothek ihrer Universität und schuf dafür „Microcosm“, ein eigentlich dem Internet überlegenes System, weil Links aktualisiert und in mehr als eine Richtung gehen können.

Einen anderen Ansatz verfolgte Stacy Horn. Sie schuf 1989 in New York die erste Online-Community für Textnachrichten, damals noch mit Modem und Kosten für die jeweilige Verbindung. Sie nannte es Echo, East Coast Hang Out.

Um Nutzer zu generieren, warb sie in Bars, Shops und Galerien für Echo. Was nicht so leicht war, denn jeder, der mitmachen wollte, musste ja auch ein Modem kaufen. Doch sie hatte Erfolg: 40 Prozent der Nutzer waren Frauen, zu einer Zeit, als die Frauenquote in ähnlichen System höchstens bei zehn Prozent lag.

Wie alle Frauen habe sie das große Ganze im Blick gehabt und sich nicht so sehr in jedes technische Detail verloren, sagt Evans. Echo gibt es heute noch.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schmidt, Boris
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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