Gründerserie

Mit den Augen den Computer steuern

Von Theresa Weiss
04.09.2018
, 08:47
Stephan Odörfer (links() und Tore Meyer
Stephan Odörfer und Tore Meyer wollen, dass ihnen die Technik gehorcht – und nicht umgekehrt. Ihr Clou: Eye-Tracking-Software, die jeden Wunsch von den Augen abliest.

Was ist die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest? Wer das Internet fragt, erhält die Antwort: 42. Tore Meyer grinst schelmisch, als er das erzählt. Es passt einfach zu gut. Es ist eine Referenz aus einem seiner Lieblingsbücher, „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Sie ist so berühmt geworden, dass Google tatsächlich einfach die Zahl 42 ausspuckt, wenn die Frage eingetippt wird. Vor ein paar Jahren saßen Tore Meyer und sein bester Freund Stephan Odörfer zusammen und grübelten, wie sie ihr gerade gegründetes Unternehmen nennen könnten. Irgendjemand aus dem Team kam auf die Idee, das Durchschnittsalter aller Mitarbeiter auszurechnen. Ergebnis: 42. Ein Zeichen, dachten die Gründer. Und sie nannten ihr Unternehmen „4tiitoo“, ausgesprochen klingt das wie 42 auf Englisch.

Ob sie wirklich die Antwort auf alles geben? Eher nicht – aber sie verändern die Kommunikation mit Computern. „Unsere Geräte sollten uns nicht vorschreiben, wie wir uns mit ihnen zu verständigen haben, sie sollen uns einfach verstehen“, sagt Odörfer. Er denkt da zum Beispiel an die Maus – entwickelt wurde sie lange vor Touchscreen und Sprachsteuerung, als Hilfsmittel, um auf der virtuellen Oberfläche des Computers klicken zu können. Mittlerweile ist sie veraltet, doch fast alle benutzen sie noch. Und das, obwohl viel Zeit verlorengeht, wenn der Zeiger jedes Mal umständlich über den Bildschirm geschoben werden muss. Gesund ist es auch nicht – die „Maushand“, eine Entzündung der Handgelenksehnen, kennen viele, die lange im Büro arbeiten.

Die Gründer wollen das ändern. Der Kern ihrer Idee ist Eye-Tracking. Ein schmales Gerät, das am Bildschirm des Computers angebracht wird, verfolgt und erfasst die Bewegungen der Pupille. Denn automatisch schaut man dorthin, wohin man klicken will, und die Muskeln am Auge sind die schnellsten im Körper. Das Gerät gibt es schon, von verschiedenen Herstellern. Aus der Verfolgung der Augen folgt jedoch erst mal nichts, kein Arbeitsauftrag geht an das System des Computers. Odörfer und Meyer haben mit „Nuia“ ein Programm entworfen, das den Bewegungen der Pupille Bedeutung zuordnet.

Kein Bällebad, keine Europaletten

Blickt der Nutzer auf eine Zeile in einer Exceltabelle, teleportiert sich der Mauszeiger dorthin. Schaut er auf das Symbol für „Schließen“, beendet sich die Anwendung. Ist der Blick beim Lesen an das Ende der angezeigten Seite gewandert, scrollt „Nuia“ automatisch weiter. Das Programm erkennt, was wo auf dem Bildschirm ist, und was der Nutzer damit vielleicht machen will. „Wir wollen die tägliche Arbeit damit effizienter und angenehmer machen“, sagt Odörfer.

„4tiitoo“ sitzt in einem Co-Working-Space mit schlichten Büroräumen an der Sonnenstraße in München. Kein Bällebad, keine Europaletten, auf denen Latte macchiato getrunken wird für die 18 Mitarbeiter. Odörfer würde sagen: Es ist funktional. Er mag das Wort, denn es beschreibt auch, was er von Technik erwartet. Dass sie läuft und tut, was er will – nicht umgekehrt.

Meyer und Odörfer tragen beide ein weißes Hemd, Jeans und Dreitagebart. Sie kennen sich seit der Grundschule, sind beide 41 Jahre alt und haben am gleichen Tag Geburtstag. Die beiden haben viel miteinander erlebt: Sie schrieben in Franken ihr Abitur, reisten durch Florida, machten ihren Fallschirmspringerschein. Und sie haben schon ein anderes Unternehmen gegründet. 2007 war das, sie entwickelten ein Tablet. Doch es war schwierig, jemanden zu finden, der in ihre Idee investieren wollte. Mit der Finanzkrise 2009 wurde es noch schwieriger, Geldgeber zu finden. 2010 kam Apple mit dem iPad. 2013 mussten sie für ihr Unternehmen Insolvenz anmelden. Doch entmutigen ließen sie sich nicht. Ende 2013 gründeten sie eine neue GmbH und setzten alles auf Eye-Tracking-Software.

Die Technologie ist da, der Markt noch nicht so richtig

Sie wurden Teil von „Start-up Autobahn“, einem Innovationsprogramm von Daimler. 2016 wurden sie zu Alumni des Programms, seit diesem Jahr sind sie auch Alumni des SAP Accelerators. Sie entwickelten ihr Programm, passten es an, verbesserten es. Mittlerweile läuft das Geschäft. Für dieses Jahr erwartet „4tiitoo“ einen Umsatz im siebenstelligen Bereich. Sie suchen neue Mitarbeiter. „Hier in München ist es nicht einfach, gute Leute zu finden – die Großen wie Amazon und Google holen alles vom Markt, was halbwegs programmieren kann“, sagt Meyer.

Die Technologie ist da, der Markt ist es aber noch nicht so richtig. Einige Kunden hat „4tiitoo“ gewonnen, zum Beispiel Benteler, Daimler und Siemens. Nach Worten der Gründer sind die Unternehmen begeistert, denn sie können mit „Nuia“ viel Geld sparen. Die Produktivität am Computer steigere sich um vier bis elf Prozent. Das kostet natürlich auch etwas: Der Preis, um „Nuia“ in einem Unternehmen einzuführen, variiert, je nach dem, wie viele Arbeitsplätze damit ausgestattet werden sollen. Für 200 Nutzer würde das Programm etwa 120 000 Euro im Jahr kosten. Dagegen stehen die Einsparungen: Bei einem Unternehmen mit 15 Millionen Euro Umsatz könnten zwischen 600 000 Euro und 2,3 Millionen Euro eingespart werden. Die breite Masse ist allerdings noch so gewöhnt an ihre Maus, dass sie die neue Art zu arbeiten vielleicht gar nicht vermisst. Doch wer erlebe, wie intuitiv die Augen steuern können, sei begeistert. In ein paar Jahren werde sich das Verfahren durchsetzen, wie zuvor Touchscreen und Sprachsteuerung.

Neuer Technik misstrauen dennoch viele. So hat mancher etwa Sorge, dass das Eye-Tracking zur Überwachungsmaschine wird. Schließlich weiß das Programm ja, wo der Nutzer hinblickt, die ganze Zeit. Kann der Chef dann seinen Mitarbeiter anpfeifen, wenn er sieht, dass der ein paarmal am Tag in der Gegend herumstarrt? Oder kann er nachverfolgen, welche Programme ablenken? Odörfer und Meyer beruhigen: Nur in der ersten Phase, in der „Nuia“ noch an das jeweilige Unternehmen angepasst und verbessert wird, analysiert das Programm Daten. Aber auch da nur anonymisierte Metadaten – also zum Beispiel, wie viel Zeit durch das Teleportieren des Mauszeigers gespart wird –, keine Inhalte. Die Verwendung werde immer eng mit den Betriebsräten abgestimmt.

Die Reise von „4tiitoo“ ist jedenfalls noch nicht vorbei. Im Jahr 2020 sollen verstärkt Brillen auf den Markt kommen, die einem Inhalte direkt vor die Augen projizieren. Die Kontrolle von Programmen durch die Pupillenbewegungen könnten da wichtig werden. Auch im Zuhause könnte sich viel ändern – zum Beispiel, wenn man nicht mehr per Sprachbefehl beschreiben muss, welcher Lichtschalter hochgedreht werden soll, sondern einfach sagt: „Mach das Licht an“ – und die Software durch den kurzen Blick sofort weiß, welches Licht gemeint ist. Wenn Meyer und Odörfer über diese Möglichkeiten reden, leuchten ihre Augen. Sie freuen sich auf das, was kommt. Sie bleiben auf der Suche nach Antworten.

Quelle: F.A.Z.
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