Autonomes Fahren

„Mit einem selbstfahrenden Auto wäre ich schneller hier gewesen“

Von Ina Lockhart
17.09.2017
, 13:53
Förderer der selbstfahrenden Autos: David Silver, Udacity-Kursleiter
An der Online-Akademie Udacity kann man in neun Monaten den Ingenieursabschluss Autonomes Fahren erwerben. Kursleiter David Silver erklärt wie. Und warum der erste Tag in einem selbstfahrenden Auto auf die Nerven gehen kann.

Herr Silver, Sie haben sich etwas verspätet im Frankfurter Messeverkehr. Woran lag es? Wäre das mit einem selbstfahrenden Auto nicht passiert?

Mit einem selbstfahrenden Auto wäre ich zwei Minuten schneller hier gewesen. Doch der Taxifahrer bog ob, wo die kürzere Strecke geradeaus gewesen wäre.

Wann saßen Sie zum ersten Mal in einem selbstfahrenden Auto?

Das war im Jahr 2016, als ich bei Ford als Ingenieur der Hardware-Plattform für selbstfahrende Autos gearbeitet habe. Für mich hat sich damals ein Traum erfüllt. Eigentlich hat es sich ganz normal angefühlt – allerdings saß ich auch nicht im Fahrersitz.

Das ist schon wieder zwei Jahre her. Hatten Sie weitere Erlebnisse mit selbstfahrenden Autos?

Ich bin mit einigen Autos dieser Art gefahren. Es ist beeindruckend, wie schnell sie besser werden. Allerdings brauche ich immer einen Tag, um mit einem neuen selbstfahrenden Auto warm zu werden. Ihm zu vertrauen, dass es der bessere Fahrer ist als ich. Der erste Tag nimmt mich nervlich meist sehr mit. Die nervöse Anspannung verschwindet erst am zweiten Tag des Mitfahrens.

In welchem Auto sitzen Sie, wenn Sie von Ihrem Zuhause im Vorort zu ihrem Arbeitsplatz bei Udacity im kalifornischen Mountain View fahren?

In einem normalen Ford CMax Energi, die Hybridversion des FordCMax. Mit einem selbstfahrenden Auto zur Arbeit zu fahren ist noch nicht möglich. Es gibt keine Karte, die so ein Auto benutzen könnte. Derzeit werden solche hoch auflösenden Straßenkarten nur für dicht bevölkerte Regionen wie Großstädte erstellt. Dann lohnt sich aus ökonomischer Sicht der Aufwand, weil es ausreichend potenzielle Nutzer gibt.

„me Convention 2017“
Technik alleine unterwegs
© F.A.Z., Martin Gropp, F.A.Z. magr.

Seit Juli 2016 sind Sie bei der amerikanischen Online-Akademie Udacity. Vorher waren Sie bei Ford und waren einer von den vielen Web-Softwareingenieuren, die es im Silicon Valley gibt. Warum der Wechsel zu Udacity?

Um anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, was ich gemacht habe: Durch Fortbildung beruflich umzusatteln und Ingenieur für selbstfahrende Autos zu werden. Außerdem gibt es mir die Möglichkeit mit einem der Pioniere in diesem Feld zusammenzuarbeiten: Sebastian Thrun, der auch Udacity mitgegründet hat.

Sie leiten bei Udacity den neunmonatigen Studiengang „Self-Driving Car Engineer“, den es erst seit Oktober 2016 gibt. Wer ist Ihre Zielgruppe?

Derzeit sind 8000 Studenten für den Nanodegree-Kurs eingeschrieben. Die meisten von ihnen stehen bereits im Berufsleben. Unter ihnen gibt es auch einige wenige Highschool-Schüler, die hochbegabt sind. So wie unser jüngster Student aus Großbritannien mit 15 Jahren. Auch unterrichten wir etliche erfahrene Berufstätige, die bei Autounternehmen in den traditionellen Bereichen arbeiten und sich für einen Wechsel zu selbstfahrenden Autos qualifizieren wollen. Die Kern-Altersgruppe umfasst 25 bis 35 Jahre. Studenten über 50 haben wir natürlich auch – gerade bei den Karriere-Umsteigern.

Treffen sich die Studenten während der neun Monate einmal oder läuft alles online?

Gerade jetzt während der me Convention treffen sie sich für ein besonderes Event. Aber das Studium selbst läuft komplett online. Die Studenten müssen fünf Projekte zur Bewertung einreichen. Im neunten Monat bilden sie globale Teams und schicken uns Coding-Daten für das selbstfahrende Auto von Udacity. Wir füttern das Auto damit und zeigen den Studenten per Video und Log Files, wie ihre Codes das Fahrzeug steuern.

Wie teuer und zeitintensiv ist das Kurzstudium, das etliche Unternehmen aus der Branche finanziell und inhaltlich unterstützen?

Die drei Trimester kosten insgesamt 2400 Euro. Im Schnitt wenden unsere Teilnehmer 17 Stunden pro Woche für ihr Online-Studium auf. Das ist relativ viel, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen arbeiten. Einer der Studenten sagte neulich: „Das Studium ist toll, auch wenn es wehtut.“

Welche Ingenieurstalente für selbstfahrende Autos sind derzeit Mangelware?

In dem Bereich, der im Fachjargon „Path Planning“ genannt, wird, ist es derzeit am schwersten, geeignete Kandidaten zu finden. „Path Planning“ befasst sich damit, wie und wohin das selbstfahrende Auto sich selbst bewegt. Wie reagiert es, wenn plötzlich ein Auto ausschert, ein Fahrradfahrer in die Quere kommt oder ein Kind auf die Straße läuft? „Path Planning“ umfasst beides: Wohin bewegen sich die anderen Objekte im Straßenverkehr und was bedeutet das für mein selbstfahrendes Auto.

Warum herrscht dort mehr Mangel als in anderen Anwendungsfeldern?

Weil das von allen Bereichen das Gebiet ist, das am wenigsten vernetzt ist mit anderen Studienrichtungen und das von anderen Disziplinen für andere Anwendungen kaum oder nicht erforscht wird.

Würden Sie sich selbst als Autofan oder gar Autofreak bezeichnen?

Nein, zumindest nicht im traditionellen Sinn. Ich finde es toll, wenn ein Auto selbst fahren kann. Da bin ich in meiner Fachrichtung übrigens nicht der einzige. Viele von uns sind keine Autoenthusiasten.

Was wird dann aus denen, die Freude am Fahren haben? Bekommen die künftig Fahrverbot auf den öffentlichen Straßen und müssen ihre Runden auf dem Hockenheimring drehen?

Keine Angst, das wird so schnell nicht passieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass von Menschen gesteuerte Autos aus dem öffentlichen Verkehr verschwinden. Vielleicht gibt es irgendwann Fahrspuren, die für selbstfahrende Autos reserviert sind. Doch werden die passionierten Autofahrer immer noch genug Strecken haben, wo sie ihren Spaß haben können. Die selbstfahrenden Autos sollen uns das Autofahren nur dort abnehmen, wo es mehr Last als Freude ist. So wie im zähen Stadtverkehr.

me Convention
Innovation in 24 Stunden
© Michael Götz, FAZ.NET
Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lockhart, Ina
Ina Lockhart
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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