New New Festival

Verrückte Ideen gegen dicke Luft gesucht

Von Susanne Preuß, Stuttgart
09.10.2018
, 12:28
Die Studenten beim Brainstormen
Daimler sucht auf dem Start-up-Festival die neue Super-Idee und zapft dazu auch die Kreativität von Studenten an. Die lernen dafür das Handwerk für Erfinder.

Die Luft ist zum Schneiden, der Lärmpegel hoch wie in einem gut besuchten Café. Vielleicht sind das die perfekten Umstände, um das nächste ganz große Ding zu finden, etwas, das die Mobilität der Zukunft revolutioniert, oder zumindest einen Haufen Geld in die Kasse von Daimler bringt. „Gong“ macht es, und jetzt wird es doch kurz ziemlich ruhig im Daimler-Truck, der da mitten drin im „New New Festival“ für die Innovatoren von morgen steht. Jetzt, nach dem Gong, gilt es alle Sinne zu sammeln und in acht Minuten insgesamt acht Gedanken zu einer schon formulierten Idee auf ein Blatt Papier zu bringen.

15 junge Leute sind bei dieser „Design Challenge“ im Daimler-Truck mit von der Partie, und im Idealfall sollten sie in jedes der acht Felder ein paar wenige Worte aufschreiben oder eine kleine Illustration oder ein Symbol als Gedächtnisstütze malen, bis es nach einer Minute wieder „Gong“ macht, als Start für die nächste der acht Ideen. Beim dritten Feld kommen einige schon gehörig unter Druck. Eine Studentin schreibt schnell und viel in die Felder und wird nicht fertig, der junge Mann neben ihr malt etwas, das alles sein könnte oder auch nichts, aber mit ein paar Pfeilen versehen – er wird schon wissen, was das sein könnte. Für Präzision und Schönheit ist keine Zeit.

Gedanken finden, die man vorher noch nicht gedacht hat

„Crazy Eight“ heißt diese Erfinder-Methode, die Dennis Dickmann zuvor kurz erklärt hatte. Es geht darum, eine Idee aufzuladen, Gedanken zu finden, die über das hinaus führen, was man schon gedacht hat. Unter Zeitdruck werden die üblichen Bedenken beiseite geschoben, dann kommt schon auch mal was ganz Schräges aufs Papier. Das mag völlig unrealisierbar sein – aber aus dem verrückten Gedanken heraus entwickeln sich dann oft die wirklich guten Ideen. So funktioniert das Prinzip der „Crazy Eight“, eines der vielen Werkzeuge, die an diesem Montag im Daimler-Truck zum Einsatz kommen.

Dickmann weiß, dass das funktioniert. Er ist quasi professioneller Ideen-Umsetzer bei Daimler, im „Lab 1886“, das mit seinem Namen an das Erfindungsjahr des Automobils anknüpft. Mit solchen Innovationskatalysatoren wie dem Lab 1886 will man die Mobilität neu definieren, und Daimler zapft dazu die Kreativität der eigenen Belegschaft an. Jeder kann sich einbringen, auch wer nicht Ingenieur oder Software-Entwickler ist, sondern vielleicht Elektriker oder Betriebswirt oder Wagenpfleger.

Auf dem vom IT-Unternehmen GFT initiierten „New new Festival“ in Stuttgart macht das „Lab 1886“ als potentieller Arbeitgeber für findige Leute auf sich aufmerksam. Gleichzeitig dient der Daimler-Truck als Ort für die Design-Challenge, auf die sich 15 Leute während den drei Festival-Tagen einlassen. Drei der jungen Ideensucher kommen von Daimler selbst, die zwölf anderen sind Studenten aus aller Welt, die über soziale Netzwerke von der Möglichkeit erfahren haben. Sie kommen aus Frankfurt und Liverpool und Stockholm, von der in der Autoindustrie hoch geschätzten RWTH Aachen ebenso wie von der Hotelschule Den Haag. Diversity ist angesagt beim Ideensuchen, Frau oder Mann spielt keine Rolle, Asien oder Europa sowieso nicht: die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte sollen helfen, unterschiedliche Sichtweisen auf ein bestimmtes Problem zu eröffnen und damit eine vielleicht originelle Idee zu entwickeln.

Zur Einstimmung haben die Studenten in Stuttgart am Montag vormittag drei Start-ups präsentiert bekommen, die allesamt Künstliche Intelligenz oder Blockchain-Lösungen in den Mittelpunkt ihres Geschäftsmodells stellen – und darum soll es jetzt auch im Daimler-Truck gehen. Eine der drei Gruppen, in die die 15 jungen Leute eingeteilt worden sind, ist so fasziniert von der Präsentation, dass sie erkennbar gar nicht davon loskommt. Alle „HMW“-Fragen, die sie aufschreiben sollen, also Fragen die mit „How might we…“ (zu deutsch: „Wie könnten wir...“) beginnen, sind stark an das angelehnt, was sie zuvor bei den Start-ups gehört hatten. Was als Inspiration, als Impuls gedacht war, hemmt scheinbar jetzt das freie Denken.

Eine zweite Gruppe dagegen muss erst von der Moderatorin ans Konkrete herangeführt werden, weil die von den Studenten herausgearbeitete Frage „Wie könnte maschinelles Lernen die Mobilität verändern“ doch viel zu allgemein ist für einen Drei-Tages-Wettbewerb. In der dritten Gruppe sprudeln schon mehr Ideen. Von personalisierter Musik im Leihwagen bis zum Track record für ein Gebrauchtfahrzeug werden Dutzende von Problemen und Vorschlägen auf Zettel geschrieben, bis eine Aufgabe eingegrenzt ist, die man gemeinsam lösen will: „Wie könnte Mobilität nachhaltiger werden durch Anreize für den Kunden?“

Alle sehen müde aus

Geschafft ist scheinbar noch nichts, aber alle sehen müde aus, am Ende des ersten Tages. Zeit zum Ausruhen ist aber nicht, auch wenn um den Truck herum das Festival-Geschehen schon abebbt. Am Dienstag soll es eine kleine Ausstellung geben mit Arbeiten von jedem Teilnehmer: Auf drei Din-A-4-Blättern soll die eigene Idee so aufgemalt sein, dass jeder Betrachter ohne weitere Erklärungen sofort einen „Aha“-Effekt hat. Das kann natürlich auch ein „aha, das gibt es doch schon“ sein – dessen ist man sich bei Daimler bewusst. Aber es geht hier nicht nur um eine Chance für den Autokonzern, sondern auch darum, die Werkzeuge für Innovationen bekannt zu machen, wie Dennis Dickmann erklärt. Im Prinzip sei das Vorgehen immer gleich, wenn man ein Unternehmen gründen wolle oder auch nur eine Produktinnovation sucht – aber bis in die Universitäten sei das Wissen noch nicht vorgedrungen, hat er beobachtet: selbst auf solchen Innovationsfestivals wie in Stuttgart sind die Methoden noch weitgehend unbekannt.

Bis Mittwochnachmittag haben die jungen Leute Zeit, das Handwerkszeug einmal auszuprobieren und gleichzeitig alles daran zu setzen, eine bahnbrechende Sache in Sachen neue Mobilität anzustoßen. Sollte es wirklich ein ganz großes Ding sein, dann wird Daimler ganz schnell dafür sorgen, dass der 1886-Truck abgeschottet wird. Für die Studenten dürfte die Sache dann auch lukrativ werden. In welcher Weise? Dafür gibt es keinen Masterplan, räumt man bei Daimler ein – denn besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit dann doch nicht, dass man dafür gewappnet sein muss.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Preuss, Susanne
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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