Weniger Geld, dafür glücklich

Was macht eigentlich ein „happiness consultant“, Frau Clarke?

Von Benjamin Fischer
14.09.2019
, 11:53
Samantha Clarke ist „happiness consultant“ und hilft Unternehmen dabei, das Arbeitsumfeld zu verbessern und die Angestellten mitzunehmen. Mit Gratis-Bier und Yoga-Kursen ist es längst nicht getan.

„Welchen positiven Einfluss hat meine Arbeit auf mich als Person? Wie verliebt man sich in das, was man Tag für Tag im Beruf macht? Wer will ich eigentlich sein?“ Samantha Clarke hat offenkundig ein Faible für die großen Fragen. Dass ein bisschen Pathos auf Veranstaltungen wie der Me Convention gut ankommt, weiß sie natürlich auch. Mit dem Aristoteles Zitat „Wo sich deine Talente mit den Bedürfnissen der Welt kreuzen, dort liegt deine Bestimmung“ schießt sie vielleicht etwas über das Ziel hinaus, aber was soll's.

Clarke hat Erfahrung mit solchen Vorträgen. Als „happiness consultant“ gehören sie zu ihrem Portfolio an Angeboten – und an Kunden mangelt es ihr offenkundig nicht: Die opulente Liste reicht von American Express über T-Mobile bis hin zum Konsumgüter-Riesen Procter & Gamble oder Giorgio Armani. Niemand will schließlich frustrierte oder unglückliche Mitarbeiter haben und Hilfe von außen holt man sich heutzutage ja regelmäßig ins Haus.

Sie selbst habe nach ihrem Studium zunächst für eine Agentur gearbeitet und dort Werbung für Müsli und Alkopops gemacht. Irgendwann habe sie sich aber gefragt, ob das alles sei und welchen Sinn sie in ihrer Aufgabe eigentlich finden sollte. Nach einiger Zeit hatte sie genug und gründete unter anderem ein Schuh-Label, das aber im Zuge der Finanzkrise scheiterte. Daraufhin fing sie an sich mehr und mehr mit Psychologie, der Arbeitswelt und der Motivation von Menschen an sich zu befassen. „Ich glaube fest daran, dass jeder seine ultimative Aufgabe hat“, sagt Clarke man müsse sie nur finden. Daran sollte ja auch Arbeitgebern gelegen sein – und an diesem Punkt kommt sie ins Spiel.

Frau Clarke, wenn ich mich für eine Stelle als „happiness consultant“ bewerben würde, was stünde in der Aufgabenschreibung?

Da würde stehen, dass man sich Zeit zum Zuhören nehmen muss, um Probleme in Unternehmen zu erkennen und zu verstehen. Außerdem sollte man sich anschauen, wie man das Arbeitsumfeld verbessern und Mitarbeitern helfen kann, ihr Potential voll zu entfalten. Es geht darum, dass diese für sich beantworten: Was will ich in meinem Job machen und wie will ich in der Welt gesehen werden?

Welche Hauptprobleme sehen Sie aktuell in der Arbeitswelt?

Ein Problem, dass ich derzeit wahrnehme, ist das der gestörten Kommunikation, gerade durch den Trend zum mobilen Arbeiten. Wie kann man die Leute miteinander verbinden, wenn sie nur noch selten gemeinsam im Büro sitzen? Und wie erledigt man eine Aufgabe, wenn das Team aus Mitgliedern besteht, die in verschiedenen Zeitzonen sitzen? Ich erlebe auch viele Fälle von Burnout auf Grund der ständigen Erreichbarkeit. Unternehmen wiederum haben das Problem, dass sie viel in die Suche nach neuen, talentierten Mitarbeitern investieren müssen und gerade die jüngere Generation oft kein Problem damit hat, schnell wieder zu kündigen, wenn sie nicht vollends zufrieden ist. Wer das verhindern will, muss sich Gedanken machen, wie er die Leute bei der Stange hält.

Was erwartet Sie, wenn Sie in ein neues Unternehmen kommen?

Teilweise kommen Verantwortliche auf mich zu, weil sie neue Maßnahmen für das Wohlbefinden ihrer Belegschaft implementieren wollen und Rat suchen. Andere Unternehmen wachsen derart schnell, dass sie die Sorge haben, sich nicht ausreichend um die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter kümmern zu können, während sie mit der Suche nach neuen beschäftigt sind. Ich verschaffe mir dann zunächst einen Überblick, wie es um die Zufriedenheit der Personen im Unternehmen bestellt ist und an welchen Punkten sich ansetzen lässt.

An welchen Stellen hakt es denn in der Regel?

Da gibt es die verschiedensten Fälle. Manchmal mangelt es etwa an einem guten Employer-Branding: Wie rede ich über das, was wir tagtäglich tun und wie pflegen wir unsere Unternehmenskultur? Oftmals werden auch gestresste Mitarbeiter, die womöglich Burnout-gefährdet sind, zu wenig unterstützt. Es ist enorm wichtig zu klären, wie man miteinander umgeht, und dass man Rücksicht auf einander nimmt. Einen Kühlschrank mit Gratis-Bier ins Büro stellen oder Yoga-Kurse anbieten, ist immer einfach, aber woher weiß ich, wem solche Annehmlichkeiten überhaupt wichtig sind?

Mit wem sprechen Sie zuerst, wenn Sie Ihre Arbeit beginnen?

Ich versuche immer eine Gruppe mit Leuten aus der Geschäftsführung, dem mittleren Management und Angestellten zusammen zu bekommen. Es ist enorm wichtig, alle ins Boot zu holen. Wenn ein Manager einfach etwas beschließt, ohne zu wissen, was sich dadurch eigentlich für seine Angestellten verändert, wird sich kaum eine Veränderung einstellen.

Erleben Sie Vorgesetzte, die sich schwer tun, ihre Rolle neu zu denken und mehr Team-Mitglied als Chef zu sein?

Ein Chef, der völlig von der Kernarbeit abgekoppelt ist, verursacht jede Menge Probleme. Wenn du nicht derjenige bist, der die gewünschten Eigenschaften verkörpert und vorlebt, kannst du nicht erwarten, dass die Leute dir folgen. Manager müssen diesen Schritt machen, um ihre Mitarbeiter mitzunehmen. Nur so kann die Entwicklung konsequent vorangetrieben werden.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Angestellten, die mit ihrer Tätigkeit unglücklich sind?

Ich ermutige niemanden dazu, zu kündigen, sondern empfehle ihnen, über ihre Situation nachzudenken: Was stört sie aktuell? Ist es die Stelle an sich oder willst du nur gerne neue Dinge ausprobieren und kannst es nicht? Willst du lieber auf eine andere Position im Unternehmen wechseln? Sind deine Kollegen oder dein Chef das Problem? Willst du etwas ganz anderes machen, vielleicht sogar die Branche wechseln oder kannst du dich noch einmal neu für deinen aktuellen Job begeistern? Erst wenn man all dies für sich beantwortet hat, kann man damit beginnen, sich einen Plan zu machen, mit Punkten, die man gerne angehen möchte. Wenn ich etwa in eine neue Branche will, sollte ich versuchen, möglichst viel über diese und die potentiellen Jobs in Erfahrung zu bringen – etwa indem ich mit Leuten aus dem Bereich spreche und versuche mich in dem entsprechenden Umfeld zu bewegen. Man muss sich eine Vorgehensweise zurechtlegen und nicht einfach sagen: Morgen kündige ich. Um in einem neuen Unternehmen anzufangen, brauche ich die richtige Einstellung und muss mich verkaufen können. Das braucht Zeit.

Wie treten Sie nach solchen Gesprächen an die Vorgesetzten des Angestellten heran?

Das kommt immer darauf an, was ich mit dem Unternehmen vereinbart habe. In der Regel spreche ich aber ganz offen an, welche Dinge einem Mitarbeiter auf dem Herzen liegen: Dass er gerne eigenständiger oder kreativer arbeiten würde und wie das Unternehmen ihn dabei unterstützen kann. Ich glaube, aus der Unternehmenssicht ist es wertvoll, zu wissen, wer für seine Aufgaben brennt und wer gedanklich schon gekündigt hat. Dann kann man sich zusammensetzen und zu einer guten Lösung für beide Seiten kommen. Vielleicht würde jemand anderes die Stelle ja liebend gerne haben.

Geht es nicht manchmal einfach nur um Geld?

Ja, und das ist auch völlig in Ordnung. Jeder hat etwas, dass ihn antreibt und teilweise ist es eben die Aussicht auf ein höheres Gehalt oder einen Titel. Manch anderer wechselt freiwillig auf eine Stelle, in der er weniger verdient als vorher, die ihn dafür aber glücklich macht.

Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, bis Sie gemerkt haben, dass der Agentur-Job nichts für Sie ist?

Das ging ziemlich schnell, aber bis ich gekündigt habe, hat dann doch gedauert. Ich komme aus einer Familie, wo gerne gesagt wird: Du hast einen guten Job und ein gutes Auskommen, warum willst du etwas verändern? Meine Eltern waren keine Unternehmer und ich bin in einer Zeit groß geworden, wo das, was ich heute mache, ziemlich neu war. So habe ich mich lange mit dem Gedanken herumgeschlagen, doch endlich etwas anderes zu machen, während sie mir geraten haben, meine sichere Stelle in der Agentur zu behalten. Also habe ich recht langsam angefangen, abends Kurse zu belegen und mich anderweitig auszuprobieren. Stünde ich heute vor der Entscheidung, würde ich wahrscheinlich nach sechs Monaten sofort kündigen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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