Hohe Arznei-Preise

Was ist unsere Gesundheit wert?

Von Sebastian Balzter
30.06.2018
, 11:36
Die Preise neuer Medikamente steigen drastisch. Die Kosten aus Forschung und Entwicklung wollen wieder eingefahren werden. Aber was, wenn ein Präparat nur dann bezahlt werden müsste, wenn es auch wirkt?

Der neue Star der Pharmabranche heißt Kymriah. Das Medikament des Schweizer Herstellers Novartis soll Kindern und Jugendlichen helfen, die an einer schweren Form von Blutkrebs leiden. Der Ansatz ist aufsehenerregend: Den Patienten werden körpereigene Abwehrzellen entnommen, im Labor gentechnisch für den Kampf gegen den Krebs fit gemacht, vervielfältigt und dann zur Stärkung des Immunsystems mit einer Infusion wieder in den Körper der Patienten gebracht.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat das Präparat als Durchbruch im Kampf gegen die Krankheit bejubelt und im Schnelldurchgang zugelassen. In Europa soll es in der zweiten Jahreshälfte auf den Markt kommen.

Novartis verlangt für eine einmalige Behandlung mit Kymriah in den Vereinigten Staaten bis zu 475.000 Dollar (400.000 Euro). Auch das ist aufsehenerregend. Noch vor kurzem waren Medikamentenpreise in dieser Größenordnung unvorstellbar. Vor vier Jahren galt ein neues Hepatits-C-Medikament für umgerechnet 60.000 Euro im Jahr als das teuerste Medikament der Welt. Es ist leicht vorauszusagen: Geht der Anstieg der Arzneimittelpreise so weiter, gibt es bald das erste Präparat für mehr als eine Million Euro. Schon jetzt stellt sich die Frage: Muss das so sein? Und wenn ja: Wer soll das bezahlen?

Forschung und Entwicklung treiben die Preise in die Höhe

Die Pharmakonzerne begründen die Preise für ihre Arzneimittel üblicherweise mit den Kosten für Forschung und Entwicklung. Von zehn potentiellen Medikamenten schaffe es im Durchschnitt nur ein einziges bis zur Marktreife. Die von den Zulassungsbehörden vorgeschriebenen klinischen Tests zur Überprüfung der Präparate seien aufwendig.

Auf zwei Milliarden Dollar, so heißt es aus der Branche, summieren sich im Durchschnitt die Kosten, bevor auch nur ein einziger Cent mit einem neuen Medikament verdient ist. Diese Summen gilt es wieder hereinzuholen, ehe der Patentschutz für ein neues Präparat ausläuft und Wettbewerber günstigere Kopien auf den Markt bringen können.

Die hohen Preise liegen auch daran, dass die Pharmaforschung viele einfachen Erfolge schon eingefahren hat. Das geschah in der Zeit der sogenannten „Blockbuster“-Medikamente – Präparate auf chemischer Basis, die Millionen von Patienten verschrieben wurden und auf diese Weise Milliarden Euro in die Kassen der Hersteller brachten.

Gentechnische Verfahren für Arzneimittel

Heute geht es vor allem um Arzneimittel, die mit gentechnischen Verfahren hergestellt und nur denjenigen Patienten verabreicht werden, deren genetisches Profil dazu passt. Anders gesagt: Die Zielgruppe wird kleiner und der Verwendungszweck spezieller. In manchen Fällen ist es schwierig, überhaupt genug Patienten für die klinische Erprobung zu finden.

Auch deshalb steigt die Quote der Medikamente, die es nicht bis zur Marktreife schaffen. Im Fall von Kymriah kommt hinzu, dass auch die Herstellung das Gegenteil von Massenproduktion ist: Jede Dosis wird individuell für einen bestimmten Patienten hergestellt. Das macht die Sache teuer.

Allerdings könnten die Pharmakonzerne auch anders argumentieren. Der Wunsch nach Vollkostendeckung, der hinter dem Verweis auf den Aufwand steckt, ist zwar verständlich, treibt aber nicht unbedingt Effizienz und Erfindergeist an. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, den Preis für ein iPhone oder eine S-Klasse von Mercedes mit den Herstellungskosten von Apple und Daimler zu begründen. Der Preis zeigt in diesen Fällen schlicht, was die Käufer für ein bestimmtes Produkt zu zahlen bereit sind. Was wäre nach dieser Logik ein Medikament wert, das eine schwere Krankheit heilt oder lindert?

Menschen sind gewillt, mehr Geld auszugeben als angenommen

Dazu haben Gesundheitsökonomen um den Wissenschaftler Michael Schlander vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg Daten aus 120 Einzelstudien aus allen Teilen der Welt zusammengetragen. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Für ihre Gesundheit sind die meisten Leute willens, viel mehr auszugeben als bisher angenommen.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahlungsbereitschaft für ein zusätzliches beschwerdefreies Lebensjahr bislang auf maximal das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner. Michael Schlander und seine Kollegen kommen nun auf rund das Doppelte des alten Schätzwerts. In Europa sind es demnach knapp 160.000 Euro, in den Vereinigten Staaten sogar rund 270.000 Euro, in Asien dagegen nur 43.000 Euro.

Die Zahlen zeigen zweierlei: Es ist erstens unredlich, den Arzneimittelherstellern vorzuwerfen, dass sie ihre Produkte beispielsweise in Deutschland teurer verkaufen als in Bulgarien. Solange die Wirtschaftsleistung je Einwohner zwischen den Ländern unterschiedlich ist, wäre alles andere Unsinn. Und es ist zweitens gar nicht so weit hergeholt, dass die Konzerne sechsstellige Summen für manche Medikamente verlangen. Es entspricht vielmehr den persönlichen Wertvorstellungen vieler Menschen.

Die Frage wird zur öffentlichen Angelegenheit

Allerdings stimmt das nur mit zwei wichtigen Einschränkungen. Zum einen gibt es im Gesundheitswesen, jedenfalls in Deutschland, keine direkte Kundenbeziehung zwischen den Verbrauchern und den Herstellern: Die Kaufentscheidung trifft bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln der Arzt, die Bezahlung übernimmt die Krankenkasse.

Das macht die Frage nach dem angemessenen Preis für Medikamente zu einer öffentlichen Angelegenheit. Zum anderen gelten die skizzierten Annahmen zur Zahlungsbereitschaft nur dann, wenn ein Medikament auch tatsächlich den erhofften Nutzen bringt. Von vielen Krebsmedikamenten beispielsweise weiß man, dass sie nur jedem dritten oder vierten Patienten helfen. Mangels besserer Alternativen werden sie in vielen Fällen trotzdem eingesetzt – und dann auch von den Krankenkassen bezahlt, ob sie helfen oder nicht.

Genau an diesem Punkt arbeiten sich eine Reihe von Pharmakonzernen und Gesundheitssystemen zurzeit ab. Die Konzerne wollen den Vorwurf abschütteln, viel Geld mit nutzlosen Medikamenten zu scheffeln. Die Gesundheitssysteme wiederum wollen ihre Arzneimittelausgaben im Zaum halten.

„Pay for performance“

Die Lösung könnte „pay for performance“ heißen, zu Deutsch: Bezahlung für Leistung. So nennen die Fachleute das Prinzip, nach dem Novartis für das Leukämie-Mittel Kymriah in den Vereinigten Staaten nur dann wirklich 400.000 Euro bekommt, wenn der Patient innerhalb eines Monats darauf anspricht. Sonst wird das Präparat nicht erstattet.

Die Logik dahinter ist bestechend. Es gibt sogar noch eine willkommene Nebenwirkung: Nur auf diese Weise erhalten Mediziner, Hersteller und Kassen endlich im großen Maßstab Auskunft darüber, wie ein Medikament im echten Leben wirkt. Dafür sind sie bisher auf die Studiendaten angewiesen, die vor der Zulassung und in viel geringerer Zahl erhoben werden.

Wird sich das Verfahren durchsetzen? Der Merck-Konzern aus Darmstadt experimentiert damit in Großbritannien für ein neues Medikament gegen Multiple Sklerose, Roche aus Basel bekommt in der Schweiz und in Italien für ein Krebsmittel nicht mehr eine feste Vergütung nach Milligramm, sondern je nachdem, gegen welche Krebsart es eingesetzt wird. Auch Boehringer Ingelheim testet ähnliche Vertragsmodelle.

Klar ist, dass die Abrechnung dadurch komplizierter wird. Wann genau fließt das Geld? Gibt es stufenweise Abschläge, je nach Wirksamkeit? Oder nur das Entweder-Oder-Prinzip? Noch schwieriger sind die medizinischen Fragen zu beantworten. Soll allein die Verlängerung der Lebensdauer zählen oder auch die Verbesserung der Lebensqualität?

Beim Krebs kann es sein, dass der Tumor zurückgeht, der Patient trotzdem nicht länger lebt. Hat das Medikament dann gewirkt oder nicht? Und was, wenn Patienten ein Mittel gegen den ärztlichen Rat nicht nehmen? Soll dafür der Hersteller büßen?

Trotz all dieser Einwände: Die Idee hat zu viele Vorteile, um sie abzubügeln. Deutsche Krankenkassen scheuen sich dem Vernehmen nach vor allem deshalb davor, weil sie dann damit anfangen müssten, genaue Daten über den Erfolg einer Therapie zu erheben. Das allerdings ist eher ein Argument dafür als dagegen: Höchste Zeit, diesen Anachronismus zu beenden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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