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Zweifel an offiziellen Zahlen

Chinas Wirtschaft wächst so langsam wie seit drei Jahrzehnten nicht

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
Aktualisiert am 17.01.2020
 - 05:04
Chinesische Arbeiter in einer Fabrik in der Stadt Hangzhou
Die zweitgrößte Volkswirtschaft legte vergangenes Jahr immerhin noch um 6,1 Prozent zu. Aber was sagt diese Zahl eigentlich aus, und wie verlässlich ist sie?

Chinas Chefunterhändler im Handelskrieg, der stellvertretende Ministerpräsident Liu He, hatte in Washington schon verraten, was das Pekinger Statistikamt nun an diesem Freitag bestätigt hat: Von einer Schwäche der chinesischen Wirtschaft kann keine Rede sein – zumindest, wenn man den offiziellen Zahlen folgt.

Um 6,1 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt in China im vergangenen Jahr zu. Der Wert misst nach allgemeiner Definition den Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen. Auch wenn die chinesische Wirtschaft zuletzt vor 29 Jahren so langsam gewachsen war, sind 6,1 Prozent immer noch zehnmal mehr als der Wert der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr. Die amerikanische Wirtschaft ist laut Prognosen 2019 noch nicht einmal halb so rasch gewachsen wie die Chinas.

Dass damals, 1990, die Wachstumsrate in der Volksrepublik nur 3,9 Prozent betrug, hatte vor allem mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Vorjahr und seinen geschätzt Tausenden Todesopfern zu tun. Es stürzte das Land und seine Wirtschaft für Jahre in eine tiefe Krise, in der sich auch die ausländische Wirtschaft zumindest für einen kurzen Moment vom größten Markt der Welt zurückzog.

6,1 Prozent im Jahr 2019 – das hingegen ist nicht nur deshalb ein ordentlicher Wert, weil er innerhalb der Spanne von sechs bis 6,5 Prozent liegt, die Chinas Regierung im vergangenen Frühjahr wie immer bei der Sitzung des Nationalen Volkskongresses, des Scheinparlaments, als Ziel vorgegeben hatte.

Erstaunlicher Wert

Mehr als sechs Prozent Wirtschaftswachstum sind auch deshalb erstaunlich, weil China im vergangenen Jahr unter dem Handelskrieg mit Amerika zu leiden hatte. Die Exporte etwa stiegen im Gesamtjahr im Vergleich zu 2018 mit 0,5 Prozent (in Dollar gerechnet) kaum, während sie im Vorjahr noch um rund 10 Prozent zugelegt hatten. Die Importe sanken 2019 sogar um 2,8 Prozent, was auf eine gesunkene Nachfrage im Land hindeutet.

Tatsächlich fragen sich viele Beobachter angesichts der vielen schlechten Nachrichten aus dem chinesischen Wirtschaftsleben, woher die sechs Prozent Wachstum eigentlich gekommen sein sollen. Beispiel Industrieproduktion: Sie ist im vergangenen Jahr um 5,7 Prozent gefallen und wuchs damit einen halben Punkt weniger als noch im Vorjahr. Auch die Umsätze im Einzelhandel stiegen mit acht Prozent einen ganzen Punkt weniger als noch 2018. Die Verkäufe von Autos gingen 2019 sogar um acht Prozent zurück – nachdem auch 2018 bereits einen heftigen Rückgang zu verzeichnen hatte. Schließlich sank auch noch die Zahl der in China verkauften Smartphones um fast 14 Prozent, wenngleich sich Apple über fast ein Fünftel mehr verkaufte iPhones als im Vorjahr freuen durfte.

Wer sich in China mit Unternehmern, Ökonomen oder Bankern unterhält, der hört derzeit vor allem Klagen über die schwache Wirtschaftslage. Immobilienmakler berichten, sie würden ihre teuren Wohnungen nicht los, weil die Menschen knapp an Bargeld seien. Wie also kann es sein, dass die Wirtschaft laut offizieller Statistik immer noch um 6,1 Prozent wächst?

Zweifel an offiziellen Zahlen

Ökonomen mit Erfahrung und Einblick wie der Finanzprofessor Michael Pettis von der Peking Universität sind überzeugt: Es kann nicht sein. Pettis glaubt, die wahre Wirtschaftsleistung habe um weniger als die Hälfte des offiziellen Werts zugelegt.

Vor allem stört sich Pettis daran, dass die Welt auf Chinas Wachstumsstatistik schaut, als sei diese mit der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland oder Amerika vergleichbar. Das sei eben nicht der Fall: Während das BIP etwa in Deutschland tatsächlich das messe, was „hinten rauskommt“, also die produzierten Waren und Dienstleistungen, sei das BIP in China ein Wert, der nicht den „Output“, sondern den „Input“ messe.

Indem die chinesische Führung in noch mehr neue Straßen, Eisenbahnstrecken, Brücken, Flughäfen und Bahnhöfe investiere und diese Investitionen mit Schulden bezahle, die bei ihren Staatsbanken auflaufen, könne die Regierung jeden Wachstumswert erreichen, den sie wolle, sagt Pettis. Dabei geht es noch nicht mal um reine Fälschung der Statistik. Vielmehr seien die 6,1 Prozent nicht das Ergebnis der wirtschaftlichen Aktivität innerhalb eines Jahres, sondern nur eine Beschreibung des Zielwerts, der am Anfang des Jahres von der Führung festgelegt wird.

BIP durch Schulden erreicht

Diesem Zielwert ordnen die vielen staatlichen Spieler – zum Beispiel die Lokalregierungen – alles unter und investieren, wie Pettis sagt, meist „finanziert durch Schulden“. Deshalb sei der BIP-Wert in China keine Beschreibung des Wachstums, sondern eine der „politischen Intentionen“.

Das alles wäre kein Problem, wären die Investitionen produktiv, schufen sie also einen echten Mehrwert, der den Wohlstand des Landes steigert, mit dem dann die Schulden zurückbezahlt werden können. Genau das aber sei eben in China nicht der Fall, glauben neben Pettis viele weitere Ökonomen, die Chinas Wirtschaft erforschen.

Mahnendes Beispiel Sowjetunion

Auch von der Sowjetunion waren in den 1960er Jahren viele Beobachter überzeugt, dass es trotz der vielen Schulden, die die Sowjetwirtschaft anhäufte, nur eine Frage der Zeit sei, bis sie die amerikanische an Größe überholen würde. Tatsächlich wuchs der Anteil der Sowjetunion auf fast ein Fünftel der Weltwirtschaft – ungefähr so groß wie Chinas Anteil heute. Dann kollabierte sie.

Natürlich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen dem maroden Zustand der Sowjetwirtschaft damals und China heute, das eng mit der westlichen Wirtschaft verwoben ist und in Bereichen wie der Internetindustrie und Künstlicher Intelligenz zu den weltweit führenden Akteuren zählt. Chinas Präsident Xi Jinping allerdings scheint der Vergleich nicht allzu abwegig zu sein: Das Beispiel des untergegangenen Sowjetreiches war Hauptthema seiner ersten Rede als Parteichef vor Spitzenkadern im Jahr 2012 – und wird von ihm laut Berichten bis heute hinter verschlossenen Türen immer wieder als Warnung angeführt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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