Corona-Schutz im Nahverkehr

Bus und Bahn geraten in Verruf

Von Jan Hauser
18.01.2021
, 17:54
Auf Fahrten verzichten und FFP2-Maske tragen: Im Nahverkehr soll das Corona-Risiko sinken. Die Betriebe sehen die Verkehrswende in Gefahr und warnen vor Einschränkungen.

In der Corona-Pandemie rücken Fahrten mit Bus und Bahn in den Blickpunkt als mögliche Ansteckungsorte. Zum Schutz säubern Nahverkehrsbetriebe die Fahrzeuge öfter, lüften regelmäßig und stellen Desinfektionsspender auf. Eine neue Maßnahme kommt von diesem Montag an in Bayern hinzu, die als Vorbild für die Corona-Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten am Dienstag taugen soll: Dort darf nur noch Bus und Bahn sowie Geschäfte betreten, wer mit einer FFP2-Maske Mund und Nase bedeckt.

Für den Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) ist die kurzfristigen Einführung eine Herausforderung. Das liegt nicht nur am Aufwand, um das Fahr- und Kontrollpersonal mit entsprechenden Masken auszustatten. „Wir befürchten, dass die Maßnahme das Vertrauen in Bus und Bahn weiter erschüttert – und das Thema Verkehrswende nun längerfristig von der Agenda verschwindet“, teilt der MVV mit.

Statt um eine umweltfreundliche Verkehrswende mit mehr Fahrgästen dreht sich die Mobilitätsdebatte um Corona-Schutz mit weniger Fahrgästen. So gilt der Nahverkehr als Verlierer der Pandemie-Zeit, wenn mehr Menschen Fahrrad und Auto fahren, um Kontakte zu vermeiden. Schon jetzt sorgen sich die Nahverkehrsbetriebe um ihre Finanzen, weil mit weniger Fahrgästen ihre Einnahmen sinken.

Weniger Fahrgäste – aber wie?

Wenn es nach der Politik gehen, sollen noch weniger Menschen mitfahren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach gerade davon, dass jede Busfahrt, die vermieden wird, hilft. Die sächsische Landesregierung rät dringend dazu, nur noch zwingende Fahrten im Nahverkehr zu machen. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sieht im öffentlichen Personentransport eine zu große Quelle der Ansteckungen. Für ihn ist es ein Gebot der Stunde, dass im Nahverkehr nicht so viele Leute mitfahren dürfen.

Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), warnt vor Einschränkungen für den Bahn- und Busbetrieb. „Sollte die Politik sich für ein reduziertes Angebot entscheiden, darf dieses nicht zu sehr ausgedünnt werden, damit Fahrgäste weiterhin so gut es geht Abstand halten können und mit vertretbaren Reisezeiten an ihr Ziel gelangen“, sagt er der F.A.Z.

Definitiv sind für ihn Zugangsbeschränkungen wie im Einzelhandel nicht umsetzbar. Eine maximale Personenanzahl je Fahrzeug wäre weder vom Fahrpersonal kontrollierbar, noch würde es für weniger Kontakte sorgen, weil sich die Menschen dann an den Haltestellen ballen würden. Die Gewerkschaft Verdi spricht sogar davon, dass es auf hochfrequentierten Linien zu chaotischen Zuständen kommen könne, wenn Fahrer Fahrgäste abweisen müssten.

Pfleger und Ärzte fahren auch Bahn

Gerade Mitarbeiter aus systemrelevanten Branchen wie dem Gesundheitswesen müssten weiter zur Arbeit kommen und dürften nicht auf Bus und Bahn verzichten müssten. Daher spricht Ringat ebenso vom öffentliche Nahverkehr als systemrelevant.„Pflegekräfte, Polizisten, Ärzte und viele andere Menschen in systemrelevanten Berufen können nicht einfach ins Homeoffice wechseln – sie sind darauf angewiesen, dass sie weiterhin zur Arbeit kommen und das im Zweifel auch mit Bus und Bahn“, sagte er.

In den Städten sind in Bussen und Bahnen längst weniger Menschen als ein Jahr zuvor unterwegs, aber bisher immer noch mehr als zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr. Viele Menschen ohne Homeoffice brauchen weiter Straßenbahn oder S-Bahn für den Weg zur Arbeit. Der MVV spricht davon, dass in München 40 Prozent der Haushalte kein Auto haben und ohne Bus und Bahn „lahmgelegt“ wären.

Wie lässt sich so die Zahl der Fahrgäste weiter reduzieren? Darüber wird Kretschmer mit Merkel und seinen Kollegen am Dienstagnachmittag beraten. Im Raum steht dabei neben einer FFP2-Maskenpflicht, auch die Fahrten im Nahverkehr zu reduzieren. Vorbild könnte zudem Spanien sein, in deren Nahverkehr geschwiegen oder leise gesprochen werden soll, um das Ansteckungsrisiko zu senken.

Ein Risiko erkennt der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) darin, dass die FFP2-Masken für einen wirksamen Schutz auch gewechselt werden müssen. Doch gesichert ist der Einsatz frischer Masken eben nicht. „Neben der Beschaffung, der Verteilung, der Kosten sehen wir auch hierin ein weiteres Risiko, auch weil es nicht kontrolliert werden kann“, teilt der VRR mit. Dazu berichtet der Verkehrsverbund davon, dass sie in Nordrhein-Westfalen darauf vorbereitet seien, falls es zu Einschränkungen geben sollte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hauser, Jan
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot