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Auf der Straße

Von TOBIAS BUG und DANIEL PILAR (Fotos)

06.02.2018 · Für Obdachlose wie Herbert sind die Wintermonate die härteste Zeit. Jetzt kommt es in einer Stadt wie Hamburg auf die Hilfen an. Aber zunehmend kämpft er um Platz und Ressourcen.

E s ist dunkel und bitterkalt, im Hintergrund läuft leise Radiomusik. Herbert, wie er in dieser Geschichte heißen soll, ein Obdachloser, steht unter dem Vordach des Gemeindehauses und raucht. Über ihm thront der altehrwürdige Michel, die Hauptkirche Sankt Michaelis in der Hamburger Neustadt. Die Kapuze seiner bunten Winterjacke hat Herbert weit in das von tiefen Falten durchzogene Gesicht gezogen, dazu trägt er dunkle Jeans und schwarze Stiefel. An der Wand hinter ihm lehnt sein gesamtes Hab und Gut: ein metallener Trolley mit Isomatte und Schlafsack, ein Rucksack und eine Plastiktüte.

In einigen Metern Entfernung leuchten rote Kerzen. Daneben liegen ein paar Blumen und eine Zigarette. Auf ein Pappschild hat jemand „R. I. P. Biggi“ geschrieben. Biggi hat jede Nacht hier geschlafen. Bis sie eines Morgens leblos in ihrem Schlafsack aufgefunden wurde. Sie ist die dritte Obdachlose seit Ende Oktober, die der Kälte zum Opfer gefallen ist. Ende November kam ein vierter hinzu. Seit 2009 hat sich die Zahl der Wohnungslosen auf Hamburgs Straßen verdoppelt – von eintausend auf zweitausend.


„Jetzt kommt das Spannendste: der Wetterbericht“
Herbert, Obdachloser

Jeden Tag unterwegs – bei schlechtem Wetter wird das zu einer Herausforderung.

Um die Frage, wer die Verantwortung trägt und wie die richtige Hilfe für Menschen auf der Straße aussieht, tobt in der Stadt ein Streit. Die Fronten zwischen Sozialbehörde, Sozialarbeitern der Wohlfahrtsverbände und privaten Hilfsorganisationen sind verhärtet. Und das, obwohl eigentlich alle dasselbe Ziel verfolgen: die Unterstützung obdachloser Menschen.

„Jetzt kommt das Spannendste: der Wetterbericht“, sagt Herbert in breitem Hamburger Missingsch und lauscht. „Gute Nachrichten! Es gibt Nieselregen.“ Seufzend streift er seine Handschuhe über und greift nach dem Trolley, der Tüte, dem Rucksack. Vorbei an der Sankt-Michaeliskirche macht er sich mit langsamen Schritten auf den Weg. Dieser führt ihn durch einen luxuriösen Wohnblock. „Da ist nur Müll drin.“ Herbert ist vor einem Mülleimer stehen geblieben. Die Glasflaschen auf dem Boden nimmt er nicht mit – zu schwer. Plastik hätte er eingepackt.


„Eine große Herausforderung für uns Obdachlose ist der Transport unserer Schlafsachen.“
Herbert, Obdachloser

Nach einer knappen halben Stunde Fußmarsch erreicht er den Park Planten un Blomen im Norden St. Paulis. „Eine große Herausforderung für uns Obdachlose ist der Transport unserer Schlafsachen.“ Damit er seine Sachen nicht den ganzen Tag mit sich herumtragen muss, hat er glücklicherweise einen Verschlag gefunden, in dem er sie verschließen kann. „Mein Glücksgriff von gestern Abend: eine Bierdose, fünfundzwanzig Cent!“ Er stellt sie in den Verschlag und schließt das Vorhängeschloss. Dann bückt er sich über ein Gebüsch und putzt sich die Zähne, in der freien Hand eine Wasserflasche.

Herberts nächste Station führt ihn ins Zentrum St. Paulis. Früher wohnten hier, in dem wohl schillerndsten Stadtteil Hamburgs, arme Hafenarbeiter. Heute ist St. Pauli ein Kulturhotspot und für sein Vergnügungsviertel entlang der Reeperbahn bekannt. Direkt gegenüber vom Millerntorstadion steht das Haus Betlehem. Dort gibt es jeden Morgen kostenlos Frühstück, zuvor können sich die Bedürftigen schon etwas aufwärmen. Das Haus Betlehem wird von der katholischen Gemeinde St. Wilhelm getragen und von privaten Spendern finanziell unterstützt. Zu seiner Gründung vor knapp dreißig Jahren schickte Mutter Teresa vier ihrer Schwestern nach Hamburg. Mittlerweile versorgen fünf Schwestern und einige ehrenamtliche Helfer Obdachlose, vereinzelt aber auch Arbeitslose, mit Essen.

„Mein Glücksgriff von gestern Abend: eine Bierdose, fünfundzwanzig Cent!“

Bis das Haus Betlehem an diesem Morgen öffnet, ist es noch eine halbe Stunde. Herbert dreht sich die fünfte Zigarette des Tages – ohne Filter. „Wenn ich die mit Filter drehe, werden die einfach nichts.“ Ein älterer Herr kommt um die Ecke. Herbert begrüßt ihn: „Was machst du denn schon wieder hier, du altes Sackgesicht? Vor dir ist man nirgends sicher.“ Die beiden Männer lachen. Dann öffnet eine Schwester die Tür, und Herbert tritt ein. Er setzt sich an seinen „Stammplatz“ am Fenster, nimmt seine Kapuze ab und seine Mütze, zieht einen Kamm heraus, kämmt seine kurzen weißen Haare zur Seite und setzt die Mütze wieder auf. Dann frühstückt er.

Nach dem Essen macht sich Herbert auf den Weg zurück zum Planten un Blomen, immer mit offenen Augen für leere Flaschen. „Ich arbeite als Pfandsammler.“ Den „Stundenlohn“ fleißiger Sammler schätzt ein ehrenamtlicher Helfer einer Anlaufstelle für Obdachlose, selbst Flaschensammler, unter der Woche auf ein bis zwei Euro. Am Wochenende könne man mit acht bis zehn Euro rechnen. In der warmen Jahreszeit sei die Arbeit ergiebiger. Da die meisten Pfandsammler ihre Flaschen nicht lagern könnten, müssten sie ihre vollen Tüten sofort in den Supermarkt bringen. Das fresse viel Zeit.

Herbert bettelt nicht. Er könnte damit auf dem unter Touristen beliebten Kiez in St. Pauli Schätzungen des Ehrenamtlichen zufolge zwanzig bis dreißig Euro an einem ganzen Wochentag verdienen. An einem Samstag oder Sonntag sechzig bis achtzig Euro. Die Spenden variierten nach dem Standort – hat man einen Hund dabei, bekomme man mehr. In der Weihnachtszeit seien die Passanten am spendabelsten.


„Sozialarbeiter können auch keine Wunder bewirken. Letztendlich müsste ich selbst meinen Arsch bewegen“
Herbert, Obdachloser

Die Suche nach Pfandflaschen ist für Herbert ein Ersatz für seinen früheren Beruf. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Ausbildung im Finanzamt. Dort war er dreißig Jahre lang angestellt – bis er kündigte. „Ich hatte die Schnauze voll! Ich habe festgestellt: Wenn Beamte krank sind, dauert das immer länger, bis sie wiederkommen.“ Er fand, dass seine Kollegen es ausnutzten, dass sie bei Dienstunfähigkeit drei Monate lang ihre Dienstbezüge bekämen. Weil er selten fehlte, wurde er sogar von der Chefin gelobt – trotzdem habe er „keine Lust mehr“ gehabt.

Anschließend war er arbeitslos, bezog Hartz IV. Nach dreieinhalb Jahren konnte er keine Weiterbildung oder Bewerbungsrunde mehr sehen. Er hörte auf, sich zu kümmern – schnell war die Wohnung weg und das Geld. Das ist drei Jahre her. Seitdem lebt der siebenundfünfzig Jahre alte Mann auf der Straße. Für Notunterkünfte interessiert er sich nicht. „Sozialarbeiter können auch keine Wunder bewirken. Letztendlich müsste ich selbst meinen Arsch bewegen“, sagt er.

D ie Welt, in der Herbert lebt, war schon immer ungemütlich. Aber in den letzten Jahren ist sie noch ungemütlicher geworden. Bewohnten früher vor allem Einheimische die Straßen, gibt es dort immer mehr Menschen aus Osteuropa, die mit den Einheimischen um die wenigen Brotkrumen kämpfen. Die Lage für Obdachlose habe sich deutlich verschlechtert, sagt Johan Graßhoff, Sozialarbeiter beim Diakonischen Werk. Sie würden immer jünger, immer mehr Frauen, immer mehr Zuwanderer lebten auf der Straße. Die Gesamtzahl habe sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. „Obdachlosigkeit wird immer sichtbarer, die Menschen immer verwahrloster. Wir sehen hier wieder eine absolute Armut, die wir eigentlich schon hinter uns gelassen hatten.“ Trotzdem schaffe die Stadt zu wenige Unterkünfte, zu wenig bezahlbaren Wohnraum.

Der Tag des Obdachlosen ist genau durchgetaktet.

Das sehen die Verantwortlichen natürlich anders. „Hamburg ist gut aufgestellt und zeigt großes Engagement in der Obdachlosenhilfe. Wir haben hier für alles eine Lösung“, sagt ein Sprecher der Sozialbehörde. Unter Melanie Leonhard (SPD), der Sozialsenatorin, seien die Kapazitäten der Notunterkünfte nie voll ausgeschöpft worden. Gleichzeitig konnte die Bettenanzahl im Winternotprogramm fast halbiert werden. Denn die Vermittlung der Obdachlosen in Wohnunterkünfte und eigene Wohnungen funktioniere.

Die Zahl der Obdachlosen steigt trotzdem. Das liegt vor allem an der Zuwanderung aus Osteuropa. Seit 2009 ist die Zahl der Obdachlosen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in Hamburg um mehr als das Dreifache gestiegen, während die Zahl der deutschen Obdachlosen nun dreißig Prozent niedriger ist. Grund dafür ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU. Alle EU-Bürger dürfen sich in einem anderen EU-Land Arbeit suchen, dort ohne Arbeitserlaubnis arbeiten und zu diesem Zweck dort wohnen. Fast zwei Drittel der Wohnungslosen kommen aus dem Ausland – siebzig Prozent davon aus den Ländern Osteuropas, des Baltikums und des Balkans. Es ist ein Verteilungskonflikt entstanden: um Unterkünfte, Nahrung, Pfandflaschen auf der Straße, Verschläge zum Einschließen von Schlafsachen.


„Obdachlosigkeit wird immer sichtbarer, die Menschen immer verwahrloster. Wir sehen hier wieder eine absolute Armut, die wir eigentlich schon hinter uns gelassen hatten.“
Johan Graßhoff, Sozialarbeiter beim Diakonischen Werk

Die Zuwanderung prägt das Hamburger Stadtbild. In der Stadt sieht man an fast jeder Straßenecke einen Straßenverkäufer von „Hinz & Kunzt“, dem auflagenstärksten Straßenmagazin Deutschlands. Früher wurde es von alten, bärtigen Hamburgern verkauft, heute bieten es viele Osteuropäer an. Knapp zweihundert der fünfhundertfünfzig Straßenverkäufer kommen aus Osteuropa, mehr wollen sie bei „Hinz & Kunzt“ erst einmal nicht beschäftigen.

Ganz überwiegend sind Zuwanderer in Hamburg auf der Suche nach Arbeit. Als Ungelernte haben sie aber geringe Chancen. Hamburg habe keinen Arbeitsmarkt für Hilfskräfte. Es werden vor allem Fachkräfte gebraucht. Nur ein geringer Teil der Zuwanderer erwirbt in Hamburg durch eine angetretene Arbeitsstelle Leistungsansprüche und hat somit Anspruch auf Sozialleistungen und staatliche Unterbringung. Der deutlich größere Teil lebe ohne gesicherte Perspektiven auf der Straße. „Plata“, die Hamburger Anlaufstelle für EU-Bürger, berät sie. Sozialarbeiter Graßhoff bemängelt, dass dort neben der Beratung die Rückführung ins Heimatland im Vordergrund stehe. Er beklagt auch, dass vor allem junge Menschen mit Ambitionen in die Stadt kämen, die auf der langen Suche nach Arbeit und Wohnung rasch schwänden. In seinen Augen bekommen sie nicht genug Unterstützung.

Der Konflikt zwischen Stadt und kirchlicher Sozialarbeit schadet denjenigen am meisten, denen die Konfliktparteien eigentlich helfen sollen: Obdachlosen wie Herbert. Der geht nach seiner vormittäglichen Runde durch den Park zum Essen ins „Cafée mit Herz“. Dort, auf dem Gelände des alten Hafenkrankenhauses in St. Pauli, gibt es Frühstück und mittags ein warmes Mahl samt Salat und Nachspeise. Am Tresen holt sich Herbert sein Mittagessen und setzt sich zu den anderen Obdachlosen an einen der Tische. Er hat hier viele Freunde gefunden. Deshalb fühlt er sich auf der Straße nicht so einsam. Das Miteinander hilft ihm, seine Sorgen nicht im Alkohol zu ertränken – wie viele andere Obdachlose. „Ich habe keine Lust, jeden Abend volltrunken herumzulaufen“, sagt Herbert.

Von 14 Uhr an gibt es im „Cafée mit Herz“ ein kostenloses Mittagessen.

Früher hat sich Herbert noch oft alleine gefühlt. „Ich war als Kind schon früh auf mich alleine gestellt. Meine Eltern waren beide gehörlos. Wir haben in verschiedenen Welten gelebt.“ Nach seinem Auszug von zu Hause brach der Kontakt zu den Eltern schnell ab. Von dem Tod seiner Mutter erfuhr er erst Monate später über eine Tante. Ob sein Vater noch am Leben ist, weiß er nicht. Bevor Herbert obdachlos wurde, hat er über zwanzig Jahre lang alleine in einer Wohnung in Horn gewohnt. Verheiratet war er nie, Kinder hat er keine. Sein Ziel, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben, hat er fast aus den Augen verloren: „Die Hoffnung ist ganz gering.“


„Ich war als Kind schon früh auf mich alleine gestellt. Meine Eltern waren beide gehörlos. Wir haben in verschiedenen Welten gelebt.“
Herbert, Obdachloser

Im „Cafée mit Herz“ ist Herbert fast jeden Tag. Er kann sich dort duschen, in der Kleiderkammer bekommt er Klamotten und Schlafsäcke. In regelmäßigen Abständen ist ein Friseur im Haus, auch ein Angebot zur Fußpflege gibt es. Eine Sozialarbeiterin hilft bei der Wohnungssuche. In einem kleinen Arztzimmer, der „studentischen Poliklinik Hamburg“, kümmern sich Allgemeinmediziner und Studenten um die medizinische Versorgung.

„Wir bieten hier die gesamte Basisversorgung. Das ,Cafée mit Herz' ist eine Wellnessoase für Obdachlose, in der sie Wertschätzung und Respekt erfahren“, sagt Margot Glunz. Sie leitete über zwölf Jahre lang die Geschäfte des eingetragenen Vereins, bevor sie Ende 2018 in den Ruhestand ging. Ihr Projekt finanziert seinen Jahresetat von dreihunderttausend Euro aus Spenden. Das Essen kommt von der Hamburger Tafel und Kantinen größerer Unternehmen und Hotels.

Herbert hat den ganzen Nachmittag im „Cafée mit Herz“ verbracht. Am frühen Abend läuft er zurück in den Park. Dort setzt er sich auf eine Bank. Die bittere Kälte scheint ihm wenig auszumachen. Er dreht sich eine Zigarette und zündet sie an. Der „Kältebus“ des katholischen Bonifatiuswerks verteilt heiße Getränke, Isomatten und Schlafsäcke an Obdachlose und fährt sie bei Bedarf in Unterkünfte.

Schlafquartier unter dem Vordach des Gemeindehauses, egal bei welchem Wetter

Langfristig wird die Obdachlosigkeit in Hamburg nur in den Griff zu bekommen sein, wenn alle Beteiligten ihre Streitigkeiten beiseitelegen. Sozialarbeiter Graßhoff fordert ein Umdenken in der Gesellschaft, in der Obdachlose für ihre prekäre Lage verantwortlich gemacht würden. Zudem wünscht er sich, dass sie selbst begännen, offen über ihre Situation zu sprechen und Forderungen zu stellen.

Als Herbert aufgeraucht hat, öffnet er seinen Verschlag und holt den Trolley samt Isomatte und Schlafsack, seinen Rucksack und die Plastiktüte heraus. Dann macht er sich vollbepackt auf den Weg zurück zu seinem Schlafplatz an der Sankt-Michaelis-Kirche. Im Winternotprogramm war er noch nie. „Aus Erzählungen weiß ich, dass da geklaut, getrunken und sich geschlagen wird.“ Am Michel angekommen, fährt gegen einundzwanzig Uhr ein Bus vor. Der „Mitternachtsbus“ der Diakonie verteilt heiße Getränke und belegte Brötchen an die Obdachlosen.

Herbert kippt den letzten Schluck Tee herunter. Unter dem Vordach des Gemeindehauses breitet er seine Isomatte aus, wickelt sich in seinen Schlafsack und schläft ein. Durch das Dunkel der Nacht weht ein eisiger Wind.

Quelle: F.A.Z.