Minus 0,1 Prozent

Die Inflationsrate in Deutschland wird negativ

Von Christian Siedenbiedel
Aktualisiert am 30.07.2020
 - 14:43
Verschiedene Lebensmittel liegen in einem Supermarkt in einem Einkaufswagen.
Die Verbraucherpreise werden von der Mehrwertsteuersenkung gedrückt, nur Nahrungsmittel sind außergewöhnlich teuer. Ökonomen berechnen daraus: Gut die Hälfte der Steuersenkung sei von den Unternehmen an die Verbraucher weitergegeben worden.

Die Inflationsrate in Deutschland ist nach vorläufigen Zahlen im Juli negativ geworden. Wie das Statistische Bundesamt auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte, sanken die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 0,1 Prozent. Die Inflationsrate sei unter anderem durch die seit 1. Juli 2020 geltende Mehrwertsteuersenkung beeinflusst, teilte das Amt weiter mit. Zuletzt war die monatliche Inflationsrate in Deutschland im April 2016 negativ gewesen.

Aus den detaillierten Inflationszahlen der Bundesländer geht hervor, dass Heizöl und Kraftstoffe im Vergleich zum Vorjahr billiger wurden. Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse, aber auch Fleisch wurden teurer. Aber auch die Preise für Bekleidung gaben offenbar nach. Im Vorfeld war über eine mögliche Rabattschlacht im deutschen Bekleidungseinzelhandel als Folge der Corona-Krise spekuliert worden. Nach dem Ende des Lockdowns hatte viele Bekleidungsgeschäfte mit deutlichen Rabatten um 30, 50 oder auch 70 Prozent geworben.

Unvollständige Weitergabe der Steuersenkung

Um der deutschen Wirtschaft in der Corona-Krise neuen Schub zu geben, hatte der Bundesgesetzgeber die Mehrwertsteuer befristet von Anfang Juli bis zum Ende des Jahres gesenkt. Händlern und Dienstleistern steht es frei, ob und wie sie die niedrigere Mehrwertsteuer an die Verbraucher weitergeben.

Wie stark das passiert ist, darüber gibt es bislang nur Schätzungen. Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg, hat anhand der Inflationszahlen für Nordrhein-Westfalen überschlagen, dass offenbar tatsächlich etwas mehr als die Hälfte der Mehrwertsteuersenkung weitergeben worden sei. „Ein Blick auf die Detailzahlen aus NRW legt nahe, dass der Effekt auf die Inflationsrate wie erwartet bei gut einem Prozentpunkt gelegen hat“, sagte Schmieding der F.A.Z. „Abschließend lässt sich das auf der Basis der vorliegenden Daten natürlich noch nicht beurteilen.“ Bei voller Weitergabe an die Kunden hätte der Mehrwertsteuereffekt wohl rund 2 Prozentpunkte ausgemacht.

Auch die Commerzbank kommt auf einen Effekt auf die Inflation durch die Mehrwertsteuersenkung von ungefähr einem Prozentpunkt, allerdings eher knapp. „Die offenbar unvollständige Weitergabe der Mehrwertsteuersenkung ist wirtschaftlich kein Problem. Denn sie stützt die Gewinne der Unternehmen, die wegen Corona unter die Räder geraten sind“, meinte Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank.

Teuerungsrate für Nahrungsmittel außergewöhnlich hoch

Mittlerweile hat ein erheblicher Teil der Länder der Eurozone negative monatliche Inflationsraten. Nach Auskunft der Europäische Zentralbank waren es im Juni neun, im Mai waren es sogar zwölf Staaten gewesen. Das waren im Juni Zypern, Estland, Griechenland, Irland, Italien Lettland, Luxemburg, Slowenien und Spanien, im Mai zusätzlich auch noch Belgien, Finnland, Portugal.

Ausführlich hat sich die EZB auch mit dem Anstieg der Nahrungsmittelpreise in der Eurozone zu Beginn der Corona-Krise beschäftigt. In ihrem monatlichen Wirtschaftsbericht schreibt die Notenbank, dieser sei nur mit der Phase der Euro-Einführung zu vergleichen gewesen. In dieser Phase hatte die europäische Gemeinschaftswährung den Spitznamen „Teuro“ bekommen, weil manche Produkte des täglichen Lebens und in der Gastronomie kräftig teurer wurden.

Mit 1,1 Prozent sei die monatliche Teuerungsrate für Nahrungsmittel jetzt im April außergewöhnlich hoch gewesen, so die EZB. „Abgesehen von einigen vorübergehenden Spitzen infolge der Erhöhung indirekter Steuern ist eine derartige Änderungsrate seit 1999 so gut wie nie beobachtet worden“, schreiben die Autoren. Der einzige ähnlich deutliche Anstieg sei im Januar 2002 zum Zeitpunkt der Euro-Bargeldumstellung erfolgt.

Detaillierter als auf Bundesebene wurden die Preisveränderungen zum Teil auf der Ebene der Bundesländer veröffentlicht. In Hessen ist die Inflation demnach im Juli um 0,1 Prozent zurückgegangen. Für Energie mussten die Verbraucher im Juli um 7,9 Prozent weniger zahlen als noch im selben Monat des Vorjahres. Insbesondere Heizöl (minus 31,7) und Kraftstoffe (minus 14,4) waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes deutlich günstiger. Ohne Berücksichtigung der gesamten Energie hätte die Inflationsrate im Juli 2020 in Hessen bei 0,8 Prozent gelegen. Die Kosten für Nahrungsmittel legten dagegen im Jahresvergleich um 0,8 Prozent zu. Teurer seien vor allem Obst (plus 6,1) sowie Fleisch und Fleischwaren (plus 4,8) gewesen. Auch für Wohnungsmieten musste im Vergleich zum Juli 2019 mehr bezahlt werden (plus 1,7 Prozent).

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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