Ab nach Deutschland

¡Adiós, ingenieros!

Von Sven Astheimer
11.11.2011
, 14:14
Blick in eine unsichere Zukunft: Viele junge Spanier sind arbeitslos.
Spanien ist vom „efecto Merkel“ infiziert: Junge Leute fliehen vor der hohen Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat und folgen der Einladung der Kanzlerin nach Deutschland.
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María Fe Escribano Talaya ist um 5 Uhr aufgestanden. Zwei Stunden braucht der Bus, der die 25 Jahre alte Frau aus Albacete im Südosten Spaniens in die 200 Kilometer entfernte Landeshauptstadt Madrid bringt. Um kurz vor neun steht sie aufgeregt in mitten vieler anderer Bewerber vor dem schmucklosen Betonbau in der Calle de Costa Rica, wo gleich eine Begegnung stattfindet, die ihr weiteres Leben gehörig verändern könnte. „Kartoffeln“ und „Danke“ - immerhin zwei Worte für eine mögliche Zukunft in Deutschland bringe sie schon mit, sagt sie. Ihr Lachen lockert die Situation auf.

Drinnen wartet Conny Zitelli. Sie sucht Leute wie María Fe: jung, aufgeschlossen - und Ingenieurin. Zitelli arbeitet für die Hamburger Niederlassung des französischen Ingenieurdienstleisters Alten. Als Spezialist für Klima- und Abwassersysteme in Flugzeugen eng mit Airbus verbunden, braucht Alten ständig hochqualifiziertes Personal. Doch das ist immer schwieriger zu finden. Kamen früher die meisten Neueinstellungen aus dem norddeutschen Raum, erstreckt sich die Suche heute über ganz Deutschland bis ins europäische Ausland. Deshalb ist sie in Madrid. Stolze 35 Bewerberinterviews haben Zitelli und ihre Kollegin angesetzt. Scherzhaft ist von „Speeddating“ die Rede. Den Anfang macht María Fe.

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Erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt

Nach einer halben Stunde verlässt die junge Frau das Gebäude wieder. Angenehm seien die Gespräche verlaufen - aber ob es reicht, könne sie nicht einschätzen. Im Sommer hat sie ihr IT-Studium abgeschlossen, nun sucht sie „eine herausfordernde und spannende Arbeit“, aber die sei momentan in Spanien kaum zu finden. „Und das wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben“, sagt sie und begibt sich auf den Heimweg. Für María Fe ist die Veranstaltung beendet. Für Conny Zitelli hat sie gerade erst begonnen.

Viele junge Spanier entdecken gerade ihr Herz für Deutschland und vor allem für seinen Arbeitsmarkt. „El efecto Merkel“ hat die Öffentlichkeit die neue Bewegung getauft. Während eines Madridbesuches im Februar betrieb die Bundeskanzlerin Standortmarketing der besonderen Art. Qualifizierte junge Leute würden am deutschen Arbeitsmarkt mit offenen Armen empfangen, lautete ihre Botschaft. Während die Willkommenskultur des Kanzleramtes in der Heimat angesichts von Euro- und Staatsschuldenkrise nahezu ignoriert wurde, fiel das Echo in Spanien riesig aus. Kein Wunder, sind die Iberer mit 48 Prozent doch Europas trauriger Spitzenreiter in Sachen Jugendarbeitslosigkeit. Das Ende des Immobilienbooms und der Niedergang der Bauwirtschaft haben jungen Leute den Zugang zum Arbeitsmarkt nochmals erschwert.

Das Ende des Immobilienbooms und der Niedergang der Bauwirtschaft haben jungen Leute den Zugang zum Arbeitsmarkt nochmals erschwert. Ein Teil der Frustrationen entlud sich in Demonstrationen
Das Ende des Immobilienbooms und der Niedergang der Bauwirtschaft haben jungen Leute den Zugang zum Arbeitsmarkt nochmals erschwert. Ein Teil der Frustrationen entlud sich in Demonstrationen Bild: AFP

Ein Teil der Frustrationen entlud sich in Demonstrationen etwa auf der Puerta del Sol im Herzen Madrids und natürlich steht der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit im Mittelpunkt vieler Reden der Kandidaten für die Parlamentswahl am 20. November. Doch wo die Wirtschaft darniederliegt, kann Politik wenig ausrichten. Hilfe von außerhalb kommt da nicht ungelegen. Deshalb dürfen die Annäherungsversuche zwischen spanischen Jungingenieuren und deutschen Arbeitgebern auch in den Räumen des Arbeitsministeriums stattfinden.

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„Wir werden immer nur nach Absprache mit unseren Partnern tätig“, sagt Gerald Schomann von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, die zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Auf nationale Befindlichkeiten werde stets Rücksicht genommen. Die Behörde ist mit ihren Schwesterorganisationen in den übrigen EU-Staaten über ein Netzwerk namens Eures verbunden. „Wir haben alle die selbe Ethik“, sagt Schomann, „wir wollen Bewerber und Arbeitgeber in Europa zu fairen Bedingungen zusammen bringen.“ Eures sei beileibe keine Einbahnstraße. Schon in den neunziger Jahren habe Deutschland mit dem Programm „Ärzte für Norwegen“ Mediziner nach Skandinavien exportiert. Im vergangenen Jahrzehnt warben dann Dänen oder Iren um die Gunst deutscher Fachkräfte, die angesichts von mehr als 5Millionen Arbeitslosen neue Perspektiven suchten. Viele wurden auch in die Schweiz oder nach Österreich vermittelt. Nun sei eben Deutschland als Zielland wieder attraktiv. Im Juli war über die Eures-Kanäle schon ein „sprunghafter Anstieg“ spanischer Bewerber zu verzeichnen. Zusammen mit den spanischen Kollegen machte sich Schomanns Team an die Planung der Kontaktbörse. Stellenausschreibungen deutscher Unternehmen mussten mit den Profilen spanischer Kandidaten abgeglichen werden. Rund Hundert Männer und Frauen wurden schließlich herausgefiltert.

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„Deutschland ist ein Traumland für Ingenieure“

Meistens handelt es sich wie bei Enrique um Berufsanfänger. Der 24 Jahre alte, groß gewachsene Südspanier hat erst vor wenigen Monaten sein E-Technikstudium abgeschlossen. Sein Ziel ist die deutsche Autoindustrie, erzählt er, als er den Gesprächsraum verlässt. „Mein Traum ist es, Steuergeräte für einen großen Hersteller wie BMW oder Mercedes zu entwickeln“, sagt er unbekümmert. Mit dem Wunschland hat er selbst noch keine Erfahrungen gemacht. Aber Freunde haben ihm nach Praktika in Deutschland von dem tollen Arbeitsumfeld vorgeschwärmt, erzählt er in fließendem Englisch. Vor drei Wochen hat er deshalb einen Deutschkurs begonnen, den seine Eltern zahlen. Die Familie, deren Zusammenhalt in Spanien immer noch hoch gehalten wird, unterstützt seine Auswanderungspläne ebenso wie seine Freunde. „Viele haben schon angekündigt, dass sie mich besuchen wollen.“

Schwieriger gestaltet sich die Kandidatensuche, wenn von Arbeitgeberseite Berufserfahrung und Spezialkenntnisse gefragt sind. Beides bringt Juan Ramiro mit, 36 Jahre alt, und zuletzt spezialisiert auf Schienenfahrzeugtechnik. Der Mann aus Granada hat schon in England gearbeitet und für einen Zulieferer von Ford in Köln. Im Mai verlor er seine Stelle in einem Unternehmen in Andalusien, bekam eine ordentliche Abfindung. Seine Entscheidung war schnell gefallen: Ramiros Zukunft und die seiner Familie liegen nicht in Spanien. „Deutschland ist ein Traumland für Ingenieure“, sagt er überzeugt. Noch im selben Monat begann er einen Sprachkurs in Dresden und Münster. Ein halbes Jahr später kann er sich schon gut auf Deutsch unterhalten. „Ich habe zwei Kinder, der Druck ist groß.“ Ein zwischenzeitliches Angebot aus Spanien lehnte er jedoch ab - keine Perspektive. Obwohl er seine Arbeit jeden Tag vermisse, sagt Ramiro, vor allem das Gefühl, gebraucht zu werden. „Früher musste ich zweimal am Tag mein Handy aufladen, heute reicht es für drei Tage“, sagt er und hält das Gerät demonstrativ in die Höhe.

Quelle: F.A.Z.
Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sven Astheimer
Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
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