BASF-Vorstandsvorsitzender Bock

Mit aller Konsequenz

Von Bernd Freytag
17.01.2012
, 15:04
Kurt Bock
Der BASF-Vorstandsvorsitzende Kurt Bock beendet die Gentechnik-Forschung in Deutschland. Jetzt kann jeder den Unterschied zu seinem Vorgänger Jürgen Hambrecht sehen: Bock wird nicht versuchen, die Welt zu ändern, er ändert die Unternehmensstrategie.

Kurt Bock ist kein Besessener. Er argumentiert nicht leidenschaftlich wie Jürgen Hambrecht, sein Vorgänger an der Spitze des weltgrößten Chemiekonzerns BASF. Bock ist kein Prediger, der seine Gegner immer wieder versucht zu überzeugen, der sie anfleht, um sie von ihren vermeintlichen oder tatsächlichen Irrwegen abzubringen. Bock dehnt die Vorwarnzeit nicht über alle Maßen aus. Er analysiert, bespricht und zieht dann seine Konsequenz. In der Welt der Politik, in die sich seine Vorgänger hineinbewegt hatten, hört der Kampf für die eigene Überzeugung niemals auf. Das ist aber nicht die Welt von Kurt Bock. Er muss keine Staaten regieren, sondern einen Konzern.

Die grüne Gentechnik hat in Europa keine Chance, und das ist seine Antwort: Bock verlagert die Forschung nach Amerika, die Entwicklung am Forschungszentrum Limburgerhof in der Nähe des Konzernsitzes Ludwigshafen wird gestoppt. Die Zulassung der Genkartoffel Amflora hatte sich in Europa über viele Jahre hingezogen, die Akzeptanz der Gentechnik ist in dieser Zeit keinen Deut gewachsen. Die Finanzmärkte interessieren sich nicht für diese Debatte, außerhalb Europas brummt das Geschäft - damit waren für den Analytiker Bock alle Variablen für eine Entscheidung gegeben.

Ein Kind der Globalisierung

Bock, der den Konzern seit vergangenem Frühjahr führt, hat damit seine Leitplanken mehr eingerammt als gesetzt. Jeder kann jetzt sehen: Er geht einen anderen Weg als seine Vorgänger. Eine Debatte jedenfalls wie unter Jürgen Hambrecht, der die Bundeskanzlerin für den Empfang des Dalai Lama kritisierte (weil damit das Regime in China vor den Kopf gestoßen werde), der sich stark machte für Russland als Partner und der einen leidenschaftlichen Kampf gegen die schnelle Energiewende führte - das alles wird es unter Bock nicht geben. Er wird nicht versuchen, die Welt zu ändern, er ändert die Unternehmensstrategie. Bei aller Kontinuität, die die BASF-Führung für sich in Anspruch nimmt: der Wandel ist groß.

Kurt Bock ist ein Kind der Globalisierung, kein Strippenzieher der alten Deutschland AG. Bock hat als Finanzchef des Konzerns lange in Amerika gelebt, das hat ihn geprägt. Er kennt vor allem die Geldgeber und weiß, was er ihnen schuldig ist. Dabei kritisiert er durchaus süffisant die Auswüchse des Finanzsystems: etwa wenn er sagt, dass es Privatleuten zu Recht verboten sei, eine Unfallversicherung auf das Haus ihrer Nachbarn abzuschließen - solche Produkte aber im Wirtschaftleben gang und gebe seien. Wer Bock danach fragt, bekommt auch mal ein „So was braucht man nicht“ als Antwort. Bock wird deswegen aber nicht in Berlin oder Brüssel anrufen, damit sich etwas ändert. Er hat als Finanzchef die Finanzierung über die Anleihemärkte ausgedehnt und die Bankenabhängigkeit verringert - das ist seine Antwort.

Erst der zweite Nicht-Chemiker

Bock ist nach Strube erst der zweite Nicht-Chemiker an der Spitze des Unternehmens. Als Finanzfachmann unumstritten, wurde er in seiner Funktion als Amerika-Chef zunächst unterschätzt. Das Amerika-Geschäft gestaltete sich lange Jahre schwierig. Bocks ist es im Krisenjahr 2009 gelungen, das Betriebsergebnis der Landesgesellschaft trotz starker Umsatzrückgänge beträchtlich auszuweiten. Damit war der Grundstein zum Aufstieg gelegt.

Der promovierte Betriebswirt Bock ist schon 1985, nach dem Studium in Münster, Köln und Pennsylvania, in die BASF eingetreten. Von 1992 bis 1996 wechselte er zu Bosch, zunächst als Leiter Finanzen, später als Geschäftsführer der brasilianischen Tochtergesellschaft. 1998 kehrte Bock zur BASF zurück, seit 2003 ist er im Vorstand. Bock ist 53 Jahre alt, verheiratet, seine drei Kinder sind wegen der Ausbildung in Amerika geblieben. Er ist Ostwestfale, geboren in der Kleinstadt Rahden am Nordzipfel von Nordrhein-Westfalen. Etwas dröge, in jedem Fall aber nüchtern und sachlich, dieses Anfangsurteil korrigiert sich bald, wenn man mit ihm spricht. Bock ist süffisant, ironisch, distanziert - die Eigenschaften eines Glaubenskriegers liegen nicht in seiner Natur.

Während seiner ersten Strategiekonferenz Ende 2011 sagte er, Europa habe keinen Grund zum Kulturpessimismus. Er gehe davon aus, dass die Staaten eine Lösung für ihre Schuldenprobleme finden, schon jetzt sei bemerkenswert, was der Druck der Kapitalmärkte bewirkt habe. Damit war aber auch Schluss. Hambrecht hätte händeringend um Reformen geworben und gemahnt und gerufen. Für Kurt Bock endet damit seine Aufgabe. Wie gesagt, er muss keine Staaten regieren, sondern einen Konzern.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
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