Debatte über Zeitarbeit

Bedarf besteht immer

Von Sven Astheimer und Philipp Krohn
20.02.2013
, 16:09
Die Vorfälle um den Versandhändler Amazon haben auch wieder Diskussionen über Zeitarbeit ausgelöst. Kein anderer Wirtschaftszweig sorgt für so viel Wirbel - gemessen an der Zahl der Beschäftigten. Daran ändert auch der Ethik-Kodex nichts, auf den die Branche verweist.

Die Geschichte hatte alle Zutaten für einen handfesten Skandal. Sicherheitspersonal in Markenkleidung, die auch Neonazis gern tragen. Ausländische Arbeitnehmer, die hilflos ihren Kontrolleuren in leer stehenden Ferienparks ausgeliefert waren, die entgegen anderslautender Versprechen zu kargen Stundenlöhnen beschäftigt wurden und mehr als zwei Wochen ohne Ruhetage arbeiten mussten. Und ein Weltunternehmen, das ungern Steuern zahlt, aber besonders geschickt darin ist, seine Kosten zu drücken. Entsprechend wütend waren die Reaktionen vieler Zuschauer auf eine ARD-Dokumentation, die den Einsatz ausländischer Leiharbeiter beim Online-Versand Amazon anprangerte.

800.000 Zeitarbeiter in Deutschland

Damit geriet auch die Zeitarbeitsbranche wieder einmal in den Fokus. Kein anderer Wirtschaftszweig sorgt gemessen an der Zahl der Beschäftigten für so viel Wirbel. In absoluten Zahlen sind es derzeit rund 800.000 Beschäftigte. Ihr Anteil an den knapp 42 Millionen Erwerbstätigen beträgt gerademal knapp zwei Prozent und liegt damit im europäischen Durchschnitt. Dennoch schafft es das Geschäft mit dem Verleih von Personal hierzulande regelmäßig in die Schlagzeilen und damit auch auf die Agenda der Politik.

Amazon hat sich von dem Sicherheitsunternehmen mit dem Akronym H.E.S.S. und einem Logistiker getrennt. Dass diese die Privatsphäre der ausländischen Leiharbeiter verletzten, belege, dass es nicht gelungen sei, die eigenen Standards auf seine Dienstleister zu übertragen, erklärte Amazon anschließend reumütig. Die Bundesagentur für Arbeit prüft, ob das Zeitarbeitsunternehmen Trenkwalder gegen Vorschriften verstoßen hat. Das Unternehmen selbst gab am Dienstag bekannt, dass weder Zoll noch Arbeitsagentur die im Fernsehbericht vorgebrachten Mängel bei einer Prüfung am Montag bestätigt hätten. Keinem Zeitarbeiter sei ein Lohnnachteil entstanden. Doch egal, wie die Sache ausgehen wird, wie groß der Skandal dann tatsächlich noch ist - der Schaden ist schon jetzt groß. Denn hängen bleiben wird bei vielen: wieder mal die Zeitarbeit.

Die Branche ist in Aufregung. „Das darf kein zweiter Fall Schlecker werden“, hofft ein Vertreter. Vor etwas mehr als drei Jahren kam der damals klamme Drogeriemarktkonzern auf die Idee, einem Teil seiner Beschäftigten zu kündigen und sie in einer neuen, internen Verleihfirma wiedereinzustellen. Der Arbeitgeber hätte dann eine Menge Geld gespart: Statt nach dem Einzelhandelstarifvertrag hätte er die Mitarbeiter zu den wesentlich niedrigeren Zeitarbeitstarifen vergüten müssen. Doch das Ganze kam ans Licht der Öffentlichkeit. Schlecker nahm seine Pläne zwar zurück, hatte seinen Ruf jedoch vollends ramponiert. Wenig später musste Schlecker Insolvenz anmelden.

Bis vor zehn Jahren war Zeitarbeit stark reguliert

Die Vorgänge riefen in Berlin die Politik auf den Plan. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte zunächst „Drehtürgeschäften“ mit Personal nach dem Vorbild Schleckers ein Ende. Vor der Arbeitsmarktöffnung für Osteuropäer wurde auch ein Branchenmindestlohn festgelegt. Die 8,19 Euro in der Stunde, die ein ungelernter Westdeutscher mindestens erhält, können sich im Vergleich zu vielen anderen Berufen etwa im Handwerk sehen lassen.

Anschließend ging Frau von der Leyen noch einen Schritt weiter und drängte die Tarifparteien zur Einführung von „Equal pay“ - der Gleichbezahlung von Stammkräften und Leiharbeitern. Im Mai vergangenen Jahres schlossen zunächst die Industriegewerkschaften mit den Zeitarbeitgebern Tarifverträge ab, die mit zunehmender Einsatzdauer die Annäherung der Lohngruppen regeln. Mittlerweile sind die meisten relevanten Branchen im Boot. In vielen Dienstleistungsbranchen erübrigen sich Zuschläge, weil die Zeitarbeiter dort ähnlich oder sogar besser verdienen. Die öffentliche Meinung haben zuletzt vor allem die aggressiven Kampagnen der IG Metall geprägt. Deutschlands größte Einzelgewerkschaft sah die Verleihbranche von Anfang an kritisch, weil sie ihre Machtbasis in den Betrieben bedrohte. Denn Zeitarbeiter sind wesentlich schwieriger zu organisieren als reguläre Arbeitnehmer. Seit der Liberalisierung der Zeitarbeit im Zuge der Agenda-2010-Politik allerdings hat der Konflikt an Schärfe deutlich zugenommen. Bis vor zehn Jahren war die Zeitarbeit in Deutschland relativ stark reguliert. Doch das Land litt nach dem Platzen der Internetblase und den Entlassungswellen vieler Unternehmen unter der Last der Massenarbeitslosigkeit. Auch um den hohen Kündigungsschutz des „Normalarbeitsverhältnisses“ zu erhalten, stimmte das Arbeitnehmerlager notgedrungen den Plänen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) zu, mit der Förderung von flexiblen Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit, Minijobs und Befristungen dem Arbeitsmarkt neuen Schwung zu geben. Gewerkschafter, die an den damaligen Verhandlungen beteiligt waren, behaupten heute noch, sie seien hinters Licht geführt worden. Man habe ihnen angeblich im Tausch für die Entfesselung der Zeitarbeit einen allgemeinen Mindestlohn versprochen, um Lohndrückerei zu verhindern. Ersteres kam, Letzteres nicht.

Branchenprimus macht knapp zwei Milliarden Euro Umsatz jährlich

Befreit von Vorschriften und Auflagen, wuchs die Branche in der Folge kräftig. Zählte die Bundesagentur für Arbeit bis 2003 im Jahresdurchschnitt jeweils etwas mehr als 300.000, waren es 2005 schon 465.000 und 2007, vor Ausbruch der Krise, schon 720.000 Leiharbeiter. Auch die Zahl der Anbieter wuchs: Zuletzt vergab die Bundesagentur für Arbeit rund 20.000 Verleihgenehmigungen, ohne die das Geschäft nicht betrieben werden darf. Viele Anbieter treten nur regional oder lokal auf und haben nur wenige Mitarbeiter. Häufig wird der Personalverleih auch nur im Nebengeschäft betrieben. An der Spitze stehen internationale Konzerne. Randstad aus den Niederlanden kommt als deutscher Branchenprimus auf knapp zwei Milliarden Euro Umsatz jährlich, Platz zwei nimmt Adecco aus der Schweiz ein. Der Markt ist extrem zersplittert.

Die beschäftigungspolitischen Erfolge zogen sozialpolitische Debatten nach sich, in deren Zentrum vor allem zwei Fragen standen: Dient Zeitarbeit zur Erledigung von Auftragsspitzen, oder verdrängt sie Stammarbeitsplätze? Und dient sie, wie von der Hartz-Kommission versprochen, gerade geringqualifizierten Arbeitslosen als Sprungbrett in eine Festanstellung, oder lässt sie Fachkräfte in prekäre Umstände abrutschen?

Jede Position lässt sich mehr oder weniger gut mit Umfragen und Studien untermauern, an denen es nicht mangelt. Fest steht aber zumindest, dass Deutschland heute so viele Erwerbstätige zählt wie nie zuvor. Es sind neue Beschäftigungsformen zu den alten hinzugekommen, sie haben sie im Saldo nicht ersetzt - was allerdings nicht heißt, dass dies in konkreten Beispielen nicht vorgekommen ist. Insgesamt muss aber eher von einer Aufteilung in Kern- und Randbelegschaften gesprochen werden.

Vorfälle bei Amazon entfachen Diskussion über Zeitarbeit neu

Der Aufstieg der Zeitarbeit wurde durch die Weltwirtschaftskrise 2008 jäh gestoppt. Die Unternehmen mussten reihenweise Aufträge stornieren. Um die Kosten in diesen schwierigen Zeiten zu drücken, wurden Überstunden abgebaut, Kurzarbeit eingeführt und Zeitarbeiter in ihre Verleihfirmen zurückgeschickt. Weil nahezu die gesamte Wirtschaft litt, gab es keine alternativen Einsatzgelegenheiten. Deshalb sank die Leiharbeiterzahl um mehr als 100.000. Für die Befürworter war dies der Beweis, dass der Flexibilitätspuffer funktionierte. Kritikern galt es als Beleg für die Existenz einer Zwei-Klassenn-Gesellschaft am Arbeitsmarkt.

Genauso schnell, wie das Geschäft einbrach, erholte es sich wieder. Dank milliardenschwerer Konjunkturprogramme brauchen die Unternehmen rasch wieder mehr Personal, wovon auch die Zeitarbeit als klassischer Frühindikator der Konjunktur profitierte. Im Jahr 2011 überschritt die Zahl der Beschäftigten in Einzelmonaten erstmals 900.000, und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Marke von einer Million geknackt werden würde. Doch dann setzte ein anderer Trend ein: Weil Fachkräfte zunehmend knapp wurden, erhielten viele Zeitarbeiter Übernahmeangebote in die Stammbelegschaften. Viele Unternehmen benutzen das Instrument heute als eine Art verlängerte Probezeit. Nach Branchenberechnungen hat die Beschäftigtenzahl sich wieder von ihrem einstigen Höhepunkt entfernt und liegt derzeit bei etwa rund 820.000.

Dennoch bieten gerade die jüngsten Vorfälle rund um Amazon wieder genügend Anlass, die alten Forderungen hervorzuholen. Hubertus Heil, der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, fordert, das Verbot einer Synchronisation bei der Zeitarbeitsfirma von Beschäftigungs- und Einsatzdauer wiedereinzuführen. Und die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen nutzt die allgemeine Empörung, um den flächendeckenden Mindestlohn wieder einmal ins Spiel zu bringen, der mittlerweile sogar schon aus einigen Teilen der Union unterstützt wird. Auch die Verteidigungslinie der Branche ist schon aus früheren Auseinandersetzungen erprobt. „Immer dort, wo illegale beziehungsweise unethische Machenschaften im Zusammenhang mit Zeitarbeitseinsätzen praktiziert werden, distanzieren wir uns ausdrücklich davon“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, Werner Stolz. Er verwies auf den detaillierten Ethik-Kodex seiner Organisation, der Begriffe wie Fairness, Zuverlässigkeit und Seriosität mit Leben zu füllen versucht. Daran hatte sich Amazon womöglich nicht gehalten. Die Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda erklärte, sie habe sich von dem Unternehmen getäuscht gefühlt und sei davon ausgegangen, dass die 68 Saisonarbeitskräfte aus Spanien - für die dieselben Bedingungen gelten wie für deutsche Leiharbeiter - direkt bei Amazon eingestellt würden.

Quelle: F.A.Z.
Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sven Astheimer
Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
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Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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