Einwanderung in Deutschland

Keine Rede von Islamisierung!

Von Ralph Bollmann
12.01.2015
, 12:11
Anhänger der Pegida-Bewegung demonstrieren in Dresden gegen muslimische Einwanderer.
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Noch nie kamen so viele Einwanderer nach Deutschland wie heute. Die meisten von ihnen stammen aus christlich geprägten Ländern.
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An diesem Montag wollen sie in Dresden wieder demonstrieren, gegen eine „Islamisierung des Abendlands“. Dass ausgerechnet in der sächsischen Hauptstadt kaum Muslime leben, wurde gegen das Unterfangen schon oft eingewandt. Was bislang jedoch unterging: Die Einwanderung nach Deutschland insgesamt ist seit einigen Jahren so christlich-abendländisch geprägt wie seit langen Zeiten nicht mehr – von einer „Islamisierung“ kann mit Blick auf die Zahlen keine Rede sein.

Zuletzt feierte sich Deutschland als das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt, nach den Vereinigten Staaten. Dabei ist die Bundesrepublik keineswegs bei Einwanderern aus aller Welt populär, sondern vor allem bei anderen Europäern. Aus katholisch geprägten Ländern wie Polen, Italien oder Spanien kommen die Leute ins Land, ebenso aus Regionen mit orthodoxer Tradition wie Rumänien, Bulgarien oder Griechenland. Die Türken, größte Bevölkerungsgruppe mit muslimischem Hintergrund, wandern eher ab.

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Dresden
Zehntausende protestieren gegen Pegida

Die Polen fallen überhaupt nicht auf

Im Jahr 2013 kamen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts rund 450.000 Einwanderer zusätzlich ins Land – netto, das heißt: Die Abwanderer sind bereits abgezogen. Diese Zahl liegt so hoch wie seit den frühen neunziger Jahren nicht mehr. Zugleich hat sich ein Wandel der Herkunftsländer und des Bildungsniveaus vollzogen – „von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt“, wie Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt. Die Zuzügler sind heute nicht nur zu zwei Dritteln Bürger der Europäischen Union. Sie sind auch sehr viel besser qualifiziert als früher.

Ausgerechnet die größte Gruppe der Einwanderer ist diejenige, über die hierzulande am wenigsten diskutiert wird: Seit Jahren stehen die Polen auf dem ersten Platz der Statistik, im Jahr 2013 kamen unter dem Strich rund 70.000 Menschen aus dem östlichen Nachbarland. Sie hegen nicht nur ähnliche Vorlieben für handfeste Arbeit und rustikales Essen, sie haben auch eine ähnliche Struktur der Berufsausbildung: Der Anteil der Hochschulabsolventen ist geringer als bei anderen Neudeutschen etwa aus Südeuropa – und damit fast so niedrig wie bei den Einheimischen in der Bundesrepublik, einem Land mit sehr niedrigem Akademisierungsgrad. Kurzum: Die Polen fallen überhaupt nicht auf.

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Zuzug aus Deutschlands Urlaubsländern

Ähnlich wäre es mit der großen Mehrzahl der insgesamt 70.000 Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien, gäbe es nicht die Debatte um die kleine Minderheit der Roma. „Migranten aus Bulgarien und Rumänien sind weniger von Arbeitslosigkeit betroffen als der Durchschnitt aller Ausländer in Deutschland und beziehen daher auch weniger Sozialleistungen“, stellt das IAB fest. Kamen anfangs viele Ärzte, so sind es inzwischen geringer Qualifizierte wie Saisonarbeiter. Auch sie werden in der Regel dringend gebraucht.

Bild: F.A.Z.

Weitere 70.000 Zuzügler kamen aus den Krisenländern in Südeuropa – vor allem aus Italien und Spanien, in geringerer Zahl auch aus Griechenland und Portugal. Auf diese Einwanderer sind viele in Deutschland besonders stolz. Aus den Ländern, in denen wir früher Urlaub machten, drängen die Leute auf einmal in den Norden: Nichts scheint die neue Attraktivität Deutschlands besser zu belegen. Noch dazu sind die Neuankömmlinge aus dem Süden viel besser qualifiziert als die früheren Gastarbeiter. Jeder zweite hat einen Hochschulabschluss.

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Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien

In Bezug auf die Türkei ist Deutschland hingegen seit Jahren ein Auswanderungsland. Im Jahr 2013 zogen 27.000 Menschen aus der Bundesrepublik dorthin, überwiegend Rückkehrer. Nur 23.000 Personen nahmen den umgekehrten Weg. Das ist auch eine Folge verschärfter Gesetze, was etwa den obligatorischen Sprachtest beim Familiennachzug betrifft. Wollen gut ausgebildete Türken auswandern, gehen sie ohnehin lieber nach Amerika als nach Deutschland.

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Bleiben die Asylbewerber, von denen allerdings unklar ist, wie viele dauerhaft in Deutschland leben dürfen. Halbwegs sicher ist das nur bei den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, weil eine Befriedung ihres Heimatlands vorerst nicht absehbar ist. Aus dem Land kamen im Jahr 2013 bereits 17.000 Menschen nach Deutschland, im Jahr 2014 waren es bis Ende November bereits doppelt so viele. Unter ihnen sind auch viele Christen, die Deutschland bevorzugt aufnehmen wollte. Über die Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt lässt sich aufgrund der kurzen Zeit bislang wenig sagen.

„Eine große Nachfrage nach geringer qualifizierten Tätigkeiten“

Integrationsprobleme gibt es eher mit den Einwanderern, die schon lange da sind, als mit den Neuankömmlingen. Das liegt vor allem daran, dass der Anwerbung von „Gastarbeitern“ einst völlig andere Prämissen zugrunde lagen: Um den Einheimischen den Aufstieg in höher qualifizierte Job zu ermöglichen, sollten sie die Hilfsdienste übernehmen. Man müsse „die primitiveren Arbeiten von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen“, sagte der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.

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Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt, zumindest, was den Bildungsgrad betrifft. Von allen Einwanderern, die in den vergangenen fünf Jahren aus Südeuropa gekommen sind, hatten 47 Prozent einen akademischen Abschluss. Bei den Osteuropäern waren es immer noch 26 bis 27 Prozent, bei den einheimischen Deutschen hingegen nur 21 Prozent. Am unteren Spektrum ist das Verhältnis genau umgekehrt: Dort sind mehr Ausländer als Deutsche ohne Ausbildung. Das liegt allerdings auch daran, dass viele Länder das deutsche System der dualen Berufsausbildung nicht kennen.

Aber auch viele der gut ausgebildeten Ausländer arbeiten zunächst in Jobs unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation – ein typisches Phänomen in Einwanderungsgesellschaften. Gerade die Osteuropäer finden sich häufig in der Gastronomie oder in Pflegeberufen, in der Landwirtschaft oder auf dem Bau. Diesen Bedarf hat man bei allen Debatten um hochbezahlte Fachkräfte offenkundig übersehen. „Es gibt in unserer Volkswirtschaft eine große Nachfrage nach geringer qualifizierten Tätigkeiten“, sagt Arbeitsmarktforscher Brücker.

Die Einwanderung von Morgen

Die Frage bleibt: Wer macht diese Jobs, wenn die Einwanderung aus der EU zum Erliegen kommt? Absehbar ist das. Sollte sich die wirtschaftliche Lage in den Herkunftsländern verbessern, weil sich der Süden erholt oder der Osten aufschließt: Dann wird sich mancher Italiener doch besinnen, dass am Mittelmeer das Wetter besser ist – das ist die Kehrseite der neuen Mobilität in Europa. Und irgendwann sind alle, die aus Rumänien weggehen könnten, auch gegangen. „Die meisten der Länder haben ein ähnliches Demographieproblem wie wir“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

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Er befürwortet deshalb ein Einwanderungsgesetz, wie es jetzt viele fordern – von den Grünen bis zur AfD. Schon die jüngste Einwanderungswelle war letztlich politisch gesteuert: durch die Öffnung der Grenzen nach Osten einerseits, durch zunehmende Abschottung gegenüber dem Rest der Welt andererseits. Ein neues Gesetz wird deshalb wieder stärker den Weg ebnen müssen für Einwanderer, die aus Ländern jenseits der EU-Grenzen stammen – aus Berufen, die in Deutschland benötigt werden.

Es ist interessant, welche Länder Klingholz vor allem nennt: Indien, Bangladesch, Pakistan. Es sind Staaten, die nicht nur ein hohes Bevölkerungswachstum haben – sondern auch deutlich mehr Menschen ausbilden, als sie auf dem eigenen Arbeitsmarkt benötigen. Darunter werden, wie leicht zu erkennen ist, auch muslimisch geprägte Länder sein. So gesehen, ist die Islamisierung der Einwanderungspolitik eine Aufgabe für die Zukunft. Und kein Faktum der Gegenwart.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bollmann, Ralph
Ralph Bollmann
Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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