Jugendliche in Südeuropa

Eine verlorene Generation

Von Lisa Nienhaus
25.01.2015
, 14:23
Junge Leute demonstrieren in Madrid.
Die Krise in Südeuropa trifft vor allem junge Leute. Sie verarmen rascher als die Älteren und sind in großer Zahl arbeitslos. Wie lange lassen sie sich das gefallen?
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Félix García-Primi hat die Krise voll getroffen. Er ist gut ausgebildet, ein Ingenieur, arbeitete auf einer guten Stelle im Baugewerbe in Barcelona. Dann ging er für ein Master-Studium nach Schottland. Als er mit neuem Titel nach Spanien zurückkehrte, war die Krise da. Und der Akademiker fand keine Stelle. Erst versuchte er es beim alten Arbeitgeber – „keine Aufträge“ –, dann in Barcelona, dann in ganz Spanien. „Es war nichts zu machen“, sagt er. Dann hörte er von der guten Lage in Deutschland. Obwohl er seine Freundin in Barcelona hatte und kein Deutsch sprach, bewarb er sich auf zwei Stellen.

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Seit eineinhalb Jahren arbeitet der Spanier nun nahe Lörrach an der Schweizer Grenze. Für seinen deutschen Arbeitgeber, einen mittelständischen Maschinenbauer, erschließt er Märkte in Amerika und Mexiko. Seine Freundin, die mittlerweile seine Ehefrau ist, zieht demnächst nach und lernt schon Deutsch. Félix ist froh, untergekommen zu sein. Er findet, die Deutschen sind lustiger und netter, als viele Spanier denken. Aber er sagt auch: „Ich wäre natürlich lieber in Barcelona.“ Wenn er mit Leuten dort redet, kennt eigentlich jeder immer irgendeinen, der gerade arbeitslos ist. Félix’ Freunde – alles Akademiker – arbeiten zwar alle, aber viele verdienen schlecht. „Gutbezahlte Jobs gibt es seit der Krise nicht mehr“, sagt Félix.

Die Zahlen zeigen deutlich: In Spanien wächst eine vernachlässigte Generation heran. 2013 waren 41 Prozent der unter 30-Jährigen in Spanien arbeitslos. 2007, vor der Krise, waren es nur 12 Prozent. Die von der OECD gemessene Einkommensarmut stieg für Jugendliche seit der Krise steil an. 2007 waren 10 Prozent der Spanier zwischen 18 und 25 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung arm. 2011 waren es schon 18 Prozent. Derweil blieb der Anteil in der Gruppe der 51- bis 65-Jährigen konstant. Die noch Älteren wurden sogar relativ reicher. Insgesamt verloren zwar alle Spanier zwischen 2007 und 2011 an Einkommen, doch die Alten verloren am wenigsten, fast gar nichts. So sind sie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung nun deutlich reicher als zuvor.

Griechenland
Die Krisenkinder von Athen
© picture-alliance/dpa, Deutsche Welle

Ältere verlieren am wenigsten Geld durch die Krise

So oder ähnlich ist es auch in anderen Ländern. Beinahe in allen Krisenländern Südeuropas sind die Effekte vergleichbar. In Deutschland haben die Jugendlichen zuletzt beinahe parallel zu den Älteren an Einkommen gewonnen, wegen der guten wirtschaftlichen Lage. In Spanien, Griechenland, Portugal, Irland stürzten sie tief ab – und kommen aus dem Loch nicht mehr heraus.

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Spanien und Griechenland haben seit mindestens vier Jahren Massenarbeitslosigkeit. Von den unter 25-Jährigen sind mehr als 50 Prozent arbeitslos. In Italien liegt die Quote seit eineinhalb Jahren bei mehr als 40 Prozent, in Portugal seit vier Jahren bei mehr als 30 Prozent, in Frankreich seit Jahren um die 25 Prozent. Dagegen sieht die deutsche Jugendarbeitslosigkeit mit 7,4 Prozent traumhaft niedrig aus. In den Krisenländern verteilt sich die Arbeitslosigkeit extrem ungleich. Sie liegt in der Gesamtbevölkerung meist nur halb so hoch wie bei den Jungen.

Berufsanfänger haben es schwer

Das wirkt sich auf die Einkommensarmut aus. In allen europäischen Ländern, die von der Finanz- und Euro-Krise besonders heftig getroffen wurden, sind die Jugendlichen im Vergleich zur Restbevölkerung deutlich ärmer geworden, während die Alten sich relativ besserstellten.

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Das ist insbesondere in Ländern wie Griechenland überraschend. Dort ging es in der öffentlichen Diskussion um die angemahnten Sparprogramme immer darum, Renten zu kürzen und Löhne zu senken, etwa im öffentlichen Dienst. Das hätte die Älteren treffen sollen, was in kleinerem Maße auch geschah. Doch die Jungen verloren doppelt so viel. In Portugal, das auch unter den Rettungsschirm flüchtete und deshalb Sparprogramme auflegen musste, wuchs das Einkommen der Älteren zwischen 2007 und 2011 sogar. Verloren haben wieder die Jungen.

Bild: F.A.Z.

Ganz überraschend ist es nicht, dass in der Krise gerade die Jüngeren leiden. Schließlich reagieren die Unternehmen auf Schwierigkeiten meist damit, dass sie erst einmal keine Arbeiter neu einstellen. Da haben es Berufsanfänger schwer. Zudem verhindert der in Südeuropa übliche, starke Kündigungsschutz, dass die Firma viele Ältere entlässt – selbst wenn sie es wollte. Félix García-Primi findet das sogar gut. Er sagt: „Wenn Ältere entlassen werden, die vielleicht eine Familie zu ernähren haben, ist das natürlich viel härter, als wenn wir Jungen keine Stelle bekommen.“

Doch dieses Prinzip, vor allem die Jungen leiden zu lassen, bleibt nur bei kürzeren Krisen erträglich. Dieses Mal ist es anders. Die Krise währt jetzt schon so lange, dass die Auswirkungen größer sind als sonst. Die Arbeitslosen werden älter, und aus der Jugendarbeitslosigkeit wird eine Arbeitslosigkeit der unter 30- oder unter 35-Jährigen. Und aus den klammen Zeiten für die Jugend werden klamme Zeiten für Menschen unter 35 Jahren. Außerdem breitet sich die Arbeitslosigkeit über alle sozialen Schichten aus: von den eher Ungebildeten bis hin zu den gut ausgebildeten Akademikern. Es trifft auch die, die eigentlich alles richtig gemacht haben.

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Ein Leben lang gezeichnet von der Krise

Wir haben in Europa eine verlorene Generation: Sebastian Königs, der für die OECD die Jugend Europas erforscht, findet den Begriff falsch, „weil man damit impliziert, dass diese Generation keine Chance mehr hat“. Er nennt sie „die vernachlässigte Generation“. Die Jungen müssen ausbaden, was in ihrem jeweiligen Land schiefgelaufen ist. Auch deshalb, weil sie nicht im Fokus der Politik stehen. Der für den Wahlausgang entscheidende „Medianwähler“ werde älter. „Das führt dazu, dass die Interessen der Älteren mehr in den Blick geraten. Für die Jüngeren wird es schwer, sich Gehör zu verschaffen.“ Insofern trifft die Beschreibung als die „Verlorenen“ auf die Jungen doch zu: Sie werden ein Leben lang von diesen Jahren der Depression gezeichnet sein.

Selbst in Deutschland gab es zuletzt eine Politik, die vornehmlich die Älteren privilegierte. „Mütterrente, Rente mit 63, das sind Themen für Menschen, die am Ende des Berufslebens stehen“, sagt Königs. Im politischen Leben beobachtet OECD-Mann Königs eine ziemlich große Verwirrung. „Wenn wir über Altersarmut sprechen, dann denken viele Leute, wir sprächen über die alten Leute von heute“, sagt er. „Aber denen geht es zumeist noch gut.“ In Wahrheit gehe es primär um die heute Jüngeren, die später betroffen sein werden. „Im Vergleich zur heutigen Altersarmut in Europa ist die Armut der Kinder und Jugendlichen oft dringender.“

Das bedeutet keineswegs, dass die Politik das Thema Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa nicht längst entdeckt hätte – auch wegen der Proteste in Spanien im Jahr 2011. Es gab große Ankündigungen, Geld, eine „Jugendgarantie“. Doch Geld allein bringt in diesen Zeiten wenig. Es fehlt dreierlei. Erstens das, was man „Strukturreformen“ nennt – und was im Sinne der Jugendlichen vor allem bedeutet: Knackt den strengen Kündigungsschutz. Wichtig ist zweitens eine Reform des Ausbildungssystems, um die Leute in die Betriebe zu bringen. Man kann es fast nicht mehr hören, aber das duale Ausbildungssystem in Deutschland ist leuchtendes Vorbild. Drittens fehlt Wachstum. Dann verschwindet Arbeitslosigkeit wie von selbst. Aber wie das zu erreichen ist, darüber entzweit sich Europa gerade.

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Auch Ungelernte finden in Deutschland Arbeit

Angesichts der desaströsen Lage ist es schleierhaft, wieso es zwar immer mal wieder Proteste von Jugendlichen in einzelnen Ländern gibt, aber keine breite Jugendbewegung, die für ihre Rechte kämpft und sich nicht von den Älteren ihrer Chancen berauben lässt. Ökonomen wie Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, finden schon lange, dass es einen solchen Aufstand der Jungen brauchte.

Vielleicht sind die Jungen zu wenige. Oder sie sind zu pragmatisch. Denn einige haben für sich persönlich einen anderen Weg aus der Krise gefunden: Sie wandern aus und ziehen zum Beispiel Richtung Deutschland. Nicht nur Akademiker finden so eine Stelle, sondern auch Ungelernte. Rodrigo Tena Coello de Portugal etwa. Der junge Spanier lernt in Koblenz Kfz-Mechatroniker. Seit 2012 ist er hier, gerade hat er die Zwischenprüfung bestanden. Sein Chef ist stolz. „Er wird nächstes Jahr die Gesellenprüfung ablegen, und sein Deutsch wird immer besser.“

Was man sich in Europa immer gewünscht hatte: dass die Arbeitskräfte zwischen den Ländern hin- und herwandern – das wird nun, in der Krise, Wirklichkeit. „Aber eigentlich hatte man sich das anders vorgestellt“, sagt OECD-Forscher Königs. „Freiwilliger und weniger einseitig.“

Quelle: F.A.S.
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